Medikamente: Apotheker schieben Ärzten den Schwarzen Peter zu
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MedikamenteApotheker schieben Ärzten den Schwarzen Peter zu

Die Schweizer Apotheker wollen mit den Ärzten besser zusammenarbeiten. Umgekehrt sei dies aber nicht der Fall: Die Medikamentverschreibung durch Ärzte wecke dort falsche Einkommensanreize.

Ihr Verband regt neue Kooperationsmodelle an, etwa zu Verschreibung oder Impfung. Blockiert sei dies aber, weil von Seiten der Ärzte durch die Selbstdispensation falsche Einkommensanreize gemacht würden.

Die finanziellen Interessen bei der Abgabe von Medikamenten durch Ärztinnen und Ärzte, der so genannten «Selbstdispensation» (SD), verunmöglichten eine sinnvolle Kooperation mit den Apotheken, sagte Pharmasuisse-Präsident Dominique Jordan am Mittwoch vor den Medien am Internationalen Pharmazeuten-Kongress in Basel.

Apotheker bekämpfen die nur in einigen Deutschschweizer Kantonen erlaubte Selbstdispensation schon lange. Weltweit seien die Rollen Diagnose und Verkauf inzwischen weitgehend getrennt, sagte Ton Hoek, Generalsekretär des internationalen Phramazeuten-Verbandes FIP. Dies sei selbst in Asien gegen alte Traditionen gelungen.

Zusammenarbeit und Arbeitsteilung

Jordan will nun das Kriegsbeil begraben: «Wir wollen nicht den Arzt ersetzen», sondern die Aufgaben im Gesundheitswesen seien neu auszudiskutieren. Die Gespräche liegen auf Eis, wie er einräumte. Ärzte sollten von Konsultationen leben können und Apotheker von Beratungsgebühren - die Verkaufsmargen seien ja stark gesunken.

Jordan stellt sich eine Delegation einfacher Dienstleistungen von Ärzten an Apotheken vor: Zum Beispiel sollten Apotheken nach der Erstbehandlung beim Arzt spätere Blutdruck-Checks übernehmen. Das sei billiger, koste aber Ärzten Einkommen. 2009 will der Apothekerverband auch eine Impf-Beratung aufziehen, und Apotheken sollten Impfdossiers führen.

Jordan persönlich schwebt eine Art nationales Unternehmen vor, bei dem Ärzte wie Apotheker angestellt wären und das alles Knowhow bündeln würde. Von Krankenkassen könnten Healthcare-Organisationen aber nicht ausgehen, da jene primär Einsparungen statt Qualität im Auge hätten. Einzubeziehen sei dafür auch die Spitex.

Reform-Blockade wegen SD

Ärzte seien direkt und indirekt zum Abkassieren mit Medikamenten verführt, warnte Jordan. Auch ihr lukrativer Medikamenten-Versand unterlaufe das grundsätzlich geltende nationale Versand-Verbot und das SD-Verbot in vielen Kantonen. Er forderte deshalb die Kantone auf, Versand-Ausnahmebewilligungen zu überdenken.

Selbstdispensation mache wegen Hersteller-Rabatten für Ärzte auch gemeinsame Qualitätszirkel mit Apothekern unattraktiv, die sich um medizinisch und ökonomisch optimale Verschreibungen bemühten. Solche hätten 5 Mio. Franken Medikamentenkosten eingespart und die Krankenkassen nur 800 000 Franken gekostet.

Doch diesen Vertrag hätten die Kassen per 2009 gekündigt. Die Apotheker hingegen wollen solche Qualitätszirkel vorschreiben, wie die Kooperation aller Leistungserbringer generell. In abgelegenen Regionen sei SD hingegen in Ordnung, weil sie einem Arzt dort eine Existenz ermögliche und so die Versorgung sichere, sagte Jordan.

Am fünftägigen FIP-Jahreskongress, der nach Kairo und Peking in Basel stattfindet, nehmen rund 3500 Fachleute aus 131 Ländern teil. Vertreten sind neben Apotheker-Landesverbänden auch Forscher sowie Experten etwa der WHO. Zu den Themen gehören neben Healthcare auch Medikamenten-Fälschungen, Internethandel und Online-Vernetzung. (sda)

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