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Städtestreit eskaliert nach TikTok-VideoAngst und Trauer nach Unfalltod von 15-Jährigem

Es begann mit einem Streit auf Tiktok – nun ist A. R. (15) tot. Auch zwei Wochen nach dem Zugunglück sind Gleichaltrige aus der Region fassungslos.

von
Anja Zingg
Gilles Brönnimann
20 Minuten
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Vor zwei Wochen starb ein 15-Jähriger bei einem Zugunfall in Sugiez im Kanton Freiburg.

Vor zwei Wochen starb ein 15-Jähriger bei einem Zugunfall in Sugiez im Kanton Freiburg.

20 Minuten
Am darauffolgende Wochenende war die Polizei in Murten sichtbar präsent. 

Am darauffolgende Wochenende war die Polizei in Murten sichtbar präsent.

20 Minuten
Murtner Jugendliche wollten sich mit Neuenburgern prügeln. Grund war ein Video auf Tiktok.

Murtner Jugendliche wollten sich mit Neuenburgern prügeln. Grund war ein Video auf Tiktok.

20 Minuten

Darum gehts

  • Vor zwei Wochen starb ein 15-Jähriger bei einem Zugunfall in Sugiez, Kanton Freiburg.

  • Jugendliche von Murten und Neuenburg hatte sich vorgängig zum Prügeln verabredet.

  • Grund dafür war ein Tiktok-Video.

  • Vor dem Zusammentreffen der beiden Gruppen schritt die Polizei ein.

  • «Streit im Netz kann schnell eskalieren», sagt ein Experte.

Zahlreiche Blumensträusse und Kerzen erinnern am Bahnhof Sugiez (FR) an das Unglück, das hier vor zwei Wochen geschah. «Repose en paix», ruhe in Frieden, steht auf den Kerzen.

Am 14. November wurde der 15-jährige A. R. aus Neuenburg vor den Augen seiner Kollegen von einem heranfahrenden Zug erfasst. Im Spital erlag er seinen Verletzungen. Der Junge gehörte zu einer Gruppe von rund 30 Jugendlichen aus Neuenburg, die auf dem Weg nach Murten waren. Dort wollten sich die Jugendlichen aus den zwei Ortschaften treffen, um sich zu prügeln.

Doch bevor es zum Aufeinandertreffen der beiden Gruppen kommen konnte, schritt die Polizei ein. Am Bahnhof Sugiez fingen die Polizisten die Neuenburger ab. Kurz vor 20 Uhr kam es dort zum tödlichen Unfall.

Streit wegen Tiktok-Video

Warum dieser Streit zwischen den Städten? Warum dieses tragische Unglück? Wir haben uns in Neuenburg und Murten umgehört.

Obwohl Freitagabend ist, sind in Murten kaum Jugendliche unterwegs. Unter den Lauben in der Altstadt treffen wir dennoch auf einen 17-Jährigen, der die Woche zuvor am Bahnhof Murten war, weil er die angekündigte Schlägerei mit eigenen Augen sehen wollte. «Ich selbst wollte mich nicht prügeln. Die, die zum Streiten da waren, waren erst um die 13 oder 14 Jahre alt.»

Der Lernende scheint auch eine Woche nach dem Unglück fassungslos. «Es ist unglaublich traurig, dass ein Streit, der online angefangen hat, mit einem schrecklichen Unfall endete.»

Zeigen wollte uns das Tiktok-Video niemand. Sowohl Murtner als auch Neuenburger sagten, sie hätten es nicht auf dem Handy, und von Tiktok sei es inzwischen entfernt worden. Ein junger Mann erzählt, man hätte darauf gesehen, wie Murtner Dinge anzündeten.

Wilde Gerüchte auf Social Media

Am nächsten Tag treffen wir dann doch wieder mehr Schüler in Murtens Strassen. Es ist Samstag, die Sonne scheint. Die Betroffenheit nach dem Todesfall ist gross. Es wirkt, als ob sich die Jugendlichen selbst nicht genau erklären könnten, was am Wochenende davor vorgefallen ist.

Von mehreren Jugendlichen hören wir wilde Gerüchte. «Ich habe gehört, dass die Neuenburger Vergeltung fordern. Sie drohten, jemanden von hier zu töten», sagt ein Murtner. Woher er das gehört hatte, konnte er nicht mehr sagen. «Viele von uns gehen abends nicht mehr raus, weil sie sich fürchten.»

«Teenager sind Teenager»

«Es war eine dumme Aktion», sagt ein junger Mann, der gerade ein Coiffeurgeschäft in Murten verlässt. Er stammt aus der Region, von den Vorfällen habe er erst im Nachhinein erfahren. «Aber auf Social Media bekomme ich immer wieder mit, dass sich Jugendliche von unterschiedlichen Gemeinden zoffen. Manchmal wegen echt dummen Gründen, zum Beispiel, weil einer komisch guckt.»

Adis Nuhiu ist Geschäftsführer von jenem Coiffeurgeschäft. «Bei mir lassen sich viele Junge die Haare schneiden.» Er glaubt nicht an Vergeltungsschläge. «Es ist tragisch, was in Sugiez passierte. Aber Teenager sind Teenager. Da macht man manchmal so Dummheiten, wie sich zum Prügeln zu verabreden.» Nuhiu ist überzeugt, dass dies eine einmalige Sache war. «Banden gibts bei uns nicht – das ist übertrieben.»

Schüler sind sich uneinig

In der Stadt Neuenburg sind deutlich mehr Junge unterwegs. Eine grössere Gruppe steht auf einem Platz, trinkt, raucht, redet. Ja, sie alle hätten den verstorbenen A. R. gekannt, erzählen die 14- bis 16-Jährigen. Doch dann wird es wirrer. Die Schüler sind sich uneinig, wie es nun weitergeht. «Es wird schon nichts passieren, wenn uns die Murtner nicht weiter provozieren», sagt jemand. Eine andere Person meint: «Ja, es gab schon Drohungen online, aber geplant ist nichts.» Und ein Mädchen betont seine Trauer und das Mitgefühl mit R.s Familie. «A. R. hätte nicht gewollt, dass noch etwas passiert», ist sie überzeugt. «Er war der glücklichste Junge überhaupt.»

Die Kantonspolizei Freiburg betont, dass es bei A. R.s Tod keine Anzeichen von Fremdeinwirkung, geschweige denn von Gewalt gegeben habe. «Es war ein tragischer Unfall», sagt Mediensprecher Roger Seydoux.

Ein vermeintlich geschützter Raum

«Die Frustration nimmt zu»

Medienpsychologe Stefan Caduff betont, dass die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen nicht zunimmt. «Ihre Frustration dagegen nimmt zu, da die Jugendlichen durch die Corona-Massnahmen in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt sind», sagt der Medienpsychologe. Das begünstige Eskalationen. «Aber generell kann man sagen, dass Schweizer Jugendliche eher überangepasst sind nicht nur online.»

Caduff ist Mitinhaber der Sapia GmbH, die unter anderem Schulungen in Medienpädagogik anbietet. Er stellt fest, dass die Medienkompetenz von Jugendlichen sehr unterschiedlich ist. «Es gibt viele auch junge Schülerinnen und Schüler, die sich sehr bewusst sind, dass das, was sie online schreiben, reale Konsequenzen haben kann.» Demgegenüber stehe eine Minderheit, die eher blauäugig auf Social Media kommentiere.

«Das Problem ist, dass auch eine Minderheit grossen Einfluss haben kann und andere dann plötzlich mitziehen. Auf Social Media befindet man sich vermeintlich in einem geschützten Raum. Sie haben kein direktes Gegenüber, das ihnen widerspricht oder ihren Blick zurechtrückt. Deshalb drehen sie auf und werden vorlauter oder aggressiver, als sie es bei direktem Kontakt wären.»

Deshalb betont Caduff, dass selbst eine verabredete Prügelei nicht zwangsläufig Gewalt bedeute. «Ich glaube nicht, dass die Jugendlichen wirklich dreingeschlagen hätten, wenn sie sich face-to-face gegenübergestanden wären. Da schaltet sich dann doch bei vielen noch die Vernunft ein.»

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Onlineberatung für Frauen (BIF)

Onlineberatung für Männer

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Tel. 147

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