30.06.2016 19:30

Orlando-Attentat

«Anrufer antwortet nicht, ich höre nur ein Stöhnen»

Notruf-Protokolle von der Nacht des Orlando-Anschlages werfen ein neues Licht auf die Arbeit der Polizei – und zeigen den Horror der Opfer.

von
ofi
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Wusste sie von den Terrorplänen? Omar Mateen (r.) mit seiner zweiten Frau, Noor Salman, und ihrem gemeinsamen Sohn. (Bild: Facebook)

Wusste sie von den Terrorplänen? Omar Mateen (r.) mit seiner zweiten Frau, Noor Salman, und ihrem gemeinsamen Sohn. (Bild: Facebook)

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In Anzug und Krawatte: Omar M. auf einer undatierten Aufnahme, die auf seiner Seite bei Myspace war.

In Anzug und Krawatte: Omar M. auf einer undatierten Aufnahme, die auf seiner Seite bei Myspace war.

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Ein Patient und Ärzte schildern den Schrecken bei dem Massaker: Im Orlando Regional Medical Center trafen in den frühen Morgenstunden pausenlos Krankenwagen mit Verwundeten ein.

Ein Patient und Ärzte schildern den Schrecken bei dem Massaker: Im Orlando Regional Medical Center trafen in den frühen Morgenstunden pausenlos Krankenwagen mit Verwundeten ein.

AFP/Brendan Smialowski

Etwas mehr als zwei Wochen sind vergangen seit dem Orlando-Attentat – dem blutigsten in den USA seit dem 11. September 2001. Nun haben die Behörden der Stadt Orlando einen Teil der Dokumente jener Nacht veröffentlicht. Darunter Protokolle von 911-Notrufen sowie verschiedene Kommunikationen innerhalb der involvierten Behörden-Apparate – Polizei, Feuerwehr, FBI.

Bei Auszügen aus den Notruf-Protokollen läuft es einem kalt den Rücken herunter. Dabei sind oft die Anmerkungen der Notruf-Empfänger drastischer als die Informationen der Anrufer. «Ich habe eine offene Leitung und habe gerade 20 bis 30 Schüsse gehört», heisst es etwa. Oder: «Mein Anrufer antwortet nicht mehr, ich höre nur noch ein Stöhnen», «Freund des Anrufers wurde in die Brust getroffen», «Jemand schreit: ‹Ich bin getroffen›».

Darum wartete das FBI drei Stunden mit dem Zugriff

Bereits kurz nach dem Angriff wurden die Polizei und das FBI dafür kritisiert, dass zwischen dem Eingreifen der ersten Polizeibeamten im Gay-Club Pulse und dem Stürmen der Toiletten, wo Attentäter Omar Mateen sich mit Geiseln verschanzt hatte, fast drei Stunden vergingen. Die nun veröffentlichten Dokumente geben Anhaltspunkte darauf, warum so viel Zeit verging. Dazu gibt es Hinweise, dass ein Notausgang womöglich blockiert und für flüchtende Club-Gäste nicht zu öffnen war.

• Kurz nach 2 Uhr morgens ging der erste Notruf bei 911 ein.

• Um 2.08 Uhr drangen Polizisten in den Club ein und lieferten sich ein Feuergefecht mit Mateen, worauf dieser sich in den Toilettenräumen verschanzte.

• Um 2.19 Uhr wurde das SWAT-Team des FBI aufgeboten.

• Um 2.35 Uhr rief Mateen selbst den Notruf, übernahm die Verantwortung für den Anschlag und bekannte sich zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

• Um 5.02 Uhr stürmte das SWAT-Team die Toiletten und meldete um 5.15 Uhr, dass der Angreifer tot sei.

Nun zeigen die veröffentlichten Protokolle, dass Omar Mateen kurz vor 3 Uhr im Gespräch mit einem Unterhändler angedeutet hatte, er trage mehrere Bomben auf sich und habe weitere Explosivstoffe in einem Fahrzeug auf dem Parkplatz des Clubs deponiert. Dazu kamen mehrere Notrufe von eingesperrten Personen, die meinten, beim Täter Bomben gesehen zu haben. Nachträglich stellten sich diese Informationen als falsch heraus, sie dürften laut «New York Times» (NYT) aber dazu beigetragen haben, dass die Einsatzkräfte mit der Stürmung des Clubs zuwarteten.

War ein Notausgang während des Anschlags blockiert?

Ob das lange Abwarten des FBI gerechtfertigt oder ein Fehler war, ist weiterhin nicht geklärt. Verschiedene Polizisten sagten laut «Wall Street Journal», sie nutzten diese Zeit, um verletzte Personen aus anderen Bereichen des Clubs zu bergen. Das Verhalten der involvierten Polizisten sei heldenhaft gewesen. Ausserdem, so stellt die NYT fest, sei die Mehrzahl der Opfer vor dieser dreistündigen Verhandlungsphase verletzt oder getötet worden.

Für Aufregung sorgt ausserdem die Information, wonach ein Notausgang aus dem Club durch einen Cola-Automaten blockiert gewesen sein soll. Feuerwehrfrau Tammy Hughes schickte ihrem Vorgesetzten Roderick Williams eine Nachricht: Ein Kollege habe ihr ein Foto gezeigt, «auf dem zu sehen ist, dass ein Ausgang blockiert war».

Gemäss einem offiziellen Statement der Feuerwehr stammte das Bild zwar vom Tag des Anschlags, es seien in der Nacht aber keine Türen blockiert gewesen. Auch ein Anwalt des Clubs Pulse bekräftigte, dass keine Ausgänge versperrt gewesen seien.

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