Aktualisiert 21.08.2011 04:46

Bruder des Schützen im Fokus

Angst vor einer Blutrache nach Pfäffikon-Drama

Nach dem Doppelmord von Pfäffikon nimmt die Familie der getöteten Ehefrau offenbar den Bruder des Todesschützen ins Visier. Derweil wächst die Kritik an den Zürcher Justizbehörden.

von
meg

Shani S. richtete am vergangenen Montag in Pfäffikon ein Blutbad an. Erst erschoss er seine Frau wegen der drohenden Trennung. Dann fuhr er zum Sozialamt und tötete dort die Leiterin der Behörde, weil er «zu wenig finanzielle Unterstützung erhalten habe», wie er dem Staatsanwalt sagte.

Nach der Bluttat gerät nun offenbar auch die Familie des 59-jährigen Todesschützen in den Fokus. Gemäss der «SonntagsZeitung» befürchten Freunde der Familien, dass noch mehr Blut vergossen wird. Am Donnerstag wurde die 52-jährige Sadete S., Ehefrau und Op¬fer von Shani S., in der 3000-Seelen-Gemeinde Zhur bei Prizren beigesetzt. In die Trauer mischten sich Zorn und Racherufe, schreibt die Zeitung. Die Trauernden hätten der Familie von Täter Shani S. über einen Mittelsmann mitteilen lassen, man werde sich rächen. Die Vergeltung wurde offenbar angemahnt, obwohl die Getötete vor ihrem Tod gebeten hat, davon abzusehen, falls ihr etwas zustosse.

Ihre Leiche wurde im Dorf ihres Vaters und nicht im nahen Heimatdorf des Ehemannes bestattet, wie es die kosovarische Tradition eigentlich verlangt. Laut einem Angehörigen der Opferclans, mit dem die SonntagsZeitung am Freitag gesprochen hat, waren Mitglieder der Täterfamilie an der Beerdigung nicht erwünscht. Angesprochen auf die Gefahr einer Blutrache sagte der Mann, man habe noch keinen Beschluss gefasst – auch weil noch die Trauerzeit läuft, schreibt die Zeitung weiter.

Im Visier des Opferclans ist offenbar insbesondere ein im Kosovo lebender Bruder des Todesschützen. Er wird von der Trauerfamilie beschuldigt, die getötete Sadete S. telefonisch ebenfalls schwer bedroht zu haben.

Die Kinder des Täters und seiner Frau verlangen indes eine lückenlose Aufklärung des Vorgehens der Behörden. Dies sagte eine der Töchter gegenüber der «NZZ am Sonntag» nach der Beerdigung ihrer Mutter in Kosovo. Sie wolle verhindern, dass anderen dasselbe Leid widerfahre.

Untersuchungshaft wäre möglich gewesen

Am Vorgehen der Justizbehörden mehrt sich inzwischen die Kritik. So sagte der St.Galler Staatsanwalt Thomas Hansjakob gegenüber der «NZZ am Sonntag», Schütze Shani S. wäre in St. Gallen vorher in Haft genommen worden. «Es geht nicht um ein gesetzgeberisches Problem. Wer so droht, kann auf jeden Fall in Untersuchungshaft genommen werden.» St. Gallen habe entsprechende Richtlinien über den Umgang mit Gewalttätern. Die Kantonspolizei Zürich verhängte nach einem Vorfall 2011 ein Rayonverbot und eine Kontaktsperre gegen Shani S. und leitete eine Untersuchung ein. Shani S. blieb aber auf freiem Fuss.

Auch Carlo Häfeli, Präsident der Opferschutzorganisation Weisser Ring und Rechtsanwalt findet, man hätte den Kosovaren sofort inhaftieren sollen. «Eine Inhaftierung wäre möglich gewesen», sagte er der Zeitung «Der Sonntag». Es brauche mehr Zivilcourage seitens des Staatsanwalts, eine Haft anzuordnen, so Häfeli weiter. Das Bundesamt für Justiz bestätigte gegenüber dem Sonntag: «Nach geltendem Recht kann die Haft angeordnet werden, wenn ernsthaft zu befürchten ist, eine Person werde ihre Drohung, ein schweres Verbrechen auszuführen, wahr machen.» Massgebend sei dabei Artikel 221 der Strafprozessordnung.

Einer Nachbarin soll Sadete S. noch kurz vor dem Tod gesagt haben: «Ich habe Angst, dass er mich umbringt.» Staatsanwalt Roland Geisseler sagte nach einer ersten Einvernahme des Kosovaren, der 59-Jährige habe ausgesagt, schon länger mit dem Gedanken gespielt zu haben, seine 48-jährige Ehefrau zu töten.

Zürich untersucht den Fall

Ob die Zürcher Justizbehörde den Drohungen zu wenig Bedeutung schenkte und ob Fehler passiert sind, wird derzeit abgeklärt. «Die Oberstaatsanwaltschaft hat bei der Staatsanwaltschaft See/Oberland einen Bericht angefordert, um zu überprüfen, wie das Verfahren geführt wurde», sagte Sprecherin Corinne Bouvard der «NZZ am Sonntag».

Kosovarischer Minister «besorgt»

Der für die Diaspora zuständige kosovarische Minister Ibrahim Makolli zeigt sich über die jüngsten Taten seiner Landsleute in der Schweiz besorgt. In einem Brief an den Schweizer Botschafter in Pristina schreibt Makolli, er sei höchst beunruhigt über die «kriminellen Handlungen», die von Kosovaren in der Schweiz begangen wurden. Diese würden nicht der Tradition des kosovarischen Volkes entsprechen. Makolli erwähnt in seinem Brief auch den Angriff zweier Kosovaren auf einen Schwinger in Interlaken. Auch das Volk des Kosovo sei empört über das Verhalten einzelner Landsleute. Für viele Kosovaren sei die Schweiz eine zweite Heimat geworden. (meg)

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