Epidemiologe Marcel Salathé befürwortet ein einfaches Attest für Geimpfte
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Marcel Salathé«Antikörper sollen nicht bestimmen, wo ich hindarf und wo nicht»

Epidemiologe und Ex-Taskforce-Mitglied Marcel Salathé hält wenig von einer «Zweiklassengesellschaft» aufgrund der Corona-Impfung, befürwortet aber ein Impfzertifikat. «Die Vorstellung eines Konzerts nur für Geimpfte irritiert mich enorm», sagt er.

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Epidemiologe Marcel Salathé war bis Februar 2021 Leiter der Expertengruppe Digital Epidemiology der Covid-Task Force des Bundes.

Epidemiologe Marcel Salathé war bis Februar 2021 Leiter der Expertengruppe Digital Epidemiology der Covid-Task Force des Bundes.

Raphael Moser / Tamedia AG
Er steht dem geplanten Impfzertifikat kritisch gegenüber.

Er steht dem geplanten Impfzertifikat kritisch gegenüber.

Raphael Moser/ Tamedia AG

Darum gehts

  • Epidemiologe Marcel Salathé befürwortet ein einfaches Attest für Geimpfte.

  • Er findet es aber problematisch, wenn Ungeimpften aufgrund ihres Status zu viele Nachteile erwachsen.

  • Es werde wohl nicht mehr gelingen, das Virus komplett auszurotten.

«Mir persönlich macht es Sorgen, wenn die Antikörper in meinem Blut plötzlich darüber bestimmen, wo ich hindarf und wo nicht», sagt Marcel Salathé im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» (Bezahlartikel). Er stösst sich an der Vorstellung, dass Geimpfte allein aufgrund dieses Status Privilegien geniessen könnten, die Ungeimpften verwehrt bleiben. «Ich bin der Meinung, dass wir solche Impf-, Test- und Immunitätsausweise im Inland mit grösster Zurückhaltung einsetzen sollten», sagt er. «Es wäre ziemlich dystopisch, künftig in jedem Restaurant mittels digitaler Infrastruktur den eigenen Immunstatus beweisen zu müssen.» Und weiter: «Die Vorstellung eines Konzerts nur für Geimpfte irritiert mich enorm.»

Für Auslandsreisen werde man nicht darum herumkommen, ein Zertifikat auszustellen, doch dessen Bedeutung in der Schweiz dürfe nicht zu hoch ausfallen: «Wenn man Bevölkerungsgruppen aufgrund eines Gesundheitsmerkmals unterschiedlich behandelt, finde ich das heikel.» Das entsprechende Attest müsse «so minimalistisch wie möglich», aber auch sicher vor Fälschungen sein, so das frühere Mitglied der Covid-Task-Force des Bundes. Es sollten dafür «so wenig Daten wie möglich» gesammelt und dezentral gespeichert werden, um es Hackern so schwer wie möglich zu machen, aus Angriffen Nutzen zu ziehen. Würden Fake-Atteste auftauchen, müssten diese «auf der technischen Ebene unkompliziert für ungültig erklärt werden können».

Salathé ist aber überzeugt, dass mit der zunehmenden Durchimpfung auch immer mehr Lockerungen einhergehen. «Eine Impfung bringt ja nicht nur Schutz für mich, sondern verringert auch die Ansteckungen», sagt er. «Wenn sich viele impfen, wird es das Virus extrem schwer haben.»

«Impfschutz hoch, aber nie absolut»

Allerdings dürfe man sich von der Impfung keine 100-prozentigen Sicherheit versprechen: «Der Impfschutz ist zwar hoch, aber nie absolut. Damit müssen wir wohl auch bei Corona leben, denn es wird nicht mehr gelingen, dieses Virus komplett auszurotten», sagt der 46-Jährige. Es könne, ähnlich wie bei den Masern, wohl «zu lokalen Ausbrüchen in Bevölkerungsgruppen kommen, in denen nicht genügend Menschen geimpft sind. «Dabei können sich durchaus auch Geimpfte anstecken.»

Das Monitoring der Lage müsse auch nach der Bewältigung der Krise weiter bestehen. «Deshalb haben wir die Organisation CH++ gegründet, die dafür sorgen will, dass das Thema auch nach Ende der Pandemie auf dem Tisch bleibt», erklärt er.

Des weiteren arbeite er mit CH++ an einem Rating, dass Parlamentarier anhand ihres Abstimmungsverhaltens und ihren öffentlichen Aussagen nach ihrer wissenschaftlichen Kompetenz bemessen soll. «Die erste Version wird sicher noch nicht perfekt sein, bis zu den Wahlen 2023 soll es aber eine wertvolle Wahlhilfe für den hoffentlich grossen Teil der Bevölkerung sein, dem evidenzbasierte Entscheidungen und technologisch kompetente Umsetzungen wichtig sind», so Salathé.

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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(trx)

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