Aktualisiert 07.11.2013 15:36

Schweizer Bericht

Arafat wurde wohl beim Abendessen vergiftet

Auf 108 Seiten kommen Lausanner Forensiker zum vorsichtigen Schluss, dass Jassir Arafat vergiftet wurde. Ihr Bericht liest sich wie ein CSI-Roman.

von
gux

Als die Leiche von Palästinenserführer Jassir Arafat acht Jahre nach seinem Tod exhumiert wurde, durfte nur ein palästinensischer Mediziner die sterblichen Überreste berühren. Proben davon wurden zu je einem Drittel einem russischen, französischen und einem Schweizer Forensiker-Team übergeben.

Dabei waren sich die Wissenschaftler nicht sicher, ob sie nach acht Jahren noch Verwertbares finden würden. Denn Arafats Körper war stark zersetzt und Polonium, dem Gift, mit dem Arafat getötet worden sein soll, zerfällt sehr schnell. Die Organe, in denen Spuren von Polonium am einfachsten nachzuweisen wäre – die Nieren oder die Leber – waren längst verwest. Also setzten die drei Forscherteams auf rund 60 Knochenproben, Gewebereste sowie Stücke des Leichentuchs aus dem Grab des Palästinenserführers.

Leiche lag in vier Metern Tiefe

Vor gut einem Monat stellten die russischen Wissenschaftler ihre Ergebnisse vor. «Arafat kann nicht mit Polonium vergiftet worden sein», sagte Wladimir Ujba, der Chef der staatlichen biologisch-medizinischen Agentur damals. Jetzt stellten die Schweizer Forscher ihre Ergebnisse vor vor (hier gehts zum Bericht).

Die Schlussfolgerung der Schweizer: Die sterblichen Überreste Arafats wiesen eine «signifikante Menge» von Polonium-210 auf – dieses radioaktive Gift dürfte wohl dem Essen oder einem Getränk beigemischt worden sein. Indes: Nach wie vor lässt sich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass eine Vergiftung durch Polonium die Todesursache Arafats war.

«Die Analysen lassen keine kategorischen Schlüsse zu», heisst es im Bericht.

Dennoch: Die 108-seitige Studie der Lausanner liest sich wie ein CSI-Roman. Angefangen mit der genauen Lage der Leiche Arafats: Der Tote lag in vier Metern Tiefe bei einer Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent und einer Durchschnittstemperatur von 17 Grad. Der Tote lag auf dem Rücken, sein linkes Bein leicht angewinkelt über dem rechten. Die Knochen waren alle fast skelettiert und wiesen eine braun-schwarze Verfärbung auf. Vom Schädel konnten noch Haarreste genommen werden. Zu den untersuchten Proben gehörten auch ein Zahn Arafats, Reste von Rippen- sowie Beckenknochen sowie Gewebereste etwa aus der Bauchhöhle. Allein in den Proben von Arafats Rippenknochen massen die Forscher 20 mal höhere Poloniumwerte, als sie erwartet hatten.

Vier Stunden nach Essen erkrankt

Für eine Polonium-Vergiftung spreche der «schnelle Anfall», der auf Arafats Magenbeschwerden nach einem Abendessen im Oktober 2004 folgte. Zuvor sei der 75-Jähriger bei guter Gesundheit gewesen.

Vier Stunden nach dem Abendessen sei Arafat erkrankt. Sein Zustand verschlechterte sich in wenigen Wochen rapide. Beides passt gemäss den Lausannern zu Symptomen, die bei der Einnahme einer grossen Menge radioaktiven Materials auftreten.

Dass Arafat einen Monat nach dem Erkranken verstorben sei, passe ebenfalls ins Bild einer akuten Vergiftung.

Auf natürlichem Wege habe die Menge an nachgewiesenem Polonium nicht vorkommen können, meinte Wissenschaftler Patrice Magnin. «Man absorbiert nicht aus Versehen oder mit Absicht eine Dosis Polonium - das ist nicht etwas, das einfach so in der Umwelt auftaucht», sagte Mangin weiter.

Polonium aus einem Atomreaktor

Ein weiteres Indiz für die Vergiftungstheorie: In den untersuchten Knochen- und Gewebeproben fanden die Forscher Blei. Dieses ist dann in Polonium enthalten, wenn dieses in einem Atomreaktor hergestellt worden war. Im Lausanner Bericht heisst es: Der Nachweis und die Verteilung von Polonium- und Bleispuren «sind kompatibel mit einer akuten Einnahme» von Polonium. Diese Einnahme musste nach dem Abendessen vom 12. Oktober, vier Stunden, bevor Arafat erste Symptome zeigte, erfolgt sein. «Andere Ursache der aufgetretenen Symptome wurden keine gefunden.»

Erste toxikologische Tests im Pariser Spital waren zwar negativ ausgefallen. Dies könnte unter anderem mit dem Stoffwechsel Arafats zu tun haben. Die Lausanner weisen im Bericht darauf hin, dass die toxikologischen Tests 2004 nicht unbedingt jede Spur von Gift nachweisen konnten – 2004 war zwar bekannt, dass Polonium giftig war, Studien zu einer Vergiftung mit Polonium-210 aber habe es damals noch keine gegeben. Für ihre Untersuchung beschafften die Forscher in Lausanne deswegen selbst Polonium-210, um Vergleichswerte generieren zu können.

Kein Haarverlust

Der Bericht kommt auch auf Kontras einer Vergiftungsthese zu sprechen. Etwa, dass eine Vergiftung mit radioaktiven Stoffen oft zum Verlust der Haare und zu Knochenmarkschwund führt. Bei Arafat aber sei weder das eine noch das andere eingetreten. Allerdings, so die Forscher, spreche dies wiederum dafür, dass Arafat keiner äusseren, sondern einer inneren radioaktiven Strahlung ausgesetzt gewesen sei.

Erste Reaktionen auf den Bericht der Schweizer waren geharnischt: Aus Israel hiess es, die Befunde seien löchrig «wie Schweizer Käse».

Doch die Schweizer Forscher,das machten sie jetzt an einer Pressekonferenz klar, halten die These einer Vergiftung Arafats für vertretbar. (gux/sda)

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