Aktualisiert 30.06.2016 09:17

Burka-Verbot

Araber stornieren Ferien im Tessin

Anfang Juli tritt im Kanton Tessin das Burka-Verbot in Kraft. Das hat Auswirkungen auf den Tourismus: Hoteliers berichten von Stornierungen.

von
lüs
1 / 9
Im Tessin drohen 1000 Franken Busse, warnt die saudische Botschaft: Eine Familie mit verhüllter Frau beobachtet einen Umzug in Genf. (1. August 2015)

Im Tessin drohen 1000 Franken Busse, warnt die saudische Botschaft: Eine Familie mit verhüllter Frau beobachtet einen Umzug in Genf. (1. August 2015)

Keystone/Martial Trezzini
Das Burka-Verbot ist in Belgien bereits in Kraft und sorgt noch immer für Aufregung: Zwei muslimische Burka-Trägerinnen zeigen ihre Bussen vor dem Stadthaus in Brüssel.

Das Burka-Verbot ist in Belgien bereits in Kraft und sorgt noch immer für Aufregung: Zwei muslimische Burka-Trägerinnen zeigen ihre Bussen vor dem Stadthaus in Brüssel.

Keystone
Vom Verschleierungsverbot sind nur wenige Frauen betroffen: Verschleierte Frauen vor dem Kultur- und Kongresszentrum Luzern.

Vom Verschleierungsverbot sind nur wenige Frauen betroffen: Verschleierte Frauen vor dem Kultur- und Kongresszentrum Luzern.

Keystone/Salvatore Di Nolfi

Ab dem 1. Juli ist es im Kanton Tessin nicht mehr erlaubt, sich mit dem Nikab oder der Burka in der Öffentlichkeit zu bewegen. Wer dagegen verstösst, muss mit einer Busse von bis zu 1000 Franken rechnen. Im Wiederholungsfall sind sogar bis zu 10'000 Franken Busse möglich.

Keine Freude am Verbot hat die Tessiner Tourismusbranche. Ihre Befürchtung, dass es sich negativ auf die Nachfrage aus den Golfstaaten auswirkt, scheint sich zu bewahrheiten. «Wir haben erste Stornierungen von arabischen Gästen erhalten», sagt Lorenzo Pianezzi, Präsident des Tessiner Hoteliervereins, der Zeitung «Giornale del Popolo». Hotels werden aufgefordert, ihre Gäste bei der Buchung aktiv und transparent zu informieren.

Keine Ausnahme für Touristinnen

Bisher war der arabische Markt im Tessin ein Wachstumsmarkt. Das Gesetz aus Rücksichtnahme auf die Tourismusbranche nicht auf Touristinnen anzuwenden, kommt für den Tessiner Justizdirektor Norman Gobbi jedoch nicht in Frage. Um den Volkswillen zu respektieren, müsse es strikt angewandt werden. Zuständig für die Durchsetzung sind die Gemeindepolizeien. Diese wurden jedoch angewiesen, Augenmass und Verhältnismässigkeit zu wahren: Bevor sie eine Busse aussprechen, sollen sie die Betroffene auffordern, die Verschleierung abzulegen. Zu einer Busse soll es erst kommen, wenn die Person sich weigert.

Bereits auf das Verhüllungsverbot reagiert hat die saudische Botschaft in Bern. Sie hat ihre Bürger aufgefordert, «die Schweizer Vorschriften zu beachten und zu respektieren, um Probleme zu vermeiden».

«Verhüllte werden das Tessin meiden»

Tessiner Hoteliers halten diese Mitteilung laut dem «Tages-Anzeiger» für doppeldeutig: Sie könne auch als Aufforderung gelesen werden, den Kanton Tessin nicht mehr zu bereisen. Der Tessiner Verkehrsverein geht davon aus, «dass weibliche Gäste, die ihr Gesicht verhüllen, das Tessin künftig wohl meiden werden». Die Bedeutung des Verhüllungsverbots dürfe aber nicht überschätzt werden: Mit 45'000 Übernachtungen beträgt der Anteil der Gäste aus den Golfstaaten nur 2,1 Prozent des Gästevolumens – und nur ein Teil davon trägt Burka oder Nikab.

Die Volksinitiative, die das Burkaverbot verlangte, hat das Tessiner Stimmvolk bereits im Jahr 2013 angenommen. Auch auf nationaler Ebene soll ein solches Verbot kommen: Das SVP-nahe Egerkinger Komitee hat dazu eine Volksinitiative lanciert. Bis im September 2017 hat das Komitee Zeit, die dafür nötigen 100'000 Unterschriften zu sammeln.

Holt Nora Illi die erste Busse?

Die erste Tessiner Busse für den Verstoss gegen das Verhüllungsverbot könnte Nora Illi (Bild) vom Islamischen Zentralrat Schweiz kassieren: Sie will am Freitag – dem Tag, an dem das Verbot in Kraft tritt – in ihrer üblichen Verschleierung ins Tessin reisen, um gegen das neue Gesetz zu protestieren. An ihrer Seite wird laut dem «Tages-Anzeiger» der algerische Unternehmer Rachid Nekkaz sein. Er hat angekündigt, alle Bussen übernehmen zu wollen, «um das Gesetz zu neutralisieren». Zudem will er die «unverhältnismässig hohen Geldstrafen» beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anfechten.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.