Homöopathischer Impfersatz - Apotheke warb für Globuli-Schutz gegen Corona
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Homöopathischer ImpfersatzApotheke warb für Globuli-Schutz gegen Corona

Die Schloss-Apotheke in Koblenz bot ein «Pfizer/Biontech Covid-19-Vaccine in potenzierter Form bis D30 als Globuli oder zur Verdünnung» an. Dabei handelt es sich allerdings nur vermeintlich um einen Impfstoff.

von
Fee Anabelle Riebeling
Noah Knüsel
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Die Schloss-Apotheke im deutschen Koblenz hatte bis Freitag, 30. April 2021, ein ganz besonderes Mittel im Angebot. 

Die Schloss-Apotheke im deutschen Koblenz hatte bis Freitag, 30. April 2021, ein ganz besonderes Mittel im Angebot.

Screenshot Google Maps
In der Rubrik Homöopathie fand sich unter dem Punkt «Aktuell» der Hinweis, man habe ein «Pfizer/Biontech Covid-19-Vaccine in potenzierter Form bis D30 als Globuli oder Dilution (zur Ausleitung)» vorrätig. Der Hinweis warf Fragen auf. Doch als 20 Minuten die Apotheke kontaktierte, gab niemand konkret Auskunft. 

In der Rubrik Homöopathie fand sich unter dem Punkt «Aktuell» der Hinweis, man habe ein «Pfizer/Biontech Covid-19-Vaccine in potenzierter Form bis D30 als Globuli oder Dilution (zur Ausleitung)» vorrätig. Der Hinweis warf Fragen auf. Doch als 20 Minuten die Apotheke kontaktierte, gab niemand konkret Auskunft.

Screenshot Schloss-Apotheke Koblenz vom 30.04.21, 14.43 Uhr
Eine knappe Stunde später – um 15.39 Uhr – war der Hinweis auf das dubiose Angebot bereits gelöscht. 

Eine knappe Stunde später – um 15.39 Uhr – war der Hinweis auf das dubiose Angebot bereits gelöscht.

Screenshot Schloss-Apotheke Koblenz

Darum gehts

  • Das mittlerweile gelöschte Angebot einer deutschen Apotheke schlägt auf Twitter hohe Wellen.

  • Denn darin wird suggeriert, es gäbe einen homöopatischen Impfstoff von Pfizer/Biontech.

  • Doch das ist Quatsch.

  • Swissmedic empfiehlt, solche Angebote zu melden.

Angesichts von Impfstoff-Knappheit und Impf-Chaos mag das Angebot der Schloss-Apotheke im deutschen Koblenz wie eine Verheissung klingen. Denn auf der Internetseite des auch auf Homöopathie spezialisierten Geschäfts hiess es bis am Freitagnachmittag, 30. April 2021 noch, man habe ein «Pfizer/Biontech Covid-19-Vaccine in potenzierter Form bis D30 als Globuli oder Dilution (zur Ausleitung) vorrätig». Stellt das so beworbene Produkt etwa eine Alternative zu den offiziellen und den in der Schweiz verfügbaren Impfstoffen dar?

Eine Antwort darauf bekam 20 Minuten nicht – zumindest nicht von der Apotheke, die das mysteriöse Mittel vertrieb. Die Mitarbeiterin am Telefon war freundlich, aber einsilbig. Auf die Frage «Stimmt es, dass Sie einen homöopathischen Impfstoff im Angebot haben?» hiess es «Haben wir nicht mehr.» Auf «Ist er ausverkauft?» folgte ein «Machen wir nicht mehr.» Reinkommen würde er auch nicht mehr. Weshalb man das trotz anderer Angaben auf der Internetseite (siehe Bildstrecke) nicht mehr im Angebot habe? «Das kann ich Ihnen nicht sagen.»

Angeregte Twitter-Diskussion

Seriös tönt das nicht. Der Meinung ist auch der News-Scout, der 20 Minuten auf das Thema aufmerksam gemacht hat, und die Twitter-User und Userinnen, die ebenfalls über das mysteriöse Angebot der Apotheke gestolpert sind: «Ich hoffe inständig, das ist eine richtig gut gemachte Comedy-Seite», kommentiert Martin Meyer den entsprechenden Tweet.

Andere spekulieren, worum es sich bei dem Mittel handeln könnte: Während etwa User Marcus Jansen befürchtet, der Original-Impfstoff von Pfizer/Biontech könnte dafür zweckentfremdet worden sein, unkt Nutzer Bundesumweltmysterium for Future, es könnte sich um das in Flaschen gefüllte «Pipi Koblenzer Seniorenheimbewohner» handeln.

Angebot erweckt falschen Eindruck

Worum es sich bei dem Mittel tatsächlich handelt, kann per Ferndiagnose nicht beurteilt werden. Sicher ist aber: Um einen tatsächlichen Impfstoff wird es sich dabei nicht handeln. «Wie ein homöopathisches, extrem stark verdünntes Präparat eine genügende Immunantwort – das heisst: die Produktion spezifischer Antikörper zum Schutz vor Infektionskrankheiten – hervorrufen soll, ist nicht nachvollziehbar», so Lukas Jaggi, Sprecher des Schweizerischen Heilmittelinstituts Swissmedic.

Doch genau das wird durch die Formulierung des, inzwischen von der Internetseite der Schlosspark-Apotheke gelöschten, Angebots suggeriert: Mit der Benutzung des Ausdrucks «Vaccine» und mit Verweis auf den Impfstoffhersteller Pfizer und Biontech stelle man eine Alternative für eine Impfung zumindest in den Raum, schreibt Standard.at über ein ähnliches Angebot einer Wiener Apotheke (siehe Box).

Und das ist ein Problem, wie User Christoph Borner schreibt: «Unglaublich und gefährlich, was hier angepriesen wird. Ich habe nichts gegen Homöopathie. Aber man muss unterscheiden zwischen den Fällen, wo sie unterstützend wirkt, und Fällen, wo sie der Nährboden für Scharlanterie ist.» Nutzer Chris äussert eine konkrete Sorge: «Dann denken die, sie seien geimpft, und rennen herum und stecken Leute an.»

Nicht-Impfstoff als Impfstoff angepriesen

Zum Jahreswechsel warb die Metatron-Apotheke in Wien per Newsletter für eine «Covid Pfizer/BionTech Impfstoffnosode». Wie bei dem Angebot aus Deutschland entstand für den Laien der Eindruck, es handle sich dabei um einen homöopathischen Impfstoff. Allerdings, das zeigten Recherchen der österreichischen Zeitung «Der Standard», hatte es nichts mit einem Vakzin zu tun. Auf Nachfrage erklärte der für das Angebot verantwortliche Apotheker, die Impfstoffsonode sei nur dazu gedacht «etwaige Nebenwirkungen der Impfung auszuleiten.» Es gebe Anwendungsbeobachtungen von Ärzten, wonach solche Produkte die Verträglichkeit verbessern können. Einen tatsächlichen, wissenschaftlichen Nachweis für diese Behauptung gibt es laut dem «Standard» aber nicht.

Allgemein gilt die Wirkung von Homöopathie als nicht erwiesen. Im Jahr 2018 schaffte die Medizinische Universität in Wien sogar das Wahlfach Homöopathie ab, weil es sich dabei um «Scharlatanerie» handele.

Solche Angebote melden

Doch nicht nur für die Konsumenten und ihr Umfeld könnte die Anwendung eines solchen Präparats Folgen haben, sondern auch für die Anbietenden: «Wenn in der Schweiz eine ‹homöopathische Impfung gegen Covid-19› im Detailhandel angeboten würde, müssten die Kantone einschreiten», erklärt Jaggi. Schliesslich handle es sich dabei um das Angebot eines nicht zugelassenen Arzneimittels.

«Wer über derartige Angebote stolpert, kann unser Medicrime-Kontaktformular für Hinweise auf vermutete illegale Angebote verwenden», so Jaggi. Als nationale Kontaktstelle für Arzneimittelfälschungen in der Schweiz prüfe Swissmedic die Meldungen und «leitet gegebenenfalls korrigierende Massnahmen ein, eröffnet Verwaltungsstrafverfahren oder gibt die Meldungen an die zuständigen nationalen oder internationalen Stellen weiter.»

In der Schweiz gab es bisher keine Fälle, in denen homöopathische Produkte als Corona-Impfstoffe verkauft wurden. Beim Apothekerverband Pharmasuisse heisst es dazu: «Soweit uns bekannt ist, wird in Schweizer Apotheken nichts Ähnliches verkauft.»

Verkauf der Globuli untersagt

Der Apotheke ist es mittlerweile verboten worden, das Präparat zu verkaufen. Die zuständige Behörde in Rheinland-Pfalz prüft, ob gegen arzneimittelrechtliche Vorschriften verstossen wurde. Etwa ein Dutzend Male habe sie die Globuli verkauft, zitiert die Deutsche Presse-Agentur die Leiterin der Apotheke, Annette Eichele: zehn Gramm für rund 15 Euro. Keineswegs habe sie die Kügelchen jedoch als Impfstoff angeboten. Vielmehr habe ihr Produkt eine bereits erfolgte Corona-Impfung ergänzen sollen. Die Globuli sollten demnach die Impfung «besser und richtiger wirken» lassen – «möglichst ohne Nebenwirkungen zu entfalten.» Zur Herstellung der Globuli hatte die Apotheke laut Eichele «Minitropfen» des originalen Impfstoffs der Firmen Biontech/Pfizer «hochpotenziert» – also extrem verdünnt – als homöopathische Globuli aufbereitet.

Mittlerweile verweist die Apotheke auf ihrer Seite darauf, dass «das von uns angebotene Produkt ausdrücklich kein Ersatz für eine Impfung ist und auch zu keinem impfähnlichen Schutz führt.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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