Apartheid in der Berner Clubszene

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Apartheid in der Berner Clubszene

In der Berner Clubszene mehrt sich die Zahl der Clubs, welche nur noch Einlass mit einem Schweizer Pass oder Ausländerausweis C gewähren. Für den «richtigen Gästemix», sagen die Betreiber.

M.N. aus Bern wähnte sich vergangenen Samstag im falschen Film, als er vor dem Club Quasimodo stand und um Einlass bat. Gleichzeitig mit ihm wollte auch ein dunkelhäutiger Mann das Lokal betreten. «Nur mit Schweizer Pass oder Ausländer-Ausweis C», wiesen ihn die Bronco-Türsteher an. Den Schweizer Führerausweis des Mannes akzeptierten sie nicht. M.N. wurde ohne Vorzeigen eines Ausweises eingelassen, lediglich seine Taschen wurden durchsucht.

«Grenze ziehen»

Markus Wittwer, Geschäftsführer des Quasimodo bestätigte gegenüber 20minuten.ch die Einlass-Kriterien. «Nur mit Schweizer Pass oder Ausweis C. Wir müssen einfach irgendwo eine Grenze ziehen. Wir wollen keine Schlägereien und Verletzten mehr», sagt Wittwer.

Bereits im Sommer 2006 generierte die Berner Clubszene unschöne Medienpräsenz. Gleich über mehrere Lokale waren Beschwerden eingegangen, sie würden ihre Gäste nach rassistischen Kriterien aussuchen. Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) schaltete sich daraufhin ein und setzte sich im Sommer 2007 mit den Sicherheitsfirmen und den Clubbetreibern an einen Tisch. Ziel war die Ausarbeitung eines Richtlinienkatalogs, um künftig intransparente und diskriminierende Einlass-Regelungen zu verhindern.

Rassismuskommission machtlos

Allein: Es hat nichts genützt. Die derzeit in der Berner Festhalle stattfindende Party-Reihe «Barstreet Festival» siebt die Gäste nach dem gleichen Muster. Roter Pass oder Ausweis C, sonst ist nichts zu machen. Veranstalter Adrian von Niederhäusern verteidigt seine Einlass-Kriterien. «Es kommt nicht allein auf den Ausweis an. Wir haben auch Leute, die einen Schweizer Pass hatten, nicht reingelassen», sagt von Niederhäusern. Grund für die rigiden Einlasskontrollen an der Eventserie, die auch in Küsnacht und Luzern gastiert, waren Schlägereien mit Schwerverletzten. «Vor zwei Jahren haben wir am Eingang zuwenig hingeschaut und prompt einen Polizeieinsatz von 25 Mann ausgelöst. Wenn das noch mal vorkommt, dann müssen wir die Kosten für den Einsatz übernehmen. Das wollen wir nicht», sagt von Niederhäusern.

«Ich sag nichts mehr»

Giorgio Andreoli von der Aktion «Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus» weiss von vier weiteren Berner Bars, die wegen rassistischer Einlasskriterien zu Reklamationen Anlass gegeben haben. In vielen dieser Clubs und Bars ist der Sicherheitsdienst Bronco Security zuständig. Geschäftsführer Pesche Widmer gab sich auf Anfrage wortkarg: «Ach, darüber ist jetzt schon genug geschrieben worden. Ich sag nichts mehr.»

Im Bulletin Tangram der EKR vom Oktober 2006 legte Szene-Kenner Widmer in einem Essay offen, wie die Dinge in Berns Ausgeh-Szene stehen: «Es werden vielerorts nur Schweizer oder Ausländer mit B oder C-Ausweisen eingelassen». Dort sei das Fingerspitzengefühl der Türsteher entscheidend, um für den richtigen Gästemix zu sorgen.

«Keine Jugoslawen aus Sicherheitsgründen»

Tatsache ist: Wer seinen «Gästemix» nach Nationalitäten zusammenstellt, ist juristisch schwer zur Rechenschaft zu ziehen. Und wenn es gelingt, dann sind die Sanktionen mild. So hat etwa ein Wirt in Schwyz 1999 sein Restaurant mit einem Schild mit der Aufschrift «Aus Sicherheitsgründen haben Gäste aus Ex-Jugoslawien/Albanien kein Zutritt! (Neues Gastgewerbegesetz)» versehen. Die Busse dafür betrug 300 Franken.

Der Fall des Kosovo-Albaners Bafti Zeqiri, der im Sommer 2004 gegen einen Club im solothurnischen Egerkingen geklagt hatte, weil er als «Person aus den Balkanstaaten» abgewiesen wurde, ist mittlerweile eingestellt worden. Von den in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 16 eingereichten Klagen wegen diskriminierender Verweigerung von Waren oder Dienstleistungen sind zehn erfolglos geblieben.

«Das Hauptproblem ist, dass die Diskriminierung in den meisten Fällen schwer zu beweisen ist. Sobald ein Verantwortlicher sagt, man habe den oder die Betreffende wegen ungebührlichem Benehmen weggewiesen, wirds schwierig», sagt Georg Kreis, Präsident der EKR.

Schweiz Tourismus interessiert es nicht

Die Organisatoren der Euro 08 machen sich derweil noch keine Gedanken über die Passkontrollen in Berner Clubs. Die für die Gastfreundschaft während des Turniers zuständige Organisation Schweiz Tourismus fühlt sich nicht zuständig und verweist an den Wirteverband Gastrosuisse. Dort will man sich mit dem Szenario nicht auseinandersetzen. «Tatsache ist: Es besteht grundsätzlich keine Bewirtungspflicht», heisst es knapp. Wie er das beispielsweise den trinkfreudigen holländischen Fans erklären soll, weiss Quasimodo-Geschäftsführer Wittwer noch nicht: «Das sehen wir dann, wenn es soweit ist.»

Kennen Sie auch einen Club, der am Eingang nach Nationalität selektioniert? Schreiben Sie uns an: feedback@20minuten.ch

Maurice Thiriet, 20minuten.ch

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