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Erste willkommene Mücke der WeltAngst oder Ausreden der Golfmillionäre

Die meisten Athletinnen und Athleten reissen sich darum, an den Olympischen Spielen teilnehmen zu können. Nicht so die Golfer-Gilde.

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Die besten vier Golfer der Weltrangliste haben sich für Rio abgemeldet. Dazu gehört der Amerikaner Jordan Spieth.

Die besten vier Golfer der Weltrangliste haben sich für Rio abgemeldet. Dazu gehört der Amerikaner Jordan Spieth.

AFP/Andrew Redington
Auch der Australier Jason Day verzichtet auf die Olympischen Spiele.

Auch der Australier Jason Day verzichtet auf die Olympischen Spiele.

AFP/Stuart Franklin
Dustin Johnson aus den USA und die zuvor genannten gaben alle denselben Grund für ihre Absage an: Angst vor dem Zika-Virus.

Dustin Johnson aus den USA und die zuvor genannten gaben alle denselben Grund für ihre Absage an: Angst vor dem Zika-Virus.

AFP/Stuart Franklin

Es gibt Tausende von schwitzenden Sportlerinnen und Sportlern, die immer nur ein lohnendes Ziel vor Augen haben: die Olympischen Spiele. Sommer oder Winter. Manche verkrampfen sich, wenn der grosse Augenblick kommt. Denn sie wissen: Wenn ich jetzt versage, muss ich wieder vier Jahre warten. Oder soll ich doch lieber zurücktreten? Die Rede ist vor allem von Athleten, deren Sportart oder Disziplin weltweit nicht im Rampenlicht steht. Athleten, die sich kaum Stars nennen können, auch wenn sie ihr Metier noch so gut beherrschen. Es sind Fechterinnen, Ringer, Judokas, Hammerwerfer, Geherinnen, Taekwondo-Kämpfer, Wildwasser-Kanutinnen. Vernimmt man den Namen eines Olympiasiegers aus diesen Sportarten, sagen sich die meisten: noch nie gehört! Und doch ist olympisches Gold ein Lebenstraum.

Es gibt neben den schwitzenden ein paar wenige Athleten beziehungsweise Spieler, die nicht im Vierjahreszyklus denken und handeln. Es sind Sportler, die jahraus, jahrein von einem TV-Ereignis zum anderen reisen und sich ihre «Arbeit» durch Abermillionen von Dollars vergüten lassen. Es sind die Golfer, die Golfprofis. Die Besten unter ihnen verdienen jährlich zwischen 6 und 15 Millionen Dollar an Preisgeld, dazu das Vier- bis Sechsfache dank individuellen Werbeverträgen.

McIlroy provoziert mit Aussage

Ist es ein Zufall, dass sich genau die ersten vier der Weltrangliste schon vor geraumer Zeit vom Olympiaturnier abgemeldet haben? Es müssen weitgehend sehr um ihre Gesundheit besorgte Menschen sein. Denn drei von ihnen – der Australier Jason Day sowie die Amerikaner Dustin Johnson und Jordan Spieth – gaben sinngemäss den identischen Grund für das Fernbleiben an: «Wir können es nicht riskieren, vom Zika-Virus angesteckt zu werden.» Fertig.

Der Vierte der vier, der Nordire Rory McIlroy, erwähnte an einer Medienkonferenz das Zika-Virus nicht. Er sagte vielmehr: «Olympische Spiele sind belanglos. Sie interessieren mich nicht.»Das sagte der Superstar seiner Sportart ganz öffentlich in die Gesichter der Abertausenden von Sportlern, die sich vier Jahre lang für ihr absolutes Highlight Rio gequält haben.

Null Franken Preisgeld

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Nach dieser Aussage kann man McIlroy mit viel Wohlwollen Unüberlegtheit zugutehalten. Viel eher aber muss er sich Dummheit, Arroganz, Frechheit und Respektlosigkeit vorwerfen lassen. Nur die Ehrlichkeit spricht für den lausbubenhaften Nordiren, der dank seinem Sportspiel längst ein Vermögen in dreistelliger Millionenhöhe auf der Seite hat. Es ist auch denkbar, dass McIlroy als katholischer Nordire sowieso nicht erpicht ist, an den Olympischen Spielen für Grossbritannien unter dem Union Jack zu spielen. Sonst würden am Ende sogar noch die Engländer an seiner Medaille teilhaben wollen. Das ist jedoch reine Spekulation, zumal der Golfer seinen Glauben nie in den Vordergrund gestellt hat.

Was ist mit den erwähnten Day, Johnson, Spieth? Nach McIlroys Statements liegt die Vermutung nahe, dass auch sie nicht nach Rio gehen wollen, weil sie einfach keine Lust haben. Es gibt dort null Franken Preisgeld. Vielleicht würden sie das Turnier über viermal 18 Löcher als Fronarbeit anschauen. Und so liegt eine weitere Vermutung nahe: Sie, die in ihrer Karriere gerade im Süden der USA bestimmt schon von Hunderten von Mücken gebissen oder gestochen worden sind, heissen die Zika-Mücke für ihr Argumentarium herzlich willkommen. Wer soll ihnen schon widerlegen, dass ihnen die Angst vor der Ansteckung durch das Insekt schlaflose Nächte bereitet hat.

Für andere der grosse Traum

Day, Johnson und Spieth waren vielleicht nicht ganz ehrlich, aber sie haben es ganz sicher geschickter angestellt als McIlroy. Sie sind mit einem etwas faden Beigeschmack aus dem Schneider. Und sie können die Wochen der Sommerspiele nutzen, um die lukrativen Turniere im Herbst vorzubereiten. In allen vier Turnieren der Finalserie in den USA geht es um ein Preisgeld von 8,5 Millionen Dollar, nicht um eine Goldmedaille ohne materiellen Wert.

Man sollte indessen nicht alle Golfprofis in den gleichen Kübel werfen. Die insgesamt 120 für Rio qualifizierten Golferinnen und Golfer schwärmen zum grössten Teil vom Olympiaturnier. Für die 29-jährige Zugerin Fabienne In-Albon ist es der unbestrittene Höhepunkt der bisherigen Karriere. Sie lasse sich ihren grossen Traum nicht von einer Mücke kaputtmachen, sagte sie vor der Reise nach Brasilien.

Noch keine Gleichberechtigung

Gerade die Frauen, auch die Millionärinnen unter den Profis, finden nur lobende Worte über den riesigen Anlass. Die Weltranglisten-Erste Lydia Ko aus Neuseeland sagte, sie könne sich nichts Reizvolleres vorstellen, als in Rio für ihr Land zu spielen.

Dazu sollte man aber noch anfügen, dass es – ganz im Unterschied zum Tennis – im Golf noch keine Gleichberechtigung gibt. In den USA gibt es auf der Frauentour drei- bis viermal weniger an Preisgeld zu verdienen als auf dem Circuit der Männer. Ein Frauenturnier ist typischerweise mit zwei Millionen Dollar dotiert, ein Männerturnier mit sechs bis acht Millionen. Zudem ist der Turnierkalender der Frauen viel weniger prall als der der Männer.

Was wird sein, wenn irgendwann Gleichberechtigung herrschen wird? Werden sich die besten vier Frauen der Welt für die Sommerspiele 2020 in Tokio abmelden? Irgendein gefährliches Insekt wird bestimmt auch in Japan sein Unwesen treiben. (sda)

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