«Es ist eine Riesenkatastrophe» - Apotheken stehen wegen Run auf Tests kurz vor dem Kollaps
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«Es ist eine Riesenkatastrophe»Apotheken stehen wegen Run auf Tests kurz vor dem Kollaps

Tausende wollen derzeit täglich einen Antigen-Schnelltest. Das Personal in den Apotheken ist am Anschlag, nun hat der Bund auch noch die Vergütung gekürzt. Die Apotheken schlagen Alarm.

von
Daniel Graf
Carla Pfister
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Weil viele Länder bei der Einreise Antigen-Schnelltests verlangen, ist der Ansturm auf Apotheken vor den Ferien riesig.

Weil viele Länder bei der Einreise Antigen-Schnelltests verlangen, ist der Ansturm auf Apotheken vor den Ferien riesig.

© 20 Min/Carole Alkabes
Nun hat ihnen der Bund die Vergütung von 54 auf 47 Franken gekürzt.

Nun hat ihnen der Bund die Vergütung von 54 auf 47 Franken gekürzt.

© 20 Min/Carole Alkabes
Im Aargau hat das dazu geführt, dass verschiedene Apotheken keine Antigen-Schnelltests mehr anbieten.

Im Aargau hat das dazu geführt, dass verschiedene Apotheken keine Antigen-Schnelltests mehr anbieten.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • Apotheken werden vor den Ferien und seit den Club-Öffnungen überrannt, weil sehr viele Menschen Antigen-Schnelltests wollen.

  • Überlastung, Stress und Personal am Anschlag sind die Folgen. Das ärgert die Apotheken ebenso wie die Kunden, der Frust ist gross. Nun hat der Bund auch noch die Vergütungen gekürzt.

  • Erste Apotheken haben bereits aufgehört mit Schnelltests. Der Apotherkerverband warnt: Weitere könnten folgen.

Ob für die Ferien oder den Clubbesuch: In Apotheken und Testzentren läuft der Betrieb auf Hochtouren. Vor Kurzem hat der Bund entschieden, die Vergütung für die Apotheken pro Test von 54 auf 47 Franken zu senken.

Im Aargau hat das dazu geführt, dass verschiedene Apotheken keine Antigen-Schnelltests mehr anbieten. «Die Überbelastung, der Personalmangel, der Stress, die Covid-Impfungen und nun auch noch die Senkung des Tarifs: Viele Apotheken müssen sich nun fokussieren, welche Dienstleistungen sie nebst dem Tagesgeschäft noch anbieten können», sagt Lukas Korner, Präsident des Aargauer Apothekerverbandes.

«Das kommt einer Ohrfeige gleich»

Wenig Freude daran hat man in Zürich: «Seit im Aargau viele Apotheken keine Tests mehr anbieten, kommen auch von dort Kunden zu uns, um sich testen zu lassen», sagt Natalia Blarer vom Zürcher Apothekerverband. In ihrer Apotheke in der Europaallee könne sie nur noch symptomatische Personen spontan testen lassen. «Für alle andern sind wir komplett ausgebucht.»

Dass der Bund ausgerechnet jetzt die Vergütung für die Tests senke, komme einer Ohrfeige gleich: «Der eigentliche Test, für den wir Geld verrechnen können, ist schnell gemacht. Doch von da bis zum gültigen QR-Code im Zertifikat gibt es sehr viel administrativen Aufwand, den wir nicht verrechnen können.» Mit den 47 Franken rechne es sich für die Apotheken nicht mehr, die Antigen-Schnelltests überhaupt durchzuführen. «Wir sind bloss noch dabei, weil wir unseren Beitrag zur Bewältigung dieser Krise leisten wollen.» Das BAG widerspricht: Die Vergütung sei nach wie vor kostendeckend (siehe unten).

BAG: «Preiswettbewerb soll gefördert werden»

Gemäss Jonas Montani vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist die Versorgung mit Schnelltests sichergestellt. Für die Festlegung des Tarifs werde der preisgünstigste Test inklusive Mehrwertsteuer und Vertriebskostenanteil berücksichtigt. «Das BAG ist der Ansicht, dass die Vergütung der Analysen auf Sars-CoV-2 nach wie vor kostendeckend ist», sagt Montani. Ein «Nadelöhr» in der Testung können laut Montani lokal und temporär nicht ausreichende Kapazitäten zur Probenentnahme sein. «Ansprechpartner für die Testzentren und Probenentnahmekapazitäten an den jeweiligen Orten sind die Kantone.»

«Wir haben gewarnt, niemand hat uns ernst genommen»

«Es ist eine Riesenkatastrophe», sagt auch Claudia Meier-Uffer, Geschäftsführerin der Rotpunkt-Apotheke in Gossau und Präsidentin des Apotheken-Verbands St. Gallen-Appenzell: «Die Apotheken werden von Testanfragen überrannt, viele sind komplett ausgebucht, das Personal leistet Überstunden. Seit Beginn dieser Krise wird von einem Kollaps des Gesundheitssystems gewarnt. Nun steht ein Kollaps der Apotheken kurz bevor.»

Der Verband habe schon vor Wochen gewarnt, dass diese Situation eintreten werde. «Niemand hat uns ernst genommen. Das ist ein Hilfeschrei: Es braucht mehr Kapazitäten in Testzentren, wenn alle, die in die Ferien oder in den Club wollen, ein Zertifikat erhalten sollen.»

«Leute sind enttäuscht und werden teils wütend»

Doch nicht nur für die Apotheken sei die Situation mühsam: «Auch die Leute, die sich testen lassen wollen, sind enttäuscht und werden teilweise wütend.» Und die Situation werde sich eher noch verschärfen, wenn die Behörden nichts unternähmen: «Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Apotheken wollen in die Sommerferien, der Personalmangel wird also nicht kleiner werden.»

Auch der Dachverband Pharmasuisse kann die Preissenkung nicht nachvollziehen. «Jede Senkung des Preises führt zu einer Verschlechterung der Aufwandsdeckung.» Der Druck auf die Apotheken sei enorm und die Menschen liessen nichts unversucht, um an ein Testresultat zu kommen. «Es ist nicht auszuschliessen, dass weitere Apotheken dem Beispiel aus dem Aargau folgen und künftig keine Tests mehr anbieten, da die meisten Apotheken schon seit mehr als einem Jahr Doppel- und Nachtschichten leisten», heisst es beim Verband.

Während die Apotheken unter der Last der vielen Tests zusammenzubrechen drohen, bleiben in vielen Impfzentren derzeit Termine frei. Zwei Verbandspräsidentinnen fordern deshalb, dass gezielt Impfkapazitäten zu Testkapazitäten umgenutzt werden: «Das wäre mit vertretbarem Aufwand machbar, um die Apotheken zumindest bis nach den Sommerferien zu entlasten», sagt Natalia Blarer. Letztlich biete die Impfung aber den längsten Schutz und auch ein langanhaltendes Covid-Zertifikat. «Das Ziel muss deshalb sein, noch mehr Menschen von der Impfung zu überzeugen.» Das sieht auch der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen so (siehe unten).

3 Fragen an Thomas Steffen, Kantonsarzt Basel Stadt

«Gerade für junge Menschen stehen Tests im Vordergrund»

Die Apotheken werden von Testanfragen überrannt und warnen vor dem Kollaps. Wurden sie von den Behörden im Stich gelassen?

Eine direkten Zusammenhang zwischen den vom Bund vorgegebenen Tarifen und der grossen Nachfrage nach Testungen sehe ich aktuell nicht. Im Moment ist aber tatsächlich bei allen Anbietern die Nachfrage nach Tests vor allem rund um das Wochenende sehr gross. Vergleichbar mit dem Gotthardstau an gewissen Ferientagen sind Engpässe an gewissen Tagen und damit verbunden längeren Wartezeiten zu Spitzenzeiten leider nicht auszuschliessen.

Die Impfbereitschaft lässt nach, die Nachfrage der Tests ist extrem hoch. Woran liegt das?

Die Impfbereitschaft vor allem auch in den Risikogruppen war in den letzten Monaten sehr hoch. Jetzt sind vermehrt auch Personen angesprochen, bei denen die Impfung nicht zwingend die höchste Priorität hat. Ich höre von vielen Leuten, dass sie sich schon noch impfen lassen werden, aber jetzt die Ferien oder Prüfungen anstehen. Entsprechend steht für viele, gerade junge Menschen, im Moment die Testung im Vordergrund. Aber ich bin zuversichtlich, dass hier sich auch in den nächsten Monaten noch viele Personen zur Impfung melden werden.

Ziel wäre eine hohe Durchimpfungsquote, offenbar lassen sich aber viele lieber testen. Geht das im Hinblick auf den Herbst in die falsche Richtung?

Die hohe Impfrate sollte dazu führen, dass wir am Schluss überhaupt kein Zertifikat im Inland mehr brauchen müssen. Wir müssen also noch mehr Menschen davon überzeugten, dass die Impfung der besten Weg ist um sich und andere zu schützen. Darüber hinaus ist jede Impfung ein Beitrag zur Normalität und die Zertifikate aufgrund einer Impfung sind lang gültig, was auch praktisch ist. Die Testung alleine hilft uns also nicht aus dieser Pandemie. Es braucht hier die Impfung.

Thomas Steffen ist Kantonsarzt von Basel Stadt. 

Thomas Steffen ist Kantonsarzt von Basel Stadt.

Screenshot/BAG

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