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SparmassnahmenAnna (4) starb, nachdem sechs Ärzte einen Tumor übersehen hatten

Die Schweizerin Polina Allemann verlor 2017 in Schweden ihre Tochter Anna (4): Ein grosser Nierentumor war unentdeckt geblieben. Jetzt kämpft die Mutter für eine bessere Spitalversorgung im Land.

von
Julia Ullrich
Anja Zobrist
Anja Zingg

Polina Allemann spricht über die Umstände des Todes ihrer Tochter.

20 Minuten

Darum gehts

  • Anna starb im Alter von vier Jahren.

  • Die Schweizerin Polina Allemann lebte zu diesem Zeitpunkt rund ein Jahr in Schweden.

  • Sie war mit ihrer Tochter zweimal in der Notaufnahme, wenige Tage bevor Anna starb.

  • Die Ärzte übersahen einen acht mal zehn Zentimeter grossen Tumor.

  • Seither kämpft Polina Allemann für eine bessere Spitalversorgung im Land.

Die kleine Anna hatte ihr Leben noch vor sich. Als Mutter Polina Allemann die Vierjährige am 24. Juli 2017 weckte, wusste sie noch nicht, dass ihre Tochter wenige Stunden später nicht mehr leben würde. Erst der Obduktionsbericht zeigte: Anna hatte einen acht mal zehn Zentimeter grossen und 70 Gramm schweren Tumor in ihrer Niere. Doch insgesamt sechs Ärzte an zwei schwedischen Spitälern hatten diesen übersehen. Die Eltern suchten sie auf, nachdem Anna immer wieder über Bauchschmerzen geklagt hatte.

«Ich habe es Anna am Sarg versprochen, dass ich um Gerechtigkeit für sie kämpfen werde», sagt Polina Allemann aufgelöst zu 20 Minuten. Mittlerweile hat die 2016 ausgewanderte Schweizerin Strafanzeige eingereicht. Eine Untersuchung gegen das Spital in Solleftea wurde ebenfalls eingeleitet. Gemäss schwedischen Medien ist Anna kein Einzelfall.

Was ist passiert?

Mutter Polina Allemann erklärt, wie ihre Tochter erkrankte.

20 Minuten

Bereits im Dezember 2016 wurde bei Anna Diabetes diagnostiziert. Seither bekam sie Insulin gespritzt. Im Juni 2017 brachte Mutter Polina Allemann ihre Tochter erneut in die Notaufnahme im Spital in Solleftea. Dieses Mal, weil Anna über starke Bauchschmerzen klagte, schlapp war und ständig weinte. Eine Kinderstation und einen Röntgentermin suchte die Familie aber vergebens. «Nach dem Gespräch mit den Ärzten wurden wir mit einem Abführmittel nach Hause geschickt. Es wurde weder ein Blutbild noch eine Röntgenaufnahme gemacht», so Allemann. Stattdessen lautete die Diagnose der Ärzte: Verstopfungen und Blähungen.

Erst als die Mutter mit Anna das Spital einige Tage später erneut aufsuchte, wurde ihnen eine Behandlung in einer rund anderthalb Stunden entfernten Kinderklinik zugesichert. «Doch bis in die Kinderabteilung kamen wir gar nicht. Man hatte uns vergessen anzumelden, und so landeten wir wieder in einer Notaufnahme.» Das Ergebnis der Untersuchung: Anna hätte einen empfindlichen Magen. «Man war mit dem Fall nicht vertraut und sagte uns, dass es nichts Ernstes sei», sagt die Mutter. Denn auch hier: Das Röntgenbild blieb aus.

Daran starb die kleine Anna

Anna geht es schlechter: Polina erzählt von den letzten Stunden ihrer Tochter.

20 Minuten

Wenige Tage nach der Konsultation in der Kinderklinik verstarb die vierjährige Anna. «Sie starb bei uns zu Hause. Alle Versuche von uns und dem Rettungsteam, sie zu reanimieren, schlugen fehl.» In den Stunden vor ihrem Tod soll das Mädchen unter starken Schmerzen gelitten haben: «Ihren letzten Schrei werde ich nie mehr vergessen», so Allemann unter Tränen.

Nach dem Tod von Anna wurde eine Obduktion angeordnet. Der Bericht, der 20 Minuten vorliegt, zeigt: Die Vierjährige starb an akutem Herzstillstand. Es wurden ein 70 Gramm schwerer Tumor an der rechten Niere und Metastasen in der Lunge festgestellt.

Schwere Vorwürfe

Anna ist tot: Ärzte übersahen 70 Gramm schweren Tumor. Die Familie erhebt schwere Vorwürfe.

20 Minuten

Polina Allemann erstattete kurz nach dem Tod ihrer Tochter Anzeige gegen das Spital in Solleftea. Die Mutter gibt den Ärzten und der dort aktuell herrschenden Sparpolitik im Gesundheitswesen die Schuld an der Fehldiagnose. Die Anzeige wurde im April 2018 abgewiesen, da «die Angaben nicht Grund zur Annahme geben, dass ein Verbrechen begangen wurde», heisst es im Polizeirapport. Doch Polina dachte nicht ans Aufgeben.

Bericht deckt Spitalversagen auf

Polina erhält Unterstützung: Auch die schwedische Aufsichtsbehörde deckt Spitalversagen auf und leitet eine Untersuchung ein.

20 Minuten 

Im Juli 2018 nahm sich die schwedische Aufsichtsbehörde für Pflege und Betreuung (IVO) des Falls an. Diese ist ebenfalls der Ansicht, dass Anna vor ihrem Tod eine ungenügende Behandlung erhalten hat. In ihrer Stellungnahme schreibt die IVO: «Zu diesem Verlauf der Handlungen beigetragen haben eine fragmentierte Gesundheitsversorgung, mangelhafte Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen und innerhalb der beteiligten Einheiten der Gesundheitsversorgung sowie eine mangelhafte Abklärung der abweichenden Testresultate.»

Daraufhin wurde eine interne Untersuchung gegen das Spital in Solleftea eingeleitet. Gemäss schwedischen Medien sollen mindestens fünf weitere Patienten aufgrund von internen Fehlern im gleichen Spital vorzeitig verstorben sein.

Mittlerweile wurde der Familie des Mädchens von der Versicherung des Spitals eine Genugtuung in Höhe von umgerechnet 3180 Franken gezahlt. Doch das reicht Polina nicht. Sie fordert gemeinsam mit ihrer Anwältin Veronica Johansson eine lückenlose Aufklärung der Umstände des Todes ihrer Tochter. «Wir fordern von der Staatsanwaltschaft, dass die behandelnden Ärzte zur Verantwortung gezogen werden», so Johansson. Da die Polizei die Anzeige gegen das Spital abgewiesen hat, haben sich die beiden an die nächsthöhere Instanz gewandt und hoffen nun, dass der Fall wieder aufgerollt wird. «Unabhängig davon überlegen meine Mandantin und ich, ob wir den Fall an den Europäischen Gerichtshof in Strassburg bringen», so die Anwältin.

Das Spital in Solleftea war für 20 Minuten trotz mehrfacher Anfrage nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Bereits 2017 wurde das Spital in Solleftea international scharf kritisiert, nachdem bekannt worden war, dass die Geburtsklinik schliessen müsste. Die nächste Einrichtung ist aber bis zu 200 Kilometer entfernt. Zwei Hebammen des nun geschlossenen Spitals in Solleftea boten daraufhin einen Kurs an, um werdenden Vätern und Müttern das Nötigste für eine Entbindung im Auto beizubringen.

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Am 24. Juli 2017 starb Anna im Alter von vier Jahren. 

Am 24. Juli 2017 starb Anna im Alter von vier Jahren.

zvg
Das Mädchen klagte in den Tagen davor über Bauchschmerzen. 

Das Mädchen klagte in den Tagen davor über Bauchschmerzen.

zvg
Polina Allemann suchte mit ihrer Tochter innerhalb von wenigen Tagen zweimal die Notaufnahme auf. 

Polina Allemann suchte mit ihrer Tochter innerhalb von wenigen Tagen zweimal die Notaufnahme auf.

zvg

Polina macht weiter

Polina Allemann hatte in den ersten Monaten nach dem Tod ihrer Tochter schwer zu kämpfen: «Ich hatte fast jeden Abend Flashbacks. Auch jedes Mal, wenn ich einen Krankenwagen sah, war ich auf einmal wieder in dieser Situation. Es hat mich fast kaputtgemacht.» Infolgedessen litt die Schweizerin auch unter psychischen Problemen. Mittlerweile gehe es ihr aber den Umständen entsprechend gut. «Ich brauche meine Kraft, denn ich habe noch viel vor. Vor allem jetzt den Kampf um Gerechtigkeit für Anna. Ich will nicht, dass noch ein einziges Kind so sterben muss wie meine Tochter.»

Gesundheitssystem in Schweden

Situation ist angespannt

Die Situation im Gesundheitssektor in Schweden ist seit Jahren sehr angespannt. Gemäss schwedischen Medien würde man die regionalen Krankenhäuser Stück für Stück zerschneiden. Auslöser sollen vor allem wirtschaftliche Gründe sein. Die ländlichen Regionen von Schweden hätten nur wenig qualifiziertes Personal – es herrscht Ärzte- und Pflegermangel. Schuld daran soll die mangelnde Ausbildung von Bezirksärzten sein. Die Springer-Ärzte, die jeweils nur wenige Wochen in einem Spital praktizieren, kosten zu viel. Zeitgleich strebt die schwedische Regierung Sparmassnahmen an. Allein im grössten Krankenhaus Schwedens, dem Karolinska-Universitätsspital in Stockholm, wurde im November 2019 250 Ärzten und 350 Angestellten der Krankenpflege gekündigt, wie der Fernsehsender RT berichtete. Ärzte warnten für vor weiteren drastischen Sparmassnahmen.

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Hier findest du Hilfe:

Kindsverlust.ch, Tel. 031 333 33 60

Himmelskind.ch, für Akuthilfe und Trauerbegleitung

SIDS, nach plötzlichem Kindstod

Verein Regenbogen, Hilfe für trauernde Familien

Mein-Sternenkind.ch, für Väter

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirche

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

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