Arafats Götterdämmerung?
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Arafats Götterdämmerung?

Wie oft Jassir Arafat in den vergangenen Jahren bereits für politisch tot erklärt worden ist, lässt sich schon fast nicht mehr zählen. Nun rebellieren aber auch Verbündete gegen den langjährigen Chef.

Seit 30 Monaten hält Israel den Palästinenserpräsidenten in Ramallah de facto unter Hausarrest.

International ist Arafat seitdem fast in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, und in den vergangenen Monaten liess Israel sogar anklingen, es könne den Friedensnobelpreisträger notfalls mit Gewalt ins Exil befördern oder sogar töten.

Rebellion gegen Arafat

Doch je stärker Arafat von Israel brüskiert wurde, desto stärker hielt das palästinensische Volk bisher stets zu seinem Präsidenten und langjährigen Idol - bis zu diesem Wochenende, da die Palästinensergebiete in einen Strudel des Chaos gerieten.

Selbst Verbündete rebellieren nun offen gegen den Chef der Autonomiebehörde. Hinter vorgehaltener Hand heisst es, Arafat habe durch seine Isolation in Ramallah den Kontakt zur Realität verloren.

Götterdämmerung

Bislang hat Arafat es mit seinem ausgeprägten Machtinstinkt noch immer verstanden, Rückschläge in persönliche Triumphe umzumünzen. Doch die Geschehnisse der vergangenen Tage tragen die Züge einer Götterdämmerung.

Schon in der vergangenen Woche hatte der UNO-Sonderbeauftragte für Nahost, Terje Roed-Larsen, den Finger auf die Wunde gelegt und Arafat vorgeworfen, auf Grund «mangelnden politischen Willens» in den Palästinensergebieten «ein ständig wachsendes Chaos» mitverursacht zu haben.

Die Entourage des Palästinenserpräsidenten reagierte empört und erklärte, Roed-Larsen sei in den Palästinensergebieten künftig eine «unerwünschte Person». Damit habe sich Arafat jedoch «ins Knie geschossen», glaubt der palästinensische Buchautor und Arafat- Biograph Said Aburisch.

Seit über 40 Jahren dabei

Seit über 40 Jahren kämpft Arafat an vorderster Front für einen palästinensischen Staat.

1959 gründete der gelernte Bauingenieur die Fatah-Organisation, die sich den bewaffneten Kampf gegen Israel auf die Fahnen schrieb. Zehn Jahre später wurde er an die Spitze der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) gewählt.

Als «Präsident des Unabhängigen Staates Palästina» setzte er seit 1989 in der PLO einen gemässigten Kurs durch, an deren Ende 1993 das Osloer Friedensabkommen mit Israel stand. Sein Wechsel vom bewaffneten Kampf an den Verhandlungstisch brachte Arafat 1994 den Friedensnobelpreis ein und 1996 das Amt des palästinensischen Präsidenten.

Plötzlich regt sich nun aber Widerstand gegen Arafat. «Die Leute haben die Nase voll», sagte am Sonntag der palästinensische Vize- Minister für Zivilangelegenheiten, Abu Saida, der Arafats Fatah- Bewegung angehört.

In der Tat scheint Arafat sich mit seiner längst überfälligen, aber offenbar unbedachten Umgestaltung der palästinensischen Sicherheitsdienste verrechnet zu haben.

Zukunft ohne Arafat

Nach der Entführungswelle vom Freitag und als am Samstag auch noch der palästinensische Regierungschef Ahmed Korei den Rücktritt einreichte, musste Arafat reagieren. Er reduzierte die Zahl der Sicherheitsdienste von acht auf drei, besetzte die Chefposten mit engen Vertrauten - und provozierte damit weitere wütende Proteste.

Der schon seit langem geforderte Reformschritt kam offenbar zu spät. Der radikale Flügel seiner Fatah scheint die Zukunft der Bewegung ohne ihren alternden Führer zu planen. (sda)

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