«Angst ist berechtigt» – das droht Schweiz-Chinesen, die demonstrieren

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Schweiz«Angst ist berechtigt» – das droht Schweiz-Chinesen, die demonstrieren

Chinesen in der Schweiz haben Angst, sich öffentlich gegen die chinesische Politik aufzulehnen. Experten erklären, welche Konsequenzen ihnen drohen könnten. 

von
Michelle Ineichen

Darum gehts

  • Die Proteste gegen die chinesische Regierung reissen nicht ab.

  • Auch in der Schweiz gehen Chinesen auf die Strasse. Weil sie Konsequenzen befürchten, nehmen sie an den Demos nur vermummt teil. 

  • Gemäss Experten ist die Angst berechtigt. 

Sie zeigen sich ausschliesslich vermummt, weil sie Angst vor Konsequenzen haben: Chinesen, die in der Schweiz demonstrieren, um ihre Solidarität mit den Menschen in ihrem Heimatland zu zeigen. Gemäss Experten ist die Angst berechtigt. Laut Ralph Weber, Professor für European Global Studies der Universität Basel, gibt es oft Botschaftsmitarbeiter oder parteinahe Chinesinnen und Chinesen, die Demonstrationen beiwohnen und dokumentieren, wer teilgenommen hat, um diese Informationen weiterzugeben.

In der Schweiz gebe es mehrere Organisationen, die mit der chinesischen Einheitsfront, einem Departement der Kommunistischen Partei Chinas, verbunden sind. Deren Aufgabe sei es, «aufmüpfige» Chinesinnen und Chinesen auch im Ausland auf Parteilinie zu bringen.

«Chinesinnen und Chinesen, die sich dem verweigern, werden in der Gemeinschaft marginalisiert oder auch direkter in die Schranken gewiesen», sagt Weber. Besondere Aktionen wie die in Zürich könnten zudem insbesondere für die Familienangehörigen in China Konsequenzen haben.

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Bei der Zürcher Rathausbrücke versammelten sich am Dienstagabend Dutzende Personen.

Bei der Zürcher Rathausbrücke versammelten sich am Dienstagabend Dutzende Personen.

20min/Marco Zangger
Sie wollten auf die Zero-Covid-Strategie Chinas aufmerksam machen und den Brandopfern von Urumqi gedenken.

Sie wollten auf die Zero-Covid-Strategie Chinas aufmerksam machen und den Brandopfern von Urumqi gedenken.

20min/Marco Zangger
«Es macht uns wütend, dass zehn Menschen sterben mussten, weil sie wegen der Massnahmen nicht aus dem Gebäude flüchten konnten», sagte eine 30-jährige Teilnehmerin im Vorfeld zur Veranstaltung.

«Es macht uns wütend, dass zehn Menschen sterben mussten, weil sie wegen der Massnahmen nicht aus dem Gebäude flüchten konnten», sagte eine 30-jährige Teilnehmerin im Vorfeld zur Veranstaltung.

20min/Marco Zangger

«In China sind die Familienmitglieder füreinander verantwortlich»

Laut Patrick Ziltener, Professor für Soziologie an der Universität Zürich, können Verwandte in China beispielsweise an Karrieremöglichkeiten und gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten gehindert werden. «Die betroffenen Familien könnten zum Beispiel sozial geächtet werden. Dies kann dazu führen, dass sie Druck auf die Diaspora ausüben, mit den Protesten aufzuhören.» 

Dass die Familienmitglieder für das Handeln ihrer Verwandten bestraft werden, habe tiefreichende kulturelle Wurzeln: «In China sind die Familienmitglieder füreinander verantwortlich. Es ist seit Jahrhunderten so, dass die ganze Familie für die Aktionen eines einzigen Mitglieds bestraft wird.» Das habe es schon während der Kaiserzeit und auch unter Mao Zedong gegeben.

Die Angst der hiesigen Chinesen sei deshalb berechtigt und nachvollziehbar. Umso bemerkenswerter sei es, dass die chinesische Community in der Schweiz trotzdem auf die Strasse geht: «Das ist hier im Ausland höchst selten. Solche Proteste sind aber wichtig, um auf die Problematik aufmerksam zu machen.» 

Höchste Corona-Zahlen seit Beginn der Pandemie

Zu Tausenden gehen die Menschen in China seit ein paar Tagen auf die Strassen und fordern ein Ende der Zero-Covid Strategie des Regimes. China leidet derzeit unter den höchsten Corona-Zahlen seit Beginn der Pandemie. In Millionenstädten wie Peking, dem schwer betroffenen südchinesischen Guangzhou oder in Chongqing gelten weitgehende Bewegungsbeschränkungen.

Während der Rest der Welt längst mit dem Virus lebt, hält China an seiner strengen Zero-Covid-Strategie fest. Schon bei einzelnen Fällen werden Wohnviertel abgeriegelt. Kontaktpersonen kommen in Quarantänelager. Infizierte werden im Krankenhaus isoliert. Auch nach fast drei Jahren Pandemie sind Chinas internationale Grenzen weitestgehend geschlossen. 

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

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