Aktualisiert 29.03.2016 08:05

Resistenz droht

Antibiotika bei Grippe aus Angst um den Job

Wegen Druck am Arbeitsplatz oder Ungeduld verlangen viele Patienten unnötig Antibiotika. Dabei droht eine Resistenz, die tödlich enden kann.

von
Nikolai Thelitz

Ob Grippe oder Bronchitis: Viele Ärzte verschreiben unnötig Antibiotika, weil Patienten dies vermehrt verlangen. Die Patienten würden sich nicht ernst genommen fühlen, wenn sie kein Antibiotika erhielten, sagt Infektiologe Jean-Philippe Chave zu «24 heures». «Ich weiss von Ärzten, die nur Antibiotika verschrieben, um den Patienten nicht zu verlieren.» Die Ärzte stünden oft unter Zeitdruck, so dass viele lieber Antibiotika herausgeben würden, statt sich zeitraubenden Diskussionen mit den Patienten zu stellen. «Vor allem die älteren Ärzte sind oft wenig auf die Risiken sensibilisiert und verschreiben zu oft unnötig Antibiotika.»

Bloss nicht krank werden

«Viele Leute sind am Arbeitsplatz stark unter Druck, wollen sich keinen Krankheitsausfall erlauben. Auch Arbeitgeber erwarten immer mehr, dass Leute schnell wieder fit sind», sagt Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung SPO Patientenschutz. Daher würden viele Kranke verlangen, dass der Arzt ein Antibiotikum verordnet statt die Krankheit auszusitzen oder die Laborbefunde abzuwarten. Gerade während der Grippezeit würden vermehrt Antibiotika konsumiert. «Die Patienten haben oft keine Ahnung, dass ein Antibiotikum gegen ein Grippe-Virus nichts nützt und sie erst noch Gefahr laufen, bei den Keimen eine Antibiotika-Resistenz aufzubauen.»

Für Immunologe Beda Stadler haben die Jungen heute den Respekt vor der Krankheit und der Medizin verloren. «Es wird völlig bedenkenlos zu Antibiotika gegriffen, ohne sich über die Nebenwirkungen Gedanken zu machen.» Es herrsche ein blindes Vertrauen in die Medizin. «Als ich jung war, war eine Lungenentzündung noch ein lebensbedrohliches Risiko, heutzutage steckt man das locker weg.»

Gesundheit als Ideal

Neben dem Druck am Arbeitsplatz sei auch der neue Körperkult schuld an der häufigen Verwendung von Antibiotika. «Heute will jeder immer topfit sein und keine Session im Fitnesscenter verpassen, da liegt es nicht drin, eine Woche lang krank im Bett zu liegen.» Vor allem ältere Ärzte würden Antibiotika als Allheilmittel einsetzen, jüngere seien vorsichtiger.

Auch gemäss dem Verband der Haus- und Kinderärzte werden Antibiotika oft falsch verschrieben. «Studien haben gezeigt, dass Ärzte zu viele Fehler beim Verschreiben von Antibiotika machen, beispielsweise indem sie diese gegen virale Infektionen einsetzen oder sie nicht in der korrekten Dosierung verschreiben», schreibt der Verband.

Ostblock-Therapie als letzte Chance

Der Trend hat Folgen, denn durch die verbreitete Anwendung werden die Bakterien resistent gegen die Antibiotika. Wer sich mit einem solchen resistenten Keim ansteckt, kann schon an einer einfachen Lungenentzündung, Infektion oder Blutvergiftung sterben. 25'000 solche Fälle gibt es jährlich in der EU. Auch in der Schweiz sterben jedes Jahr hunderte Menschen, weil sie von Antibiotika-resistenten Bakterien angegriffen worden sind, gegen die es keine Medikamente mehr gibt. Die Tendenz ist laut der Eidgenössischen Fachkommission für biologische Sicherheit steigend. Der Bund hat Ende letzten Jahres gar eine «Strategie Antibiotikaresistenzen» ins Leben gerufen.

Eine mögliche Waffe gegen die multiresistenten Keime ist laut Infektiologe Chave die Phagentherapie, die nach dem Aufkommen der Antibiotika weniger zur Anwendung kam, in den Ostblockstaaten aber Mangels Antibiotika weiterhin praktiziert wurde. Dabei werden Bakeriophagen – also Viren, die nur Bakterien angreifen – im Körper ausgesetzt. Diese wirkten auch gegen multiresistente Keime und könnten gute von schlechten Bakterien unterscheiden. Die Phagentherapie sei ein «vielversprechender Weg».

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