Aktualisiert 04.04.2020 13:34

Covid-19-Pandemie

Antikörper von Geheilten könnten Leben retten

Wie lässt sich die Mortalität bei Covid-19 senken? Der Frage gehen Schweizer Forscher nun mithilfe von Blutplasma von Genesenen nach.

von
Fee Riebeling
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Weltweit prüfen Forscher, ob sich mit den Antikörpern von genesenen Covid-19-Patienten das Leiden von akut Betroffenen lindern lässt. (Im Bild: Blutplasma. in dem sich die Immunzellen befinden)

Weltweit prüfen Forscher, ob sich mit den Antikörpern von genesenen Covid-19-Patienten das Leiden von akut Betroffenen lindern lässt. (Im Bild: Blutplasma. in dem sich die Immunzellen befinden)

Getty Images/Mikhail Tereshchenko
Die Hoffnung der Wissenschaftler: Die gespendeten Abwehrstoffe nehmen im fremden Körper den Kampf gegen das Virus auf, besiegen es und reduzieren so die Sterblichkeit unter den Covid-19-Patienten. (Im Bild: Antikörper im Labor)

Die Hoffnung der Wissenschaftler: Die gespendeten Abwehrstoffe nehmen im fremden Körper den Kampf gegen das Virus auf, besiegen es und reduzieren so die Sterblichkeit unter den Covid-19-Patienten. (Im Bild: Antikörper im Labor)

Keystone/AP/ole Spata
Die Idee geht zurück auf Emil von Behring (1854-1917), der als Begründer der Blutserumtherapie gilt. Er schuf ein Mittel, das in der Lage war, bereits ausgebrochene Infektionskrankheiten mithilfe von Antitoxinen zu bekämpfen. Dafür erhielt er 1901 den ersten Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Die Idee geht zurück auf Emil von Behring (1854-1917), der als Begründer der Blutserumtherapie gilt. Er schuf ein Mittel, das in der Lage war, bereits ausgebrochene Infektionskrankheiten mithilfe von Antitoxinen zu bekämpfen. Dafür erhielt er 1901 den ersten Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Wikimedia Commons/PD

Malaria-Medi, Ebola-Präparat und Rheumatherapie – solange es weder einen Impfstoff noch ein spezifisches Medikament gegen Covid-19 gibt, lassen Ärzte weltweit nichts unversucht, um die Symptome ihrer Patienten zu lindern und sie bestenfalls vor dem Tod zu bewahren. Dazu zählt auch, den Betroffenen per Transfusion Blutplasma von bereits Genesenen zu übertragen – und damit auch deren Antikörper.

Das Unispital Basel hat Ende März damit begonnen, das Zürcher Pendant (USZ) will in Kürze nachziehen. Die Mediziner hoffen, dass die gespendeten Abwehrstoffe im fremden Körper den Kampf gegen das Virus aufnehmen, besiegen und «so die Mortalität reduzieren», so Markus Manz, Direktor der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie am USZ.

Offene Fragen

Ob die Hoffnungen erfüllt werden, kann derzeit niemand sagen. Zwar war eine solch passive Immunisierung schon bei früheren Epidemien erfolgreich – bei der Spanischen Grippe (siehe Bildstrecke unten) konnte sie die Sterblichkeit um ein Fünftel senken, auch bei Ebola und Sars wirkte sie. Aber punkto Covid-19 wird gegenwärtig erst noch untersucht, ob die Abwehrstoffe von geheilten Corona-Patienten überhaupt sicher schützen. Bisher gibt es erst Einzelfallberichte, überwiegend aus China, aus denen sich keine generellen Aussagen ableiten lassen.

«Offen ist auch, wessen Antikörper besser geeignet sind: die von ehemals schwer Erkrankten, weil sie stärker gefordert waren, oder die von ehemals leicht Betroffenen, da sie diese in der Lage waren die Erkrankung besser zu kontrollieren?», so Manz. Auch die Art der benötigten Antikörper sei noch unbekannt.

Weiter muss ausgeschlossen werden, dass die gespendeten Antikörper nicht das Gegenteil bewirken und die Erkrankung begünstigen. Ein Phänomen, das Experten «Antibody dependent enhancement of infection» nennen, kurz ADE-Effekt.

Studien geplant

«Erst eine Studie wird zeigen, ob die Therapie tatsächlich wirkt», erklärte denn auch Andreas Buser, Leiter des Basler Blutspende-Zentrums, gegenüber SRF. Bislang handele es sich noch um eine experimentelle Behandlung, räumt USB-Sprecher Nicolas Drechsler ein. «Sollten die ersten Versuche erfolgversprechend verlaufen, startet die eigentliche Studie.»

Eine solche hat das USZ-Team bereits beantragt. Wird der Eingabe stattgeben, wolle man beginnen hospitalisierte Hochrisikopatienten mit dieser experimentellen Methode zu behandeln. «Wir hoffen, so ihre schlechte Prognose zu verbessern», so Manz. Für bereits auf der Intensivstation befindliche Erkrankte sei die Plasmaspende aus seiner Sicht nichts, «weil die Erkrankung dann schon weit fortgeschritten und schwerer zu bekämpfen sei, und das Risiko für lebensbedrohliche Nebenwirkungen wie Lungenödemen höher ist.»

«Pragmatische Massnahme»

Dass die Hoffnungen der zur passiven Immunisierung forschenden Mediziner berechtigt sind, zeigt eine kürzlich im Fachjournal «Jama» veröffentlichte Studie. Darin berichten chinesische Ärzte, dass sie fünf Covid-19-Patienten im kritischen Zustand Blutplasma zuführten, woraufhin diese sich zusehends erholten (siehe Box).

Einige Forscher werten das als Erfolg, andere geben zu bedenken, dass die Erkrankten, die alle zwischen 36 und 65 Jahren alt waren, gleichzeitig auch antivirale Medikamente erhalten hatten. Darum könne man nicht sagen, welcher Ansatz am Ende der entscheidende war. Möglicherweise hätte auch die Kombination der Therapien zum Ziel geführt.

Doch auch wenn die aktuell laufenden Studien – weltweit gehen Forscher derzeit denselben Fragen nach – zeigen, dass die passive Immunisierung wirkt: Eine klassische Impfung ersetzen kann sie nicht. «Um Tausende Menschen damit zu behandeln, bräuchte es ein industriell herstellbares Produkt», erklärt Manz. «Es ist vielmehr eine pragmatische Notfallmassnahme, mit der man die Phase bis zu einer effektiven Anti-Viren-Therapie beziehungsweise bis zum Impfstoff überbrückt.»

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Die erste grosse Grippewelle des 20. Jahrhunderts war die Spanische Grippe, die 1918 erstmals auftrat. (Im Bild: Erkrankte werden im Walter-Reed-Militärspital in Washington versorgt.)

Die erste grosse Grippewelle des 20. Jahrhunderts war die Spanische Grippe, die 1918 erstmals auftrat. (Im Bild: Erkrankte werden im Walter-Reed-Militärspital in Washington versorgt.)

Wikimedia Commons/PD
Mehrere Millionen Menschen erkrankten – und starben – daran. (Im Bild: Übersicht über die an der Spanischen Grippe Verstorbenen in 49 spanischen Provinzen)

Mehrere Millionen Menschen erkrankten – und starben – daran. (Im Bild: Übersicht über die an der Spanischen Grippe Verstorbenen in 49 spanischen Provinzen)

Wikimedia Commons/G. Chowell et al./CC-BY 4.0
Allein in der Schweiz fielen ihr fast 25'000 Menschen zum Opfer. (Im Bild: Sanitäter in einem Wagen des Rekonvaleszenz-Zentrums Gunten-Sigriswil, in dem Schweizer Betroffene behandelt wurden)

Allein in der Schweiz fielen ihr fast 25'000 Menschen zum Opfer. (Im Bild: Sanitäter in einem Wagen des Rekonvaleszenz-Zentrums Gunten-Sigriswil, in dem Schweizer Betroffene behandelt wurden)

Wikimedia Commons/PD

So erholten sich die chinesischen Patienten

Innerhalb von drei Tagen nach einer Blutplasma-Transfusion normalisierte sich ihre Körpertemperatur, auch die Lungenfunktion verbesserte sich deutlich, heisst es im Fachjournal «Jama». Bei einem Patienten hätten schon nach einem Tag keine Coronaviren mehr nachgewiesen werden können, die übrigen mit dem Blutplasma Behandelten waren spätestens zwölf Tage nach Therapiebeginn virenfrei. Drei der Patienten konnten das Krankenhaus mittlerweile verlassen. Zwei weitere müssen noch beatmet werden.

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