Aktualisiert 20.02.2017 16:03

Zu viele Maturanden?

«Angst, dass Gymi-Schüler Staat auf Tasche liegen»

Bildungsökonom Stefan Wolter glaubt nicht, dass die gymnasiale Maturitätsquote weiter ansteigen wird. In der Westschweiz dürfte sie gar sinken.

von
D. Pomper
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Warum finden die meisten Schweizer, dass es zu viele Gymnasiasten gibt? «Widerstand kommt auch von denjenigen, die befürchten, dass Gymnasiasten später Fächer studieren, die auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt sind, und dem Staat auf der Tasche liegen», sagt Bildungsökonom Stefan Wolter.

Warum finden die meisten Schweizer, dass es zu viele Gymnasiasten gibt? «Widerstand kommt auch von denjenigen, die befürchten, dass Gymnasiasten später Fächer studieren, die auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt sind, und dem Staat auf der Tasche liegen», sagt Bildungsökonom Stefan Wolter.

Benjamin Zurbriggen
In der Schweiz betrug 2015 die gymnasiale Maturitätsquote 20,1 Prozent. Frauen erlangten mit 23,7 Prozent häufiger die gymnasiale Matur als Männer (16,7 Prozent).

In der Schweiz betrug 2015 die gymnasiale Maturitätsquote 20,1 Prozent. Frauen erlangten mit 23,7 Prozent häufiger die gymnasiale Matur als Männer (16,7 Prozent).

Keystone/Georgios Kefalas
59 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung sind der Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten gibt. Nur 2 Prozent finden, dass es zu viele Lehrlinge hat. 20 Prozent halten das Verhältnis für genau richtig. Das zeigt die Resultate der neuesten Vimentis-Umfrage.

59 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung sind der Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten gibt. Nur 2 Prozent finden, dass es zu viele Lehrlinge hat. 20 Prozent halten das Verhältnis für genau richtig. Das zeigt die Resultate der neuesten Vimentis-Umfrage.

Herr Wolter, warum finden die meisten Schweizer, dass es zu viele Gymnasiasten gibt?

Erstens überschätzen viele die tatsächliche gymnasiale Maturitätsquote, die bei 20,1 Prozent liegt. Werden die Befragten darüber informiert, sinkt die Zahl derer, die diese Meinung vertreten. Das hat unsere eigene Umfrage gezeigt. Eine besonders hohe Zustimmung stellten wir bei den über 50-Jährigen fest. Diese Leute stammen aus einer Zeit, in der die Maturitätsquote bei 10 Prozent oder darunter lag. Sie haben das Gefühl, dass inzwischen jeder eine Matura absolviert. Widerstand kommt aber auch von denjenigen, die befürchten, dass Gymnasiasten später Fächer studieren, die auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt sind, und dem Staat auf der Tasche liegen.

Genau davor warnt auch die SVP. Immer mehr Akademiker würden keinen Job mehr finden. Stimmt das?

Dafür gibt es keine Indizien. Gemäss der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung hat sich die Akademikerquote in den letzten 20 Jahren zwar verdoppelt. Der Lohnvorteil ist aber der gleiche geblieben. Die Veränderung entspricht also dem Bedürfnis des Arbeitsmarktes.

Es drohen also keine Zustände wie in Spanien, einem Land mit einer sehr hohen Maturitätsquote und einer Jugendarbeitslosigkeit von über 70 Prozent?

Nein. Aber diese Angst könnte ebenfalls ein Grund dafür sein, warum viele das Gefühl haben, dass wir zu viele Gymnasiasten haben.

Warum hat sich die Maturitätsquote seit den 80er-Jahren verdoppelt?

Bis Ende der 70er-Jahre haben fast nur Buben das Gymi besucht. Dann haben die Mädchen aufgeholt. Ab dem Punkt, wo die beiden Geschlechter gleichauf waren, hat sich die Quote seit 2005 bei etwa 20 Prozent eingependelt.

Sie glauben nicht, dass sie weiter steigen wird?

Nein. Stattdessen gehe ich davon aus, dass sich die Quote zwischen den Kantonen angleichen wird. Im Kanton Obwalden absolvieren um die 15 Prozent eine Matura, in Genf über 30 Prozent. Gerade in der Westschweiz findet ein Umdenken statt. Viele Gymnasiasten aus dieser Region scheitern während dem Studium, weil sie überfordert sind. Firmen finden keine guten Lehrlinge mehr. Will man die Berufsbildung verbessern, dann darf man nicht jeden ans Gymi lassen. In den Deutschschweizer Kantonen mit tiefer Maturitätsquote dagegen steigt der Druck der Eltern, die wollen, dass ihre Kinder ans Gymi gehen. Gerade im Wissen darum, dass sie es in einem anderen Kanton schaffen würden. Die Quote der Berufsmaturität dürfte dagegen ansteigen.

Warum?

Gerade die Jungen sind der Meinung, dass sie einen tertiären Schulabschluss brauchen, um im Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein und zu bestehen. Es ist ja auch nachvollziehbar, sich weiterzubilden, wenn man danach ein paar Tausend Franken mehr verdient. Will man die Anzahl Gymnasiasten bremsen, dann muss der Zugang zur Berufsmaturität verbessert werden.

Damit dürfte sich der Fachkräftemangel etwa bei den Handwerkern weiter verschärfen …

Wenn ich höre, dass 200'000 KV-Stellen wegen der voranschreitenden Digitalisierung bedroht sind, dann lauert die Gefahr ganz woanders. Vielleicht braucht es den Elektriker eines Tages gar nicht mehr, weil ein Roboter seine Arbeit übernimmt.

*Bildungsökonom Stefan Wolter verantwortet im Auftrag von Bund und Kantonen das Bildungsmonitoring und verfasst alle vier Jahre den Bildungsbericht. Er lehrt an den Universitäten Bern und Basel.

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