Bern: Angst vor Heim hält Roma von Strassen fern
Aktualisiert

BernAngst vor Heim hält Roma von Strassen fern

Der organisierte Kinderhandel ist in vielen Städten ein Problem. Bern scheint es gelöst zu haben und stellt sein Konzept nun anderen Städten vor.

von
Janko Skorup

Bettelnde und stehlende Roma-Kinder prägten lange Zeit das Stadtbild von Bern. Solche Kinder handeln allerdings häufig nicht im eigenen Interesse, ­sondern werden von Menschenhändlerringen rekrutiert (siehe Box). Um den organisierten Kinderhandel einzudämmen, hat die Stadt Bern das schweizweit einzigartige Projekt Agora lanciert: Die Kinder sollen in einem Heim aufgefangen, in ihr Heimatland zurückgeführt und dort integriert werden ­(siehe Interview).

Erste Erfolge kann das Projekt bereits verzeichnen – seit es lanciert wurde, gibt es in Bern keine Fälle von bettelnden Kindern mehr. «Wir haben in ­Rumänien gewissermassen Werbung gemacht, dass sich das Betteln in unserer Stadt nicht lohnt», bilanziert Alexander Ott von der Stadt Bern.

Neue Städte anvisiert

Offenbar meiden die Banden die Stadt Bern und weichen auf ­andere Städte aus – zum Beispiel Zug: «Wir haben wöchentlich mit solchen Kinder-Bettlern zu tun, können sie aber trotz ­Anzeige nicht wegsperren. Deshalb kommen sie häufig einfach wieder zurück», sagt Marcel Schlatter von der Zuger Polizei. Auch Chur ist zurzeit vom Problem betroffen, Roland Hemmi von der Stadtpolizei spricht von bis zu zwei ­Fällen pro Woche.

Der Schweizerische Städteverband will nun das Projekt Agora den Städten empfehlen. «Die bevorstehende Infoveranstaltung hat ein grosses Echo ausgelöst. Wir sind zuversichtlich, dass an­dere Städte das System prüfen werden», sagt Renate Amstutz, die Direktorin des Schweizerischen Städteverbands. Tatsächlich kommt Agora gut an: «Wir werden uns das sicher anschauen», so Marcel Schlatter.

So gehen die Menschenhändler vor

Das Problem der bettelnden und stehlenden Roma-Kinder sei äusserst Komplex, erklärt Boris Mesaric, Geschäftsführer der Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und Menschenschmuggel: «International tätige Menschenhändlerringe rekrutieren die Roma-Kinder in den Ländern Osteuropas und bilden sie aus, um sie in westlichen, reichen Ländern gezielt für Bettelei, Diebstahl und Einbrüche einzusetzen. Die Kinder werden häufig von Roma-Lagern aus, die sich im umliegenden Ausland befinden, eingesetzt. Bekannt sind zum Beispiel Lager in Mailand oder im Elsass. Bei den Tätern handelt es sich regelmässig ebenfalls um Roma. Sie bringen die Kinder in Fahrzeugen über die Grenze. In der Schweiz angekommen, werden die Kinder in die Städte gebracht, wo sie ausschwärmen und der Bettelei nachgehen und Taschen- oder Ladendiebstähle begehen. Nach getaner Arbeit werden sie wieder eingesammelt und kehren in die Lager zurück oder bleiben noch einige Zeit im Land.»

«Das Kind wird professionell betreut»

Herr Ott*, was passiert genau, wenn im Kanton Bern zum Beispiel ein bettelndes oder stehlendes Roma-Kind aufgegriffen wird? Alexander Ott: Das Kind kommt in ein Heim in der Stadt Bern und wird dort professionell betreut. Wir klären ab, ob es ins Heimatland zurückgeschafft werden kann. Falls ja, versuchen wir die Rückführung möglichst schnell umzusetzen. Falls nein, wird eine mögliche Aufenthaltsbewilligung geprüft.

Herr Ott*, was passiert genau, wenn im Kanton Bern zum Beispiel ein bettelndes oder stehlendes Roma-Kind aufgegriffen wird? Alexander Ott: Das Kind kommt in ein Heim in der Stadt Bern und wird dort professionell betreut. Wir klären ab, ob es ins Heimatland zurückgeschafft werden kann. Falls ja, versuchen wir die Rückführung möglichst schnell umzusetzen. Falls nein, wird eine mögliche Aufenthaltsbewilligung geprüft.

Wie lange bleibt das Kind im Heim?

Höchstens zwei bis drei Monate. Unser Ziel ist es, das Kind möglichst rasch in seine ­gewohnten Strukturen einzubinden. Das heisst, es soll in seinem Heimatland in die Schule gehen können und eine Ausbildung bekommen, damit es nicht rückfällig wird.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass es nicht sofort wieder zum Betteln in die Schweiz kommt?

Eine Garantie gibt es nicht. Wir arbeiten vor Ort mit sozialen Organisationen zusammen und wollen dem Kind zeigen, dass es andere Möglichkeiten gibt, als zu betteln.

*Alexander Ott ist Leiter Einwohnerdienste, ­Migration und Fremdenpolizei der Stadt Bern

Deine Meinung