«Herkulesaufgabe» – Ansturm von ukrainischen Flüchtlingen – Asylzentren suchen dringend Personal

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«Herkulesaufgabe»Ansturm von ukrainischen Flüchtlingen – Asylzentren suchen dringend Personal

Ukrainische Flüchtlinge strömen zu Tausenden in die Schweiz: Aus Zivilschutzeinrichtungen entstehen Asylunterkünfte, Betreiberfirmen suchen jetzt händeringend neue Mitarbeiter.

von
Joel Probst
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Der Krieg in der Ukraine tobt weiterhin. Im Bild ukrainische Flüchtlinge am Grenzübergang Palanca zwischen der Ukraine und Moldau.

Der Krieg in der Ukraine tobt weiterhin. Im Bild ukrainische Flüchtlinge am Grenzübergang Palanca zwischen der Ukraine und Moldau.

IMAGO/photothek
Der Flüchtlingsstrom bringt die Asylunterkünfte in der Schweiz an ihre Grenzen.

Der Flüchtlingsstrom bringt die Asylunterkünfte in der Schweiz an ihre Grenzen.

ORS
«Bereits jetzt beherbergen wir um die 1’500 ukrainische Flüchtlinge. Und von Tag zu Tag werden es mehr», so ein ORS-Sprecher.

«Bereits jetzt beherbergen wir um die 1’500 ukrainische Flüchtlinge. Und von Tag zu Tag werden es mehr», so ein ORS-Sprecher.

ORS

Darum gehts

  • Bereits Tausende Flüchtlinge aus der Ukraine sind in der Schweiz angekommen.

  • Sie bringen die bestehenden Asylunterkünfte an ihre Kapazitätsgrenzen.

  • Aufgrund des Ansturms werden neue Unterkünfte eingerichtet.

  • Die Betreiberfirma von über 60 Asylunterkünften sucht dringend nach zusätzlichem Personal.

«Es ist eine Herkulesaufgabe», sagt Lutz Hahn. Er ist Sprecher der Firma ORS, die mehr als 60 Asylunterkünfte in der Schweiz betreibt. Über rund 6500 Betten verfügen die Betreuungseinrichtungen der Firma normalerweise: «Noch reicht das, doch wir sind bald am Anschlag.» Denn die Welle an Flüchtlingen aus der Ukraine, die im Moment in die Schweiz strömt, reisst nicht ab.

Sie kommen mit dem Zug an, in Bussen aus Nachbarländern oder werden von Angehörigen im Auto in die Schweiz gefahren: «Bereits jetzt beherbergen wir um die 1500 ukrainische Flüchtlinge. Und von Tag zu Tag werden es mehr», so Hahn. All diese Menschen müssen zuerst in einem Bundesasylzentrum registriert und dann auf die Asylunterkünfte in den Kantonen verteilt und untergebracht werden.

Zusätzliches Bundesasylzentrum?

«Es geht in einer ersten Phase darum, den Geflüchteten ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu geben. Dazu müssen so schnell wie möglich neue Unterkünfte her», so der ORS-Sprecher. Nicht nur werden in den Bundesasylzentren genauso wie in den kantonalen Durchgangszentren die Kapazitäten erhöht: «Es werden derzeit Überlegungen gemacht, zusätzliche Bundesunterkünfte in Betrieb zu nehmen.» Das Staatssekretariat für Migration bestätigt dies.

Auch auf kantonaler Ebene eröffnet die Betreuungsdienstleisterin aktuell neue Asylunterkünfte: so etwa in Basel-Stadt, in Frick AG, in Egerkingen SO und Fribourg. 

Die Firma ORS

Die Betreuungsdienstleisterin ORS mit Sitz in Zürich ist eine private Unternehmung, die in der Schweiz über 60 Asylunterkünfte für den Bund und diverse Kantone sowie Gemeinden betreibt. Die gewinnorientierte Firma ist im Besitz einer Beteiligungsgesellschaft und auch in Deutschland, Österreich und Italien tätig.

«Flüchtlinge warten nicht»

Die Infrastruktur ist zwar vorhanden: «Es können auch Zivilschutzanlagen und Militärunterkünfte umgenutzt werden», so der ORS-Sprecher. Doch das ist mit beträchtlichem Aufwand verbunden: «Bettwäsche und Empfangskits mit Hygieneartikeln müssen genauso organisiert werden wie Verpflegung.» Das sei eine grosse Herausforderung für alle Beteiligten.

«Doch die Flüchtlinge warten nicht, bis die Unterkünfte bereit sind», so Hahn. Dazu komme, dass Frauen, Kinder und ältere Menschen den Grossteil der Geflüchteten ausmachten. «Diese vulnerablen Personen brauchen zusätzliche Betreuung, besonders wenn sie traumatisiert sind.»

Grosser Zeitdruck

Über hundert Stellen hat ORS deshalb aktuell ausgeschrieben – zusätzlich zu den 850 Angestellten, die das Unternehmen normalerweise beschäftigt. Der Zeitdruck ist gross, doch die Rekrutierung harzt: «Wir haben im Moment schweizweit schlicht zu wenige Bewerbungen.»

Die Firma sucht alles, von Betreuenden, Sozialpädagoginnen und -pädagogen und Zentrumsleitenden bis hin zu medizinischem Fachpersonal. «Besonders dringenden Bedarf haben wir an Personen, die Russisch oder noch besser Ukrainisch sprechen.» Denn die Verständigung mit den Geflüchteten erweise sich oft als schwierig.

«Wer sich heute bewirbt, wird übermorgen eingestellt», so Hahn. Die Firma will sogar übers Wochenende Bewerbungen entgegennehmen und Vorstellungsgespräche vereinbaren. Trotzdem versichert der Sprecher, dass nur eingestellt werde, wer geeignet sei und strikten Kriterien genüge. Die meisten ausgeschriebenen Stellen sind befristet: «Wir wissen nicht, wie lange der Flüchtlingsstrom anhält und es diese Unterkünfte braucht.» In absehbarer Zeit stehen die Zeichen jedenfalls auf Ausbau.

Schutzstatus S

Aufgrund des Ukraine-Kriegs hat der Bundesrat erstmals den Schutzstatus S aktiviert. Ukrainische Geflüchtete erhalten so laut dem Staatssekretariat für Migration unbürokratisch Schutz, ohne ein ordentliches Asylverfahren durchlaufen zu müssen. Ihr Aufenthaltsrecht ist vorläufig auf ein Jahr befristet und erlaubt den Nachzug von Familienangehörigen in die Schweiz. Erwachsene mit Schutzstatus S dürfen in der Schweiz einer Arbeit nachgehen und Kinder die Schule besuchen.

«Private Unterkünfte teilweise unbewohnbar»

Unterbringungsangebote aus der Schweizer Bevölkerung entschärfen die Situation laut dem ORS-Sprecher derweil: «Geflüchtete sind aber auch schon wieder ins Asylzentrum zurückgekehrt, weil sie mit der zugeteilten privaten Unterkunft nicht einverstanden waren; sei es wegen den Platzverhältnissen oder wegen des Zustands der Bleibe.»

Das liegt laut Hahn auch daran, dass vielerorts die Ressourcen fehlen, um den von Privatpersonen angebotenen Wohnraum vorab auf seine Tauglichkeit zu prüfen. Trotzdem: «Insgesamt funktioniert die Vermittlung, und das Angebot wird von den Geflüchteten geschätzt.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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