Blutige Wahlen in Irak: Anschläge, Fahrverbot und purpurne Finger

Aktualisiert

Blutige Wahlen in IrakAnschläge, Fahrverbot und purpurne Finger

In einem tödlichen Bomben- und Granathagel sind die Iraker am Sonntag zur Wahl gegangen, um über die politische Weichenstellung sieben Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins zu entscheiden.

von
Hamza Hendawi
AP
Eine Irakerin mit farbigem Finger, sie hat gewählt.

Eine Irakerin mit farbigem Finger, sie hat gewählt.

Blutige Parlamentswahl im Irak: Trotz schärfster Sicherheitsmassnahmen kam es vor allem in Bagdad zu einer Serie von Anschlägen, denen bis zur Schliessung der Stimmlokale am Abend mindestens 36 Menschen zum Opfer fielen. Vom Ausgang der Wahl hängt ab, ob sich der Irak dem schiitischen Iran zuneigt oder ob eine gemässigte Regierung der nationalen Versöhnung unter Schiiten, Sunniten und Kurden gebildet werden kann. Trotz vorheriger Terrordrohungen wurde eine rege Wahlbeteiligung gemeldet.

US-Präsident Barack Obama würdigte den Mut der Wähler. Trotz Gewaltanschlägen hätten sie sich nicht davon abbringen lassen, ihre Stimme abzugeben, erklärte er in Washington.

Ergebnis völlig offen

Die Aufstandsbewegung sunnitischer Extremisten hatte für den Wahltag Terror angedroht. «Diese Taten werden den Willen des irakischen Volkes aber nicht untergraben», sagte Regierungschef Nuri al-Maliki nach seiner Stimmabgabe. Er tritt mit seiner Dawa-Partei für einen Mittelweg zwischen säkularer und religiös beeinflusster Politik ein.

Bedrängt wird seine Koalition von der Iran-freundlichen radikalschiitischen Irakischen Nationalallianz (INA). Sie wird angeführt vom Obersten Islamischen Rat Iraks, aber auch eine Partei des antiamerikanischen Mullahs Muktada al Sadr gehört dem Bündnis an.

Auf der anderen Seite steht das Irakija-Bündnis unter der gemeinsamen Führung des ehemaligen Ministerpräsidenten Ajad Allawi, einem Schiiten, und des sunnitischen Politikers Saleh al Mutlak. Aussagekräftige Umfragen gab es vor der Wahl nicht.

Bei der zweiten Parlamentswahl seit dem Einmarsch der US-Truppen im März 2003 bewarben sich etwa 6200 Kandidaten um die 325 Mandate. Wahlberechtigt waren 19 Millionen Bürger. Bereits am Morgen gingen viele Bewohner der Hauptstadt zu ihrem Wahllokal. Nach der Stimmabgabe zeigten sie stolz ihren mit purpurner Farbe markierten Finger.

Vier Kinder unter Opfern

Der verheerendste Anschlag wurde am Sonntag im Nordosten der irakischen Hauptstadt verübt, wo ein zweigeschossiges Wohnhaus von mehreren Mörsergranaten zerstört wurde. Aus den Trümmern im Stadtteil Ur wurden mindestens 14 Menschen tot geborgen, unter ihnen vier Kinder. Bei weiteren Anschlägen kamen in Bagdad sieben Menschen ums Leben. Auch auf die Grüne Zone wurden Granaten abgefeuert, ausserdem wurden aus dem 30 Kilometer südlich gelegenen Mahmudija und weiteren Orten Bombenanschläge gemeldet.

Im überwiegend sunnitischen Stadtteil Asamijah zählte die Polizei am Morgen Explosionen von mindestens 20 Granaten. «Ich habe keine Angst, und ich werde nicht zu Hause bleiben», sagte der 40-jährige Walid Abid, als einige hundert Meter weiter eine Granate einschlug. «Wenn ich nicht wähle, wird es in Asamijah nur noch schlimmer.»

Im ganzen Land herrschten verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. In Bagdad bestand ein Fahrverbot. Grenzübergänge und der Flughafen wurden weitgehend geschlossen.

Die irakische Parlamentswahl in Zahlen

Die Iraker haben am Sonntag zum zweiten Mal seit dem Sturz Saddam Husseins ein neues Parlament gewählt. Um die 325 Abgeordnetenmandate bewarben sich mehr als 6.200 Kandidaten. 82 Parlamentssitze, also ein Viertel, sind für Frauen reserviert. Bislang zählte das Parlament nur 275 Abgeordnete, darunter 70 Frauen. In den landesweit rund 10.000 Stimmlokalen waren fast 300.000 Wahlhelfer im Einsatz, zudem wurden gut 500 internationale Beobachter erwartet. Von den rund 28 Millionen Irakern sind 19 Millionen wahlberechtigt. (ap)

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