Aktualisiert 11.11.2004 12:30

Arafat: Der ewige Zweite tritt aus dem Schatten

Bereits wenige Stunden nach dem Tod des palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat ist es klar: Sein ewiger Vize in der PLO, Mahmud Abbas, ist der neue Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation.

Eine Position, die ihm im komplizierten Prozess der Nachfolgeregelung eine wichtige Rolle sichert. Die internationale Gemeinschaft dürfte das begrüssen: Der 69-jährige Abbas gilt als Mann des Ausgleichs, der auf Verhandlungen statt auf Gewalt setzt.

Abbas war seit 1996 der Generalsekretär der PLO und stand in dieser Position immer im Schatten Arafats. Erst nachdem der todkranke Arafat nach Paris ausgeflogen wurde, leitete er erstmals eine Sitzung der Palästinenserorganisation - die erste Sitzung in der Geschichte des Gremiums ohne den unangefochtenen Chef Arafat.

Druck der USA

Ginge es nach dem Willen der USA, hätte Abbas schon längst eine Schlüsselrolle in der palästinensischen Führung inne. Auf massiven Druck Washingtons, das Arafat seit dem Amtsantritt von George W. Bush total ignorierte, wurde Abbas im April 2003 als erster Regierungschef der Palästinenserbehörde eingesetzt.

Ihm sollten weitgehende Machtbefugnisse des Präsidenten übertragen werden. Doch nach knapp vier Monaten intensiven Machtkampfs mit Arafat warf Abbas entnervt das Handtuch.

Viele Beobachter hatten «Abu Masen», wie ihn die Palästinenser nennen, nach der aufreibenden Konfrontation mit Arafat als politische Kraft bereits abgeschrieben. Er hielt sich aus der Öffentlichkeit fern und nahm nur selten politische Termine wahr.

Gleichzeitig hielt er jedoch an seinen Ämtern als PLO- Generalsekretär und Arafats Vize in der Fatah-Organisation fest. Seit seinem Rücktritt als Ministerpräsident liess er sich allerdings bei keiner Fatah-Sitzung mehr blicken. Der Funkstille zwischen Abbas und Arafat folgte dann eine vorsichtige Annäherung.

Bewegte Vergangenheit

Die beiden Rivalen blicken auf eine bewegte gemeinsame Vergangenheit zurück. Ende der 50er Jahre gründeten die Politiker zusammen die Fatah-Bewegung. Abbas drang jedoch im Unterschied zu seinem Mentor schon lange auf Verhandlungen mit Israel.

Schon 1974 knüpfte er erste Kontakte zu Vertretern der israelischen Linken. 1993 spielte er eine massgebliche Rolle beim Zustandekommen der Abkommen von Oslo über die palästinensische Autonomie. Bei der internationalen Friedenskonferenz in Madrid 1991 führte Abbas die palästinensische Delegation an.

In der Bevölkerung stösst Abbas' versöhnliche Haltung gegenüber Israel auf Argwohn. Bei einer Umfrage im Westjordanland und im Gazastreifen bekundeten vor seiner Amtseinsetzung im April 2003 nur 1,8 Prozent der Palästinenser Vertrauen in Abbas - weit hinter Arafat, der mit 21 Prozent die Liste anführte.

Nach seinem Amtsantritt änderte sich das kaum. Denn Abbas konnte im Bemühen um bessere Lebensbedingungen für die Palästinenser wenig konkrete Ergebnisse vorweisen.

Seine Kritiker nehmen ihm übel, dass er etwa beim Nahost-Gipfel mit US-Präsident Bush im Juni 2003 in Akaba zwar auf das «historische Leid der Juden» einging, das Schicksal palästinensischer Flüchtlinge aber nicht erwähnte.

(sda)

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