Lörrach (D) - Apotheke begrüsst Kundschaft mit Corona-Mythen
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Lörrach (D)Apotheke begrüsst Kundschaft mit Corona-Mythen

Eine Lörracher Apotheke hängt an ihre Ladenfront eine lange Liste mit angeblichen Impfnebenwirkungen, die die Leute vom Impfen abhalten soll und stellt vor dem Laden Verschwörungstheorien auf. Einige Massnahmengegner feiern das Geschäft ab.

von
Seline Bietenhard
Steve Last
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Dieses Schild steht vor dem Eingang der Apotheke Hirsch in Lörrach (D) an der Schweizer Grenze.

Dieses Schild steht vor dem Eingang der Apotheke Hirsch in Lörrach (D) an der Schweizer Grenze.

20min/Seline Bietenhard
Der Apotheker Birger Bär macht im Schaufenster klar, was er von der Impfung hält.

Der Apotheker Birger Bär macht im Schaufenster klar, was er von der Impfung hält.

20min/Seline Bietenhard
Der Stadt Lörrach ist die Apotheke bekannt. Sie betont aber, dass es sich um die freie Meinungsäusserung des Besitzers handelt, wie es auf Anfrage von 20 Minuten heisst.

Der Stadt Lörrach ist die Apotheke bekannt. Sie betont aber, dass es sich um die freie Meinungsäusserung des Besitzers handelt, wie es auf Anfrage von 20 Minuten heisst.

20min/Seline Bietenhard

Darum gehts

  • Eine Apotheke in Lörrach (D) an der Schweizer Grenze prangert auf Plakaten gegen einen «Impfzwang» an.

  • Auf Google wird die Apotheke zum Teil sehr negativ bewertet.

  • Ein Post in einer Massnahmengegner-Telegram-Gruppe löste jedoch auch eine Flut an positiven Bewertungen aus, wo sich die Userinnen und User solidarisch mit der Apotheke zeigten.

Eigentlich stehen Apotheken mit an vorderster Front, wenn es um die Bekämpfung der Corona-Pandemie geht, die bisher gemäss BAG-Daten über 10’000 Menschenleben in der Schweiz gefordert hat. Laut dem Robert-Koch-Institut übersteigt die Anzahl der Todesopfer in Deutschland inzwischen 90’000.

Bei der Hirsch-Apotheke im deutschen Lörrach an der Schweizer Grenze stösst man aber auf ein unerwartetes Bild: Auf einem Schild vor dem Eingang und in den Schaufenstern prangen Texte, die von diskutabler Kritik an den Massnahmen bis zu Impf-Verschwörungsmythen alles abdecken.

«Viele Gründe, sich nicht impfen zu lassen»

In der Ladenfront hängt eine Liste, die zahlreiche Nebenwirkungen auflistet. Darüber steht der Titel: «Es gibt viele Gründe sich nicht impfen zu lassen». Darauf angesprochen sagt der verantwortliche Apotheker Birger Bär zu 20 Minuten: «Gehört es als Apotheke nicht auch zu unserer Informations- und Beratungspflicht, auf diese Wirkungen hinzuweisen?» Die Liste sei von der US-Medikamente- und Nahrungsmittelbehörde FDA verfasst worden. Er zitiere sie lediglich.

Beides ist nicht falsch, letzteres aber aus dem Zusammenhang gerissen. Die Liste stammt tatsächlich von der FDA und wurde im Oktober 2020 versehentlich während einer Präsentation gezeigt. Zu der Zeit wurde in den USA die Zulassung des Pfizer/Biontech-Impfstoffs geprüft. Die Liste enthält mögliche Nebenwirkungen, auf die man achten müsse, sollten sie auftreten. Wie die Nachrichtenagentur Associated Press (Englisch) später schrieb, konnte keine Verbindung zwischen diesen Krankheiten und dem Impfstoff festgestellt werden.

«Sachliche Diskussion»

«Gerade die breite öffentliche und sachliche Diskussion über Pro und Kontra, mit Quellenangaben, ist dringend geboten und daher überaus ethisch», sagt Bär zu 20 Minuten. Was dazu Schlagworte wie «Impfzwang (Erpressung)» oder «Masken- und Impf-Vergewaltigung unserer Kinder» beitragen, die vor der Apotheke zu lesen sind, bleibt offen.

Bär befürchtet, dass es zwischen Geimpften und Ungeimpften zu einer «Spaltung der Gesellschaft» kommt. «Es darf nicht sein, dass sich Menschen zu einer Handlung, also zu einer Impfung, genötigt sehen», sagte Bär. Auch nicht, um dann ins Fussballstadion zu kommen oder im Job Vorteile zu haben, so der Apotheker.

Auf Google ist die Gesellschaft bereits gespalten

Dass es zu Impfungen und Corona-Massnahmen unterschiedliche Meinungen gibt, zeigt sich bei den Google-Bewertungen der Apotheke. Einigen Userinnen und Usern aus Lörrach stösst die Einstellung des Apothekers sauer auf, was sie mit schlechten Bewertungen des Geschäfts zum Ausdruck bringen. «Geht gar nicht. Eine Apotheke, die gegen lebensrettende Massnahmen ist gruselig», schreibt ein User.

Doch in den vergangenen Tagen ist die Zahl der Bewertungen stark angestiegen. Inzwischen muss man lange suchen, bis man weniger als fünf von fünf Sternen findet. Grund ist, dass Massnahmen- und Impfgegner auf Telegram dazu aufgerufen haben, die Apotheke mit guten Bewertungen zu unterstützen. Um die Gesundheit geht es dabei kaum noch. Vielmehr ist ein regelrechter politischer Kampf auf der Seite ausgebrochen. «Eine Apotheke, die sich nicht den Pharmariesen unterwirft und auch andere Meinungen und Studien heranzieht, als unsere Politiker. Mehr davon bitte!», steht etwa unter einer Bestnote.

«Die Apotheken leisten in dieser Zeit Ausserordentliches»

Die Apotheken in der Schweiz halten sich laut dem Schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse an die geltenden Regeln und Empfehlungen. Laut Yves Zenger, Mediensprecher von Pharmasuisse, seien die Apotheken in der Schweiz Teil der Strategie des Bundes und würden diese vollumfänglich unterstützen. Von den über 1800 Apotheken in der Schweiz sei ihnen kein Fall wie dieser aus Lörrach bekannt.

«Pharmasuisse unterstützt die Massnahmen des Bundes zur Bewältigung der Coronakrise», so Zenger. Die Apotheken hätten grossen Aufwand betrieben und viel investiert, um impfen und testen zu können. «Sie leisten in dieser Zeit Ausserordentliches», sagt Zenger zu 20 Minuten.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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