1:12-Initiative: Apple zensiert «Abzocker»-App

Aktualisiert

1:12-InitiativeApple zensiert «Abzocker»-App

Wie viele Minuten muss Brady Dougan arbeiten, bis er auf meinen Monatslohn kommt? Das lässt sich mit einer neuen App berechnen. Apple legte sich zuerst quer.

von
Christoph Bernet
Mit einer neuen App der können Benutzer ihre Löhne mit denen von Topmanagern vergleichen.

Mit einer neuen App der können Benutzer ihre Löhne mit denen von Topmanagern vergleichen.

Smartphone-Besitzer können seit Kurzem bei iTunes und im Google PlayStore die «1 zu 12»-App der Gewerkschaft Unia herunterladen. Mit der «1 zu 12»-App kann der Benutzer auf einer «Abzockeruhr» ausrechnen, wie viele Minuten Manager von Schweizer Firmen wie Brady Dougan, Peter Brabeck oder Jose Jimenez brauchen, um seinen eigenen Lohn hereinzuholen. Wer beispielsweise 5'000 Franken pro Monat verdient, erfährt, dass der Credit Suisse-CEO dafür 6 Minuten und 51 Sekunden arbeiten muss.

Obwohl die Lohnsummen der Manager öffentlich einsehbar seien und sämtliche Zahlen, auf welche sich die App abstütze, korrekt seien, wollte Apple die Abzocker-App zunächst nicht in den App-Store aufnehmen, wie Lorenz Keller von der Unia erläutert. Auf Nachfrage habe man erfahren, dass sich Apple am Wort «Abzocker» im Titel störte.

Nachdem die Unia die App in «Top-Manager» umbenannt habe, sei Apple damit einverstanden gewesen. «Verdiente der Apple-CEO Tim Cook sein Geld in der Schweiz, wäre er wohl auch von der 1:12-Initiatve betroffen», sagt Keller mit einem Schmunzeln. Beim Google PlayStore habe man übrigens keine Probleme gehabt, dort stehe weiterhin «Abzocker» im Titel.

«Unverschämte Löhne ins Zentrum rücken»

«Mit der App rücken wir die unverschämten Löhne der Abzocker ins Zentrum», sagt Lorenz Keller. Die Abzockeruhr sei eine gute Möglichkeit, einen persönlichen Bezug zur Problematik der riesigen Lohnunterschiede aufzuzeigen. Über die zu erwartenden Downloadzahlen will er nicht spekulieren. Die Unia werde aber mit Hilfe ihrer 200'000 Mitglieder und allen zur Verfügung stehenden Kommunikationskanälen für die App und die dazugehörige Website werben.

Der Politikberater und Kampagnenexperte Mark Balsiger hingegen jedoch glaubt nicht an eine grosse Breitenwirkung: «Diese App wird kaum x-tausendfach heruntergeladen werden». Der Unia gehe es darum, dass die Geschichte von einigen Medien aufgegriffen werde. Er glaubt, dass die gewählten Manager als «Sündenböcke ausgedient haben» und die Lohnverhältnisse der Öffentlichkeit schon weitgehend bekannt seien.

«Wie ein Kieselstein in einen Teich werfen»

In der politischen Kommunikation hätten sich Apps noch nicht durchgesetzt. Zur Wirkung von Apps, aber auch von Wahlkampf mit Hilfe von Twitter und anderen sozialen Medien, gebe es noch wenig profunde Erkenntnisse, so Balsiger.

Deshalb sei es besonders wichtig, dass eine App auf einer innovativen Idee basiere, damit sie genügend Aufmerksamkeit generiere. Das sei bei der Abzocker-App nicht der Fall. «Es ist wie wenn man einen Kieselstein in einen Teich wirft: es entstehen zwar kleine Kreise, für richtige Wellen müsste man aber einen grossen Steinbrocken verwenden.»

«Wird für Diskussionen sorgen»

Diese Kritik will Lorenz Keller nicht gelten lassen: «Uns geht es nicht nur darum, Medienaufmerksamkeit zu erhalten.» Die Gratis-App sei Teil einer Gesamtkampagne und biete eine weitere Möglichkeit, mit den Menschen über die Abzocker-Löhne ins Gespräch zu kommen.

Es gebe bereits eine Papierversion der Abzockeruhr. Diese Drehscheibe hätten die Unia-Mitarbeiter bei ihren Ausseneinsätzen stets dabei, sagt Keller: «Es sorgt jeweils für viele Diskussionen in Baustellenbaracken, wenn Bauarbeiter ihren Lohn mit dem eines Abzockers vergleichen.»

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