Aktualisiert 01.10.2010 16:27

10 Jahre Intifada

Arafats Doppelspiel

Die Hamas kratzt am Erbe Jassir Arafats: Der frühere Palästinenserpräsident soll nach Ausbruch der Intifada zu Selbstmordanschlägen in Israel angeregt haben.

von
kri
Ein Wandbild Jassir Arafats in Gaza Stadt an seinem fünften Todestag, 10. November 2009.

Ein Wandbild Jassir Arafats in Gaza Stadt an seinem fünften Todestag, 10. November 2009.

Vor zehn Jahren erhoben sich die Palästinenser in der zweiten Intifada gegen Israel. Tausende starben auf beiden Seiten und der Friedensprozess kam abrupt zum Stillstand. Wie es soweit kommen konnte, obwohl ein Palästinenserstaat damals in greifbarer Nähe lag, ist bis heute ein Rätsel. In die zahlreichen Verschwörungstheorien und widersprüchlichen Darstellungen reihte sich diese Woche eine weiteres, verblüffendes Detail.

Gemäss der Nachrichtenagentur AP hat ein führendes Mitglied der Hamas angedeutet, dass Jassir Arafat damals ein doppeltes Spiel trieb. Während der damalige Palästinenserpräsident die Gewalt öffentlich verurteilte, ermutigte er militante Gruppierungen zu Selbstmordattentaten in Israel. Die Enthüllung könnte die Diskussionen um Arafats zwiespältiges Erbe neu beleben. Für viele Israelis gilt er als unverbesserlicher Terrorist, der die Welt zum Narren hielt. Andere rühmen ihn als Ikone des Widerstands und Wegbereiter einer unabhängigen palästinensischen Nation.

Endstation Oslo-Abkommen

Als Anführer der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO hatte Arafat 1993 ein historisches Friedensabkommen mit dem damaligen israelischen Premierminister Yitzhak Rabin geschlossen. Durch die sogenannten Oslo-Verträge erhielt die PLO die Kontrolle über weite Teile des Westjordanlands und Gaza. Nach diesem Übergangsabkommen bot 2000 der damalige israelische Premierminister Ehud Barak den Palästinensern einen unabhängigen, die Mehrheit der besetzten Gebiete umfassenden Staat an. Doch der vorgeschlagene Grenzverlauf, der Teilungsplan für Jerusalem sowie das fehlende Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge waren für Arafat inakzeptabel.

Als sich abzeichnete, dass die Verhandlungen daran scheitern werden, soll Arafat der Hamas empfohlen haben, in Israel Selbstmordattentate durchzuführen. Das behauptete Mahmud Zahar, ehemaliger Aussenminister der Hamas, vor einer Gruppe Studenten in Gaza-Stadt. Ein Studentenführer bestätigte entsprechende Berichte in meherern Zeitungen. Zahars Rede fand am Dienstag statt, dem zehnten Jahrestag der Intifada, die am 28. September 2000 ausgebrochen war.

Scharons Provokation auf dem Tempelberg

Vordergründig entzündete sich der Aufstand an einem Besuch des damaligen israelischen Premierministers Scharon auf dem Tempelberg, dem drittheiligsten Ort des Islams, wo die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom stehen. Auf die anschliessenden Proteste der Palästinenser soll Israel mit unverhältnismässiger Gewalt reagiert haben, was zur Eskalation der Lage führte. Scharons langjähriger Regierungssprecher Raanan Gissin widerspricht dieser Darstellung. Er glaubt, dass die Palästinenser den Besuch Scharons nur als Vorwand benutzten: «Der Geheimdienst wusste, dass Arafat die Gewalt wieder anheizen wollte, weil die Gespräche über den Status Jerusalems gescheitert waren. Wenn Scharon nicht auf den Tempelberg gegangen wäre, hätte Arafat einen anderen Grund gefunden.»

Arafats zwiespältige Rolle

Der langjährige Arafat-Vertraute und Unterhändler Nabil Shaath wies Zahars Aussagen zurück: «Arafat lehnte die Forderungen Israels und der USA ab, aber er befürwortete nur gewaltlosen Widerstand. Ich erinnere mich, dass er oft versuchte, militärische Konfrontationen zu verhindern.» Andere beschreiben seine Haltung zwiespältig. In seinen Memoiren schreibt der Arafat-Vertraute Marwan Kanafani, Arafat sicherte bei Ausbruch der Intifada allen militanten Gruppierungen seine Unterstützung zu, einschliesslich der Hamas.

Innerhalb weniger Tage gründete Arafats Fatah-Partei einen bewaffneten Arm, die Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden, die zahlreiche Anschläge auf Israelis im Westjordanland verübten. Manche ihrer Mitglieder sagten später, sie seien von Arafat unterstützt worden, hätten die Befehle aber nicht von ihm erhalten. Die 2001 einsetzende Serie von Selbstmordattentaten im Kernland Israels ging hingegen von der Hamas aus. Arafat distanzierte sich jeweils öffentlich, was in Israel aber zunehmend skeptisch aufgenommen wurde.

Gewalt war kontraproduktiv

«Arafat war letztlich ein Terrorist, aber er vermied es tunlichst, direkte Befehle zu erteilen, weil er wusste, dass wir an ihm dran waren», sagte Uzi Dayan, ein ehemaliger General und Nationaler Sicherheitsberater während der Intifada. Avi Issacharov, israelischer Journalist und Mitverfasser eines Buch über die Intifada zweifelt an dieser Darstellung: «Arafat war gegen Selbstmordattentate. Weder verlangte er sie, noch befahl oder empfahl er sie.»

Für einige steht nicht der zehnte Jahrestag der Intifada sondern ein anderes Motiv hinter Zahars Aussagen. Er wolle den Anschein erwecken, damals habe unter den heute verfeindeten Hamas und Fatah Konsens geherrscht, den bewaffneten Widerstand wiederaufzunehmen. Denn während über die Hintergründe der Intifada noch gestritten wird, herrscht über die Konsequenzen weitgehende Klarheit: Bis Ende 2006 starben über 4200 Palästinenser und über 1100 Israelis, die meisten von ihnen bei Selbstmordattentaten. Der Friedensprozess ist seither blockiert.

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