Aktualisiert 21.01.2005 13:21

Antrittsrede von Bush: Das Wort «Irak» fehlte

Die Rede George W. Bushs zum Beginn seiner zweiten Amtszeit umfasste 2.000 Wörter - aber das Schicksalswort Irak kam darin nicht vor. Denn Irak bedeutet 1 360 tote US-Soldaten, 10 500 Verwundete und Kriegskosten von 100 Milliarden Dollar.

Umfragen zufolge finden die meisten Amerikaner, dass der Irakkonflikt den Blutzoll und das Geldopfer nicht wert ist, mit denen er die USA belastet. Vom weiteren Verlauf des Engagements in Irak wird es abhängen, ob Bushs Ägide als Erfolg oder Misserfolg in die Geschichte eingeht. Das weiss auch der Präsident, und das erklärt die Auslassung.

Bis zu dem Augenblick, in dem Bush am Donnerstag zum zweiten Mal den Amtseid ablegte, waren im Irakkrieg über 1.360 US-Soldaten gefallen und mehr als 10.500 verwundet worden, waren Kriegskosten von 100 Milliarden Dollar (77 Milliarden Euro) aufgelaufen, und jede Woche kommt mehr als eine Milliarde Dollar hinzu. Wie schon im Wahlkampf, bat der Präsident um Geduld. «Unser Land ist Verpflichtungen eingegangen, die schwierig zu erfüllen sind, und die über Bord zu werfen unehrenhaft wäre», sagte er.

Dies, und eine Würdigung der Gefallenen, waren in Bushs Antrittsrede die konkretesten Anspielungen auf den Irak. Stattdessen verweilte er beim globalen Kampf gegen den Terrorismus und versprach, das Böse auszurotten, wo immer es lauert. Solche Aussagen kommen bei der Bevölkerung gut an. Mit seinem Versprechen rief Bush Erinnerungen an den 11. September 2001 wach, «einen Tag des Feuers», wie er sagte, der dann für den zum Kampf entschlossenen Präsidenten zur Sternstunde geriet.

Bei aller Kritik an Blutzoll und Kosten scheinen die Amerikaner doch bereit zu sein, Bush Zeit für eine Stabilisierung im Irak einzuräumen. Seinen Wahlsieg verdankt er seiner Fähigkeit, die meisten Wähler davon zu überzeugen, dass das Irak-Engagement Teil seiner Kampagne gegen den Terrorismus sei. Sie ratifizierten bei der Wahl im November nicht seine Irak-Politik, sondern akzeptierten - einstweilen - seine Weltsicht, wonach der Irak und der globale Kampf gegen den Terrorismus in einen Topf gehören.

Bei Erfolg im Irak wäre Bush «praktisch unverwundbar»

Ob das so bleibt, «ist eine grosse, unbeantwortete Frage», meint Tom Rath, prominentes Mitglied des Vorstands von Bushs Republikanischer Partei. «Der Irak kann den Präsidenten politisch austrocknen oder, wenn es gut geht, die Menschen für ihn mobilisieren.» Wenn der Anschein einer sich festigenden Demokratie im Irak entstünde, werde Bush «praktisch unverwundbar» sein, meint Rath. «Wenn nicht, können wir's vergessen.»

Spekulationen über den schlimmsten anzunehmenden Fall werden im Weissen Haus nur hinter vorgehaltener Hand angestellt. «Wenn wir den Irak nicht geradebiegen, und zwar schnell, dann ist alles andere, woran wir noch Hand anlegen wollen, für die Katz», sagte ein ranghoher Mitarbeiter, der seinen Namen nicht genannt wissen wollte.

Bush tritt seine zweite Amtszeit in einer politisch gefährlichen Situation an. Bei Umfragen kommt er auf eine Zustimmungsrate von etwa 50 Prozent, weniger als jeder andere wiedergewählte Präsident der letzten Jahrzehnte, ausgenommen Richard Nixon. Die meisten Amerikaner stimmen Bushs Kampf gegen den Terrorismus zu, sind aber skeptisch, wenn es um innenpolitische Themen wie soziale Sicherheit, Steuern, Staatsverschuldung, Einwanderung und Gesundheitspolitik geht.

Die grösste Sorge aber macht der Irak. Sechs von zehn Amerikanern meinen, die bevorstehende irakische Wahl werde dem Land keine Stabilität bringen. Aber ebenso viele sehen darin einen guten ersten Schritt.

Der Präsident ist bemüht, das Augenmerk der Nation auf eine ungewöhnlich ehrgeizige innenpolitische Agenda zu lenken. Er plant Sozial-, Steuer- und Justizreformen, er drückt die Ernennung konservativer Richter durch, er verstärkt seine Initiativen im Bereich Erziehung und Bildung.

«Sie haben mich nicht gewählt, damit ich mich mit Kleinigkeiten abgebe», sagte er diese Woche bei einer Zusammenkunft mit dem Parteivorstand. «Ich habe vier Jahre, und ich werde sie nutzen.» Wie effektiv er sie nutzen kann, hängt letztlich an einem einzigen Thema: Irak. (dapd)

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