Palästinien: Arabischer Frühling verändert Hamas
Aktualisiert

PalästinienArabischer Frühling verändert Hamas

Das Aufbegehren in der arabischen Welt erschüttert nicht nur die Macht autokratischer Staatschefs. Der «arabische Frühling» beschleunigt auch die Annäherung der bislang verfeindeten Palästinensergruppen.

Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas (r.) and Farah-Offizieller Muhammad 'Abu Maher' Ghuneim während des Treffens, bei denen die bislang verfeindeten Palästinensergruppen Hamas und Fatah über eine gemeinsame zukünftige Zusammenarbeit diskutierten.

Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas (r.) and Farah-Offizieller Muhammad 'Abu Maher' Ghuneim während des Treffens, bei denen die bislang verfeindeten Palästinensergruppen Hamas und Fatah über eine gemeinsame zukünftige Zusammenarbeit diskutierten.

Dass die Hamas auf die gemässigtere Fatah zugegangen ist und beide über eine Übergangsregierung für das Westjordanland und den Gazastreifen verhandeln, liegt auch am Erfolg der Revolten in Tunesien und Ägypten - und den Panzern, die Syrien gegen die Demokratiebewegung in Stellung bringt, so die Meinung von Nahost-Experten.

«Die Ereignisse sind einer der Hauptgründe, warum die Hamas moderater auftritt», sagt Samir Awad von der Birzeit-Universität im Westjordanland. Die Palästinenser-Organisation nimmt die veränderte Windrichtung in der Region wahr - und dreht sich entsprechend.

Während sich die radikalislamische Hamas zu Beginn der Revolten noch selbstbewusst zeigte, sind die Israel-Gegner mittlerweile deutlich schmallippiger geworden. «Die Aufstände waren keine islamische Revolution, auch wenn die Hamas das gern so interpretiert hätte», sagt Sylke Tempel, Chefredakteurin der Zeitschrift «Internationale Politik».

Den Menschen, die in Kairo, Tunis oder Sanaa demonstrierten, sei es nicht um Ideologien gegangen. Die Menschen dürsteten nach ökonomischer Teilhabe - etwa nach Arbeitsplätzen. «Die Leute haben genug von einer Gängelung, für die sie noch nicht einmal wirtschaftliche Aufstiegschancen erhalten», sagt Tempel.

Auch im Gazastreifen liegt die Wirtschaft am Boden und es herrscht Massenarbeitslosigkeit. «Die Aufstände haben Hamas in Unruhe versetzt», sagt Tempel. «Und sie hat allen Grund dazu.»

Assad als Partner nicht tragbar

Politische Analysten sehen noch einen weiteren Grund, warum sich die Hamas auf die Fatah zubewegt hat: das brutale Vorgehen, mit dem sich Syriens Präsident Baschar al-Assad gegen das Aufbegehren gegen seine Regentschaft wehrt. Der autokratische Staatschef hatte den Islamisten stets eine sichere Zuflucht geboten. Nun lässt er auf Demonstranten feuern.

Die Hamas hat es auffallend deutlich unterlassen, sich mit Verve hinter Assad zu stellen. «Wie will die Hamas dem eigenen Volk vermitteln, dass es gegen eine Besatzung ist, und Assad lässt täglich Menschen umnieten?», fragt Tempel. «Im Augenblick kann sich die Hamas wohl kaum zu Syrien bekennen, ohne sich lächerlich zu machen.»

Die abgekühlten Beziehungen haben Spekulationen ausgelöst, die Gruppe könnte ihr Büro in der syrischen Hauptstadt Damaskus - das wichtigste in der Region - schliessen. Die Hamas würde sich mit dem Schritt weiter aus dem Einflussbereich des schiitischen Iran entfernen und Beziehungen zu westlich orientierten Regierungen in Saudi-Arabien, Katar und Ägypten stärken.

Offener Ausgang

Es ist zu früh zu sagen, wohin die arabische Revolte die Hamas führen wird. Kein Beobachter erwartet, dass die Gruppe in absehbarer Zeit mit Israel am Verhandlungstisch sitzen wird.

Während Israel, dem die Hamas das Existenzrecht abspricht, auf den Schulterschluss der Palästinensergruppen äusserst skeptisch reagierte, nehmen sich die Europäische Union und die USA Zeit für eine abschliessende Bewertung - und hoffen, dass die Islamisten wirklich einen Transformationsprozess durchlaufen.

(sda)

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