25.07.2020 18:57

Analyse von Corona-Ausbruch

Ansteckungen bei Tönnies erfolgten über 8 Meter Entfernung

Der Corona-Ausbruch in dem deutschen Schlachthof mit über 1300 Infizierten wurde von einem einzelnen Arbeiter ausgelöst. Das Virus legte dabei eine ordentliche Strecke zurück.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Auf den Corona-Ausbruch im Schlachthof Tönnies im deutschen Gütersloh gehen nachweislich über 2100 Covid-19-Infektionen zurück.

Auf den Corona-Ausbruch im Schlachthof Tönnies im deutschen Gütersloh gehen nachweislich über 2100 Covid-19-Infektionen zurück.

KEYSTONE
Bei über 1300 der Betroffenen handelt es sich um Angestellte des Fleischproduzenten.

Bei über 1300 der Betroffenen handelt es sich um Angestellte des Fleischproduzenten.

Foto: Martin Meissner/Keystone
Zeitweise befanden sich 6500 Mitarbeiter in Quarantäne. Für die gesamte Region wurde ein Lockdown verhängt.

Zeitweise befanden sich 6500 Mitarbeiter in Quarantäne. Für die gesamte Region wurde ein Lockdown verhängt.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Beim Corona-Ausbruch im Schlachtbetrieb Tönnies infizierten sich über 1300 Mitarbeiter.
  • Insgesamt stehen mehr als 2100 Corona-Infektionen damit in Zusammenhang.
  • Forscher haben untersucht, wie es so weit kommen konnte.
  • Der Superspreading-Event ist auf eine Person zurückzuführen.
  • Und es zeigte sich, dass sich überwiegend Mitarbeiter in der Umgebung von 8 Metern infizierten.
  • Das bestätigt die Gefahr durch Aerosole.

Im Juni hatten sich im Schlachtbetrieb Tönnies im deutschen Rheda-Wiedenbrück mehr als 1300 Mitarbeiter mit Sars-CoV-2 infiziert. Für die Region wurde daraufhin ein erneuter Lockdown verhängt. Insgesamt stehen laut dem nordrhein-westfälischen Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann mehr als 2100 Corona-Infektionen im Zusammenhang mit Tönnies. Bei weiteren 67 Fällen gelte ein Zusammenhang als möglich.

Doch wie war das Virus überhaupt in den Betrieb gekommen? Genau das haben Forscher des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig untersucht. Ihre Erkenntnisse wurden noch nicht von anderen Wissenschaftlern begutachtet, sind aber auf der Preprint-Plattform SSRN.com verfügbar.

Was bedeutet Preprint?

Um neue Erkenntnisse unters Volk zu bringen, publizieren Forscher ihre Studien in Fachzeitschriften (Journals). Dafür arbeiten sie zunächst ein Manuskript aus, den sie der Fachzeitschrift vorlegen. Nimmt diese den Entwurf an, findet die Begutachtung, das sogenannte Peer-Review statt. Das heisst: In der Regel anonyme und unabhängige Fachkollegen begutachten die Arbeit, kritisieren und machen Anmerkungen. Dies dient der Qualitätssicherung. Dann wird die Arbeit an die Autoren zurückgesandt, welche sie überarbeiten. Dieses Vorgehen kann sich einige Male wiederholen. Abschliessend wird die Arbeit im Journal publiziert. Bevor dieser Prozess abgeschlossen ist, werden Studien in sogenannten Preprints veröffentlicht.

Wohnsituation spielte nur kleine Rolle

Bislang wurde angenommen, dass ein Grossteil der Ansteckungen in den Unterkünften der Wanderarbeiter stattgefunden habe, wo diese eher hausten als wohnten und es kaum möglich ist, die notwendige soziale Dis­tanz zu wahren.

Doch die Rekonstruktion der Infektionsketten, für die das Team um Melanie Brinkmann die Gense­quenzen der bei den Arbeitern nachgewiesenen Viren analysiert haben, zeigt, dass diese – zumindest zu Beginn des Ausbruchs – eine nur untergeordnete Rolle spielten.

Folgenreiche Fehlentscheidung

Den Stein ins Rollen brachten zunächst zwei Tönnies-Mitarbeiter der Frühschicht, von den Forschern B1 und B2 genannt. Diese hätten, so die Forscher, Kontakt zu Mitarbeitern des ebenfalls Fleisch verarbeitenden Fleischunterneh­mens Westcrown im niedersächsischen Dissen gehabt. Dort hatte es zuvor einen Ausbruch gegeben.

Doch obwohl sie dieses sofort ihrem Management berichteten, geschah nichts. Zwar wurden B1 und B2 auf das Coronavirus getestet. Aber da man sie nicht als Risiko einstufte, durften sie normal weiterarbeiten – bis drei Tage später das Ergebnis positiv war. Erst jetzt bekamen sie die Weisung, sich in Quarantäne zu begeben. Genauso wie ihre sechs Mitbewohner, ebenfalls Mitarbeiter des Schlachtbetriebs.

In den nächsten Tagen fielen die Testergebnisse bei immer mehr Tönnies-Mitarbeitern der Frühschicht positiv aus – was schliesslich in einem Ausbruch mit mehr als 1300 Betroffenen endete.

Entdeckung stützt Superspreader-Theorie

Durch die Analyse des Virus-Genoms konnten Brinkmann und ihre Kollegen ermitteln, dass aller Vo­raus­sicht nach B1 allein den Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück ausgelöst hat. So wies das bei ihm nachgewiesene Virus acht Mutationen auf, die später bei den Viren aller betroffenen Mitarbeiter der Frühschicht gefun­den wurden. Bei B2 gab es dagegen eine Abweichung, die später nicht mehr auftauchte, womit dieser als Überträger ausschied.

Das bestätigt die Studie zur Bedeutung der Superspreader von Forschern um Adam Kucharski von der London School of Hygiene & Tropical Medicine, wonach 10 Prozent der Infizierten für 80 Prozent der Infektionen verantwortlich sind.

Abstand von zwei Metern reicht offenbar nicht

Die Arbeit der Helmholtz-Wissenschaftler zeigt noch anderes Interessantes: So gehörten die ersten Infizierten alle der Frühschicht mit 147 Arbeitern an. Die meisten davon arbeiteten an einer festen Position am Förderband. Die Forscher konnten die genaue Position des Infizierten und auch die der Arbeiter in der Umgebung ermitteln.

Bei der Auswertung dieser Daten zeigte sich, dass sich in den ersten drei Tagen überwiegend Mitarbeiter infizierten, die sich im Umkreis von 8 Metern von B1 befanden. Das bedeutet, dass ein Abstand von 1,5 oder 2 Metern, der zurzeit als relativ sicher gewertet wird, gar nicht so sicher ist und unter gewissen Umständen bei Weitem nicht ausreicht.

Umstände mitverantwortlich

Bei dem Ausbruch in dem Schlachtbetrieb haben auch die Umstände eine Rolle gespielt, so Adam Grundhoff vom Hamburger Heinrich-Pette-Institut, der ebenfalls an der Studie mitgewirkt hat, zu Spiegel.de: «Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedingungen des Zerlegebetriebs – also die niedrige Temperatur, eine geringe Frischluftzufuhr und eine konstante Luftumwälzung durch die Klimaanlage in der Halle, zusammen mit anstrengender körperlicher Arbeit – die Aerosolübertragung von Sars-CoV-2-Partikeln über grössere Entfernungen hinweg förderten.»

Erst vor kurzem hatten 239 Fachleute aus aller Welt in einem offenen Brief an die WHO appelliert, die Aerosol-Gefahr nicht zu unterschätzen und die Massnahmen entsprechend anzupassen.

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Lüften, lüften, lüften – das ist die vielleicht wichtigste Empfehlung, welche die 239 Wissenschaftler in dem offenen Brief an die WHO geben.

Lüften, lüften, lüften – das ist die vielleicht wichtigste Empfehlung, welche die 239 Wissenschaftler in dem offenen Brief an die WHO geben.

Getty Images/iStockphoto
Der Grund für das Schreiben: Die Möglichkeit der Übertragung von Sars-CoV-2 durch Aerosole sei bisher nicht ausreichend berücksichtigt worden. In Innenräumen sei die Gefahr jedoch beträchtlich.

Der Grund für das Schreiben: Die Möglichkeit der Übertragung von Sars-CoV-2 durch Aerosole sei bisher nicht ausreichend berücksichtigt worden. In Innenräumen sei die Gefahr jedoch beträchtlich.

Screenshot Clinical Infectious Diseases
Das Ziel der Massnahme sei es, die Konzentration an mit Viruspartikeln beladenen Aerosolen tief zu halten. Erreichen lässt sich das auch über moderne Belüftungssysteme. Dabei sei es essentiell, dass die Luft nicht nur umgewälzt, sondern zu 100 Prozent von aussen zugeführt werde. Andernfalls könnten Klimaanlagen das Problem noch verschärfen.

Das Ziel der Massnahme sei es, die Konzentration an mit Viruspartikeln beladenen Aerosolen tief zu halten. Erreichen lässt sich das auch über moderne Belüftungssysteme. Dabei sei es essentiell, dass die Luft nicht nur umgewälzt, sondern zu 100 Prozent von aussen zugeführt werde. Andernfalls könnten Klimaanlagen das Problem noch verschärfen.

Getty Images

Die WHO hatte daraufhin angekündigt, in den nächsten Tagen ausführlich auf den offenen Brief zu reagieren. Auch die Schweizer Corona-Taskforce hatte sich bereits zur Übertragungsgefahr via Aerosole geäussert.

Hier spielten Aerosole eine Rolle

Dass in gut gefüllten Innenräumen ein grosses Ansteckungsrisiko besteht, bestätigten zuletzt mehrere Ausbrüche in Clubs, Kirchen, Restaurants und in Grossraumbüros. Diese zeigten, dass eine einzelne infizierte Person in einem schlecht vorbereiteten Innenraum im Laufe der Zeit genug aerosolisiertes Virus freisetzen kann, um einen Superspreader-Event auszulösen.

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106 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Arbeiter

26.07.2020, 23:23

Diese Arbeiter leben mit der ganzen Familie auf engen Räumen in ganzen Arbeitsdörfern! Da wird kaum jemand abstand gehalten haben. Daher ist diese Aussage sicher unrealistisch !

brunner

26.07.2020, 19:37

"Das Virus legte dabei eine ordentliche Strecke zurück." wohl das stärkste Virus aller Zeiten, ganz alleine soviele Leute zu infizieren. Ironie aus.

BreakingNews

26.07.2020, 19:16

Hans ist im moment frei von Dünnschiss