Leserkommentare: «Ansichten totschweigen ist keine Lösung»
Aktualisiert

Leserkommentare«Ansichten totschweigen ist keine Lösung»

Rassistische und diskriminierende Kommentare – auf das Flüchtlingsdrama folgten auf vielen Newsportalen erschreckende Leser-Reaktionen.

von
Andrea Löpfe

In Italien hat der rassistische Inhalt einer Facebook-Seite die Bevölkerung schockiert. Auf einer Gruppenseite mit dem italienischen Titel «Das Drama von Lampedusa – 130 schwarze Mäuler weniger zu stopfen» wurden unzählige Hasstiraden gegen die Flüchtlinge auf Lampedusa veröffentlicht. Bis die Seite schliesslich von Facebook gesperrt wurde.

Auch in der Schweiz kämpften verschiedenste Onlineportale mit rassistischen Kommentaren. Beiträge auf 20minuten.ch wie der von G. Ott: «Was soll die EU machen? Eine Milliarde Afrikaner aufnehmen? Schuld sind alleine die Schlepper und Flüchtlinge selbst», sind dabei noch harmlos. Einigen Onlinemedien wurden die rassistischen Kommentare zu viel, sodass die Kommentarfunktion bei den betreffenden Artikeln entfernt wurde.

«Wir müssen viele Kommentare wegen Rassismus löschen»

Christian Lüscher, Teamleiter Social Media und Leserforum des Tages-Anzeigers, erklärt: «Als wir bemerkten, dass neun von zehn Kommentaren gelöscht werden mussten, entschlossen wir uns dazu, ganz auf die Kommentarfunktion zu verzichten.» Auch bei Blick.ch beschloss die Redaktion, auf weitere Leserbeiträge zu verzichten: «Gerade bei Themen wie Lampedusa, die sich um Asylbewerber und Flüchtlinge drehen, müssen oft viele Kommentare wegen rassistischer oder diskriminierender Inhalte gelöscht werden», so Thomas Enderle, Co-Chefredaktor bei Blick.ch.

Thomas Friemel, Professor an der Universität Bremen und Leiter des Instituts für angewandte Kommunikationsforschung in Zürich, erforschte in einer Studie, warum Leser überhaupt Kommentare schreiben. Für ihn ist klar: «Die Gesellschaft ist nicht rassistischer geworden, vielmehr ist mit den grossen Plattformen eine Möglichkeit geschaffen worden, durch die jeder seine Meinung öffentlich kundtun kann.» Die Neuen Medien würden es erlauben, Kommentare, die früher nur am Küchentisch der Familie oder am Stammtisch den Freunden erzählt wurden, aller Welt zu unterbreiten. «Gerade Minderheitsmeinungen oder solche, die von der Gesellschaft weniger akzeptiert werden, können in Kommentarspalten viel leichter verbreitet werden», so Friemel, denn: «Keiner würde sich trauen, in der Fussgängerzone auf einen Hocker zu stehen und ‹Sollen doch alle Flüchtlinge ertrinken!› zu rufen.»

Nicht überall wurde auf Kommentare verzichtet

Auf srf.ch und 20minuten.ch konnten weiterhin Kommentare zum Flüchtlingsdrama abgegeben werden. Für SRF war es wichtig, den Lesern weiterhin eine Möglichkeit zu geben, ihre Meinung zu veröffentlichen. Schliesslich ist «das Totschweigen von Ansichten nicht die Lösung», sagt Multimedia-Redaktor Konrad Weber. Und weiter: «Die Beiträge müssen aber unbedingt kontrolliert und moderiert werden.»

20minuten.ch verzichtete bei den Geschichten zu Lampedusa ebenfalls nicht auf die Kommentarfunktion: «Auch wenn viele negative Kommentare zum Flüchtlingsdrama in Lampedusa eingegangen sind: Das Thema war so wichtig und emotional, dass 20 Minuten den Lesern die Möglichkeit zum Mitreden bieten wollte», so Marcel Zulauf, Mitglied der Chefredaktion.

Wie bei allen Artikeln auf 20minuten.ch wurden auch hier die Kommentare vor der Veröffentlichung geprüft. Ziel war es in diesem Fall, «auch besonneren Zuschriften die Chance zu geben, die Diskussion in einer andere Richtung zu drehen», erklärt Zulauf. Die Kontrolle der Kommentare ist laut Friemel wichtig:«Der Leser muss vor sich selbst geschützt werden. Der Konsequenzen eines im Internet mit dem eigenen Namen publizierten Kommentars sind sich viele gar nicht bewusst.»

Mehr zur Studie und was die Leser von 20minuten.ch bewegt finden Sie hier.

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