Aktualisiert 02.06.2020 14:44

Nicht zur Freude der Behörden

Anonymer Künstler macht aus Strassenschildern Bilder

In Bern sind immer wieder Strassenschilder zu sehen, die von Unbekannten heimlich abgeändert wurden. Wer steckt dahinter? 20 Minuten konnte mit einem der Streetart-Künstler sprechen.

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Achtung Rechtskurve oder Achtung Paraglider?

Achtung Rechtskurve oder Achtung Paraglider?

Madsigndisease (MSD)
Der Berner Künstler Madsigndisease (MSD) gab dem Schild kurzerhand eine neue Bedeutung.

Der Berner Künstler Madsigndisease (MSD) gab dem Schild kurzerhand eine neue Bedeutung.

Madsigndisease (MSD)
Was wurde wohl aus diesem Strassenschild?

Was wurde wohl aus diesem Strassenschild?

Madsigndisease (MSD)

Darum gehts

  • In Bern werden immer wieder Strassenschilder von unbekannten Personen mit Kunstwerken versehen.
  • Hinter einigen Bildern steckt der Berner Streetartist Madsigndisease (MSD)
  • Gegenüber 20 Minuten erzählt der Künstler, wie es dazu kam und wie er seine Werke anbringt.

Wer öfters in der Berner Innenstadt unterwegs ist, dürfte manche der bebilderten Strassenschilder bereits kennen. Mal ist es ein brüllender Tyrannosaurus Rex, dann zwei Pinguine oder auch mal ein grusliger Zombie, der einem auf einem Berner Verkehrstafel entgegenkommt. Verantwortlich dafür ist der Berner Streetart-Künstler mit dem Pseudonym Madsigndisease (MSD): «Angefangen hat alles mit einem Schild, das ich auf dem Schrottplatz gefunden hatte», sagt der Streetartist zu 20 Minuten, der seinen richtigen Namen nicht preisgibt.

Der Berner schnitt damals spontan eine Figur aus und klebte sie auf dieses gefundene Strassenschild. «Das Resultat sah verdammt gut aus», meint MSD. So kaufte er weitere alte Schilder zusammen und beklebte sie bei sich Zuhause – ganz nach seinem Gusto. «Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass die ganze Geschichte zurück auf die Strasse muss. Denn wo gehören Verkehrsschilder hin, wenn nicht auf die Strasse?», sagt MSD. Seither lässt er in der Stadt die Figuren auf Schildern nun etwa über Feuer laufen, aus einer Symbol-Doppelkurve hat er eine züngelnde Schlange kreiert.

«Donnerstagmorgen ist perfekt»

Wie lange seine Bilder an den Verkehrsschildern bleiben, sei unterschiedlich. «Einige sind nach drei Tagen weg, andere sind nach drei Monaten immer noch da», erklärt MSD. Mit dem Standort habe das wenig zu tun: «Auf dem Bahnhofplatz hab ich innerhalb von 100 Metern beides erlebt», sagt der Künstler. Er vermutet, dass manche seiner Werke auffallender sind als andere. «Ein aufgeklebter T-Rex macht sich nämlich auffallend häufig aus dem Staub.»

Der Berner bringt seine Kunst vorwiegend tagsüber an: «Donnerstagmorgen zwischen 9 und 11 Uhr ist perfekt», weiss MSD. Die Leute würden oftmals gar nichts bemerken. «Die schauen nicht einmal.» Ärger mit Gesetzeshütern habe es bisher nicht gegeben: «Ich glaube, das gefällt denen auch», mutmasst der Künstler. Ausserdem sei die Folie sehr leicht und rückstandslos zu entfernen. «Ich will ja nichts kaputtmachen.»

Regierungsrat verärgert

Auf Anfrage bei den Behörden zeigt man sich aber wenig erfreut über die Aktion von MSD. Dass die Bilder des Berner Künstler bis zu drei Monaten an den Schildern kleben bleiben, bezweifelt Gerhard Ammann, Mediensprecher der bernischen Bau- und Verkehrsdirektion: «Die meisten solcher Sachbeschädigungen werden durch das Personal des Strassenunterhalts entdeckt und auch schnellstmöglich wieder korrigiert.» Jede Veränderung eines Signals wirke sich nachteilig für den Verkehrsteilnehmer aus: «Einerseits, weil das originale Signal dadurch nicht mehr gleich gut erkennbar ist, andererseits weil zusätzlich ein Potenzial zur Ablenkung entsteht», so Ammann.

Für Regierungsrat Christoph Neuhaus können die Strassenschilder auch nicht als Kunst deklariert werden: «Kunst ist anders – ich habe gar kein Verständnis für diese Sachbeschädigungen des Berners», meint der SVPler. Diese seien reine Verschwendung von Steuergelder. Und Mediensprecher Ammann sagt: «Auch wenn die Signale witzig sein mögen, auf öffentlichen Strassen sind sie fehl am Platz, der Verkehrssicherheit abträglich und letztendlich illegal.»

Bislang hat man aber noch nicht gehandelt: Eine Anzeige würde erst dann erfolgen, wenn die Täterschaft bekannt sei, der Sachschaden mehrere hundert Franken betrage oder eine Systematik vorliege.

Was ist Streetart?

Unter Streetart werden verschiedene, meist nicht kommerzielle Kunstwerke im öffentlichen Raum bezeichnet. Im Gegensatz zum Graffiti steht nicht das kunstvolle Schreiben des eigenen Namens im Vordergrund, vielmehr überwiegt der Bildteil. Der bekannteste Streetart-Künstler heisst Banksy und hat in wenigen Jahren die gesamte Kunstszene auf den Kopf gestellt. Obwohl er seine Werke ohne Bewilligung der Eigentümer im öffentlichen Raum anbringt, werden seine Bilder nicht selten von der Stadt mit einer Plexiglasscheiben geschützt. Die Kunst ist sehr gefragt: Das teuerste Bild von Banksy verkaufte sich auf einer Auktion für 11,8 Millionen Franken.

(RC)

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29 Kommentare
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Joe Roland

03.06.2020, 13:21

Sachbeschädigung geht aber gehörig an der Realität vorbei. Eine leicht und rückstandsfrei ablösbare Folie? Ich bitte Sie! Ein klein wenig mehr Humor wäre nicht schädlich.

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03.06.2020, 12:16

und die Allgemeinheit zahlt dann wieder neue Schilder. Das Geld sollte man bei der Unterstützung für Kultur abziehen.

Moni

03.06.2020, 12:04

cool sieht toll aus!