Wegen Corona: «Angst vor Ansteckung lässt Leute austicken»

Aktualisiert

Wegen Corona«Angst vor Ansteckung lässt Leute austicken»

Verhaltenspsychologin Denise Hürlimann erklärt, warum einige Menschen in der Corona-Krise aggressiv werden – und was dagegen hilft.

von
Jacqueline Straub
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«Die Reaktionen der beteiligten Personen ist aggressiv übersteigert», sagt Verhaltenspsychologin Denise Hürlimann.

«Die Reaktionen der beteiligten Personen ist aggressiv übersteigert», sagt Verhaltenspsychologin Denise Hürlimann.

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«Die grosse Ungewissheit, wie es nach der Krise weitergehen wird und auch die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus und den gesundheitlichen Folgen davon sind Stressfaktoren, die aggressives Verhalten hervorbringen können», so Psychologin Denise Hürlimann. (Symbolbild)

«Die grosse Ungewissheit, wie es nach der Krise weitergehen wird und auch die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus und den gesundheitlichen Folgen davon sind Stressfaktoren, die aggressives Verhalten hervorbringen können», so Psychologin Denise Hürlimann. (Symbolbild)

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«Menschen, die psychische Vorerkrankungen, eine genetische Veranlagung oder lebensgeschichtliche Erfahrungen haben sin anfällig für Aggressionen», sagt Psychologin Hürlimann. (Symbolbild)

«Menschen, die psychische Vorerkrankungen, eine genetische Veranlagung oder lebensgeschichtliche Erfahrungen haben sin anfällig für Aggressionen», sagt Psychologin Hürlimann. (Symbolbild)

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Denise Hürliman, in Suhr kam es am Donnerstag zu einem Streit und einer Schlägerei. Eine Schwangere wurde mit Pfefferspray angegriffen, ein Beteiligter beklagte den fehlenden Abstand. Wie ist dieses Verhalten einzuordnen?

Die Unsicherheiten der Krise löst bei vielen Stress aus, was oft als Bedrohung empfunden wird und sich bei einigen mit Aggressivität ausdrückt. Der Auslöser hier liegt in der Angst vor einer möglichen Ansteckung, die manche Leute austicken lässt. Die Reaktionen der beteiligten Personen ist aggressiv übersteigert.

In welchen Situationen werden Aggressivität, Wut und gar Gewalt im Menschen besonders sichtbar?

Der Verlust von Autonomie und Routine, das Wegfallen von gewohnten Abläufen, die grosse Ungewissheit, wie es nach der Krise weitergehen wird und auch die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus sind Stressfaktoren, die aggressives Verhalten hervorbringen können.

Welche Personen sind anfällig für Aggressionen und Wut?

Menschen, die psychische Vorerkrankungen, eine genetische Veranlagung oder lebensgeschichtliche Erfahrungen haben. Aber auch jene, die sehr stark auf Interaktion angewiesen sind, jene, die in einer kleinen Wohnung leben oder auf denen ein grosser finanzieller oder emotionaler Druck lastet.

Welche Personen halten solche Situationen besser aus?

Wer die Situation akzeptieren kann und optimistisch an die Sache heran geht, hat Vorteile. Lösungsorientierung hilft, keine Stressfaktoren in sich aufzubauen.

Welche Tipps und Tricks haben Sie, um die eigene Wut und Aggression zu zügeln und zu kontrollieren?

Eine fixe Tagesstruktur mit regelmässigen Schlafens- und Essenszeiten ist wichtig. Sport und Bewegung tragen auch dazu bei, Aggressivität zu verringern. Und auch der soziale Austausch kann helfen mit den eigenen negativen Gefühlen besser umzugehen. Wenn man etwa morgens die Kaffeepause immer mit der Arbeitskollegin verbracht hat, kann man das vielleicht auch via Webcam tun, Rituale sind wichtig. Es lohnt sich in der speziellen Zeit ein Tagebuch zu führen oder gar Geschichten zu schreiben. Es ist ein gutes Instrument, um sich zu reflektieren und zu schauen, welche Emotionen da sind und wie ich damit umgehe. Hobbys und handwerkliches Arbeiten helfen ebenfalls.

Wie lange hält ein Mensch Isolation und solche Ausnahmesituationen aus, bis er ausrastet?

Es hängt davon ab wie man die Situation bewertet, auch von den Vorerkrankungen und dem bereits Erlebten. Aber dass der momentane Stress durch Homeschooling und Homeoffice auf engstem Raum irgendwann in Aggressionen mündet, ist nachvollziehbar. Es reicht ein unerfreuliches Ereignis, damit eine Person austicken kann.

Was kann man machen, wenn man kurz vor dem Durchdrehen ist, um Schlimmeres zu vermeiden?

Sich Hilfe holen. Es gibt viele Beratungsstellen, die telefonisch unterstützen, um die angespannte Situation zu deeskalieren. Manchmal reicht auch ein Anruf bei einer befreundeten Person. Eltern, die angespannt sind aufgrund des Homeschoolings, sollten Lehrpersonen um Rat fragen. Wenn das nicht reicht, sollte ein Schulsozialarbeiter oder Familientherapeuten eingeschaltet werden.

Dr. Denise Hürlimann ist Fachpsychologin für Psychotherapie. Ihre Schwerpunkte sind Verhaltenstherapie, Psychoonkologie und Notfallpsychologie.

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