Angst vor dem «schwarzen Double»
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Angst vor dem «schwarzen Double»

An den olympischen Spielen in Turin droht den Schweizer Alpinen eine Nullnummer. Doch mathematisch besteht eine Medaillenchance von 96,51 Prozent.

In 52 Weltcuprennen der Saison 2005/06 errangen die Schweizer Skifahrerinnen und Skifahrer fünf Podestplätze. Das ergibt, hochgerechnet, auf jedes zehnte Weltcuprennen knapp einen Podestplatz. In Sestriere und San Sicario finden zehn olympische Rennen statt. Nach Adam Riese müsste also eine Medaille drin liegen. Nicht nur mathematisch stehen die Chancen trotz schlechterer Voraussetzungen günstig, auch rein sportlich haben sich die Schweizer Alpinen, insbesondere die Frauen, in eine gute Ausgangslage manövriert.

Unterschwellig droht nach Bormio eine weitere Nullnummer, wie sie an Olympischen Spielen letztmals in Innsbruck 1964 in Kauf genommen werden musste. Damals ging die Schweiz ebenso leer aus wie zwei Jahre später an den Weltmeisterschaften in Portillo, und seither nie mehr. Dieses «Schwarze Double» (WM und Olympia ohne Medaille) hängt wie ein Damoklesschwert über dem Swiss-Ski-Team.

2002 reisten die Schweizer mit wesentlich dickerem «Portefeuille» an die Olympischen Spiele nach Salt Lake City. 21 Podestplätze hatten die Schweizer vorher errungen, obwohl man im Vorfeld von Salt Lake City ebenfalls schon von Krise sprach - ein Jammer auf hohem Niveau im Vergleich zu heute. Die (schwelende) Krise nahm später doch noch Formen an: Sonja Nef rettete mit einer Bronzemedaille im Riesenslalom das Schweizer Skiteam vor dem Debakel. Die letzte olympische Männer-Medaille datiert von Nagano 1998 (Michael von Grünigen 3. im Riesenslalom).

Trotz der tristen Bilanzen und Statistiken ist dem Skiteam beziehungsweise einzelnen Exponenten einiges zuzutrauen. Fast jeder selektionierte Athlet oder jede Athletin ist fähig, eine Medaille zu gewinnen. Ein "Lucky Punch" lässt sich als Aussenseiter eher anbringen als aus der Favoritenrolle, vor allem an Olympia.

Frauen-Chef Osi Inglin: «Wir dürfen schnell fahren, andere müssen. An Olympischen Spielen ist das ein Riesen-Vorteil. Für eine Götschl, Dorfmeister, Kostelic oder Pärson ist der Druck viel grösser. Aber unsere Fahrerinnen brauchen sich nicht zu verstecken.» Sylviane Berthod, im letzten Jahr Sechste bei der Olympia-Hauptprobe (nur 21/100 neben einem Podestplatz), Nadia Styger und Fränzi Aufdenblatten ist ein Exploit in der Abfahrt zuzutrauen, Aufdenblatten und insbesondere Styger auch im Super-G.

Verschiedene Athleten haben gute Erinnerungen an Sestriere. Fast aus heiterem Himmel wurde Bruno Kernen 1997 Abfahrtsweltmeister, nachdem er zuvor schon Silber in der Kombination errungen hatte. Auch vor jenem Rennen waren nach völlig missglückten Trainings schon Horrorszenarien gezeichnet worden. Zumindest kennt Kernen das Gefühl, als Aussenseiter den Favoriten ein Schnippchen zu schlagen. All jene, die er damals bezwang, sind ebenfalls aktiv: Lasse Kjus, der Zweite, Kristian Ghedina, der Dritte, und Fritz Strobl, der Vierte.

Auch Nadia Styger feierte in Sestriere ihren ersten grossen Sieg. Beim Weltcup-Finale 2004 gewann sie den Super-G, der damals jedoch auf der Borgata-Piste standfand. Diesmal werden die Speedrennen der Frauen in San Sicario ausgetragen. Styger zeichnete auch in diesem Winter für den bisher einzigen Schweizer Weltcup-Sieg verantwortlich. Je einen Podestplatz holten auch Sylviane Berthod, die wegen Rückenproblemen drei Wochen pausieren musste, und Fränzi Aufdenblatten, beide in der Abfahrt.

Auch Sonja Nef und Marlies Oester fühlten sich in Sestriere wohl, wo sie im Nachtslalom von 1996 einen historischen Doppelsieg erkämpften. Beide sind leider verletzt. Wie ernsthaft Sonja Nef auf einen Olympia-Start hoffte, geht daraus hervor, dass sie noch letzte Woche geheim auf der Olympia-Piste trainierte. Immerhin brachten sie und ihr Trainer Hansueli Bösch für die Kolleginnen Video-Aufnahmen von den Speed-Pisten in San Sicario nach Hause.

Auch bei den Männern liegen die Hoffnungen auf den Speed-Disziplinen. Obwohl der Ertrag in diesem Winter mit nur zwei 3. Rängen von Ambrosi Hoffmann (Super-G Val Gardena) und Tobias Grünenfelder (Abfahrt Bormio) karg war, zählen sie wie Kernen, Didier Défago und Didier Cuche zu den Geheimtipps. Dagegen sind in den technischen Disziplinen die Erwartungen tief - im Frauen-Slalom geht nicht einmal eine an den Start. Im Prinzip sind die Olympischen Spiele für die Schweizer Alpinen nach einer Woche praktisch beendet - wenn nicht einer wie Silvan Zurbriggen an der WM 2003 in den technischen Bewerben plötzlich über sich hinauswächst.

(si)

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