Eurovision Song Contest: Anna, unser «Star» für Düsseldorf?
Aktualisiert

Eurovision Song ContestAnna, unser «Star» für Düsseldorf?

Lange hat es gedauert, bis das SF auf sein Publikum gehört hat. Nachdem die Zuschauer nun selbst einen Grand-Prix-Vetreter gekrönt haben, herrscht dennoch Katerstimmung. Warum bloss?

von
Philipp Dahm

Alle Jahre wieder: Keine Punkte für die Schweiz. Das ist der Tenor der ersten Kommentare der 20-Minuten-Online-Leser, die im «Talkback» eintrudeln. Man solle sich doch wie Österreich aus der Träller-Chose zurückziehen, ist zu lesen – und dass vor dem strengen Gusto Europas ja bloss das Lied von XYZ bestanden hätte. Die eine hätte auf dem Balkan gepunktet, meinen die einen. Die andere hätte amerikanischen «Drive» in die Show gebracht, glauben dagegen die anderen. Doch gehen die Kommentatoren nicht zu hart mit dem TV-Abend ins Gericht?

Endlich: Statt der üblichen Verdächtigen stimmen Herr und Frau Schweizer ab

Deutschland, das mit Lena Meyer-Landruth Resteuropa 2010 für einmal ganz friedlich erobert hat (Schweiz inklusive), hat erst im letzten Jahr unter der Leitung von Stefan Raab ein Verfahren ersonnen, in dem es die perfekte Kandidatin fand. Die Euphorie konnten unsere Nachbarn bis nach Oslo tragen – und 2011 bereiten sie daher zu Recht in Düsseldorf die Bühne vor, auf der im kommenden Jahr dann Anna Rossinelli zusammen mit ihren Mitstreitern Manu und Georg für die Schweiz bestehen muss.

Dass das SF bloss zwölf Monate nach Raab das Volk abstimmen lässt, ist einerseits löblich und gut. Schlecht ist andererseits, dass in den letzten Jahren ebenjenes Volk nach jedem Grand-Prix-Desaster ohnehin danach gebettelt hat, selbst ein Wörtchen mitreden zu dürfen. Das hat es nun getan und das Ergebnis steht fest – nach einer freien Wahl. Ist es dann fair, anschliessend Anna und ihr Lied «In Love for a While» abzuwerten? Selbst die Gegner von Minarett- und Ausschaffungsinitiative haben nicht gefordert, dass die Politik an sich oder die direkte Demokratie im Speziellen abgeschafft werden soll.

Musiker fürchten den Volkszorn

So werden sich die Fans anderer Favoriten wohl mit unserem Star für Düsseldorf abfinden müssen – und sie sollten die Schweizerin unterstützen. Tatsächlich ist das Stück der insgesamt drei Basler nicht gerade der eingängige Ohrwurm, auf den der Kontinent gewartet hat, aber die Truppe hat Charme und sie bewegt: Warten wir doch erst einmal ab, wie das Halbfinale laufen wird, bevor wir urteilen.

Wer glaubt, der harsche Ton des Zuschauers treffe bei den Musikern auf taube Ohren, täuscht sich ohnehin. Dass auch die Künstler Angst vor dem Volkszorn nach einem Grand-Prix-Versagen haben, bewies Juror Baschi, als er das Publikum bat, es möge den Kandidaten seiner Wahl freundlich wieder aufnehmen – selbst wenn er ohne Punkte heimkehre.

Kritik vom Publikum, Ätzendes in den Medien

Baschis Kollege Peter Reber sagte dann auch in seinem Abend-Resümee, er sei vor allem froh, dass nicht wieder «irgendein Opfer» zum Schweizer Kandidaten gemacht werde. Er schlägt in dieselbe Kerbe wie Baschi. Nun also wurde der Schweizer Beitrag nicht von oben bestimmt, sondern von unten: Da sollte der Kandidat doch nicht schon wieder zum Prügelknaben gemacht werden.

Vielleicht hat es die öffentliche Meinung - also auch wir Medien - in der vergangenen Zeit auch mit den ätzenden Kommentaren übertrieben. Jetzt aber, nachdem sich das SF bewegt hat und die Zuschauer die Entscheidung treffen lässt, könnte sich der Ton auch hier ändern. Von einem besonneneren, freundlicheren Blick profitiert nicht nur die Siegerin, sondern alle zwölf Schweizer Künstler, die sich an diesem Samstagabend und auch zukünftig den Eidgenossen präsentieren konnten.

Die Würfel sind gefallen, die Mehrheit hat sich für einen Kandidaten entschieden. Unser Mann für den Job ist Anna: Hinter dieser Frau darf man auch stehen, wenn man selber anders gewählt hat. Düsseldorf, wir kommen!

Annas Auftritt beim Vorentscheid. Quelle: YouTube

Deine Meinung