Vom Kundenempfang ins Lager - Arbeitgeber wollen Impfmuffel versetzen können
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Vom Kundenempfang ins LagerArbeitgeber wollen Impfmuffel versetzen können

Der Impfdruck steigt. Impfverweigerer mit Kontakt zu Kunden müssen damit rechnen, dass sie an andere Arbeitsplätze versetzt werden. Der Gewerkschaftsbund findet so eine Massnahme nicht zulässig.

von
Barbara Scherer
Fabian Pöschl
Carla Pfister
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Bei der Arbeit steigt der Impfdruck.

Bei der Arbeit steigt der Impfdruck.

imago images/Frank Sorge
«Ich werde via interner Mails immer wieder auf die aktuellen Impfdaten und die Anmeldung hingewiesen», sagt eine Leserin.

«Ich werde via interner Mails immer wieder auf die aktuellen Impfdaten und die Anmeldung hingewiesen», sagt eine Leserin.

20min/Simon Glauser
Sie lehnt die Impfung aus Angst vor Langzeitnebenwirkungen ab.

Sie lehnt die Impfung aus Angst vor Langzeitnebenwirkungen ab.

Tamedia AG

Darum gehts

  • Arbeitgebende dürfen ihre Angestellten nicht zum Impfen zwingen.

  • Der Arbeitgeberverband schlägt deshalb vor, Impfverweigerer zu versetzen.

  • Sie sollen nicht mehr an den exponierten Stellen mit Kontakt zu anderen Menschen arbeiten.

  • Der Arbeitsrechtsexperte ist gegen den Vorschlag.

In Zukunft soll ein Covid-Zertifikat Geimpften Zugang zu Veranstaltungen, Bars oder auch Clubs gewähren. Auch auf der Arbeit könnte die Corona-Impfung bald von Vorteil sein. Das setzt Angestellte unter Druck und sorgt für Unverständnis.

«Ich werde via interner Mails immer wieder auf die aktuellen Impfdaten und die Anmeldung hingewiesen», sagt Pflegefachfrau S.*. Sie lehne die Impfung aber aus Angst vor Langzeitnebenwirkungen strikt ab. Am Arbeitsplatz fühle sie sich jetzt aber zum Impfen gedrängt.

Der Chef kann aber niemanden zum Impfen zwingen – das wäre illegal. Der Schweizerische Arbeitgeberverband SAV hat deshalb eine andere Idee: Wer sich nicht impfen lässt, jedoch einen Beruf ausübt, in dem das nötig wäre, soll versetzt werden können.

«Wie aber bereits das Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen in einem Urteil aus dem Jahr 2006 festgehalten hat, kann Arbeitnehmern, die sich nicht impfen lassen wollen, von denen aber tatsächlich ein erhöhtes Gefährdungspotenzial zum Beispiel gegenüber besonders gefährdeten Patienten ausgeht, eine andere Tätigkeit zugewiesen werden», sagt Sprecher Fredy Greuter zu 20 Minuten.

Das stösst dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB sauer auf: Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen, die sich nicht impfen lassen wollen, mit einer Versetzung zu drohen, sei falsch: «Es ist noch gar nicht klar, ob sich tatsächlich zu wenige Menschen im arbeitsfähigen Alter impfen lassen wollen», sagt Sprecher Urban Hodel. So eine Drohung trage zu einem indirekten Impfzwang bei.

Versetzung nur erlaubt, wenn Not am Mann ist

Doch wer an einer exponierten Stelle wie dem Kundenempfang arbeitet und sich nicht impfen lassen will, kann vom Vorgesetzten nicht einfach ins Lager versetzt werden. «Das ist nur erlaubt, wenn es im Stellenbeschrieb so vorgesehen ist. Legal wäre es auch, wenn Not am Mann ist, aber das ist hier nicht der Fall», sagt Nicolas Facincani, Anwalt mit Spezialgebiet Arbeitsrecht.

Angestellte könnten sich in einem solchen Fall wehren. «Im Extremfall kann ich die Arbeit im Lager verweigern und habe trotzdem Anrecht auf Lohn», so Facincani. Allerdings rät er nicht zur Eskalation: «Der Chef könnte einem sonst kündigen. Gegen diese missbräuchliche Kündigung kann man sich zwar wehren und eine Entschädigung verlangen, aber das Arbeitsverhältnis bleibt dann trotzdem beendet», so Facincani.

Die Entschädigung für die missbräuchliche Kündigung muss ein Gericht festsetzen. Sie beträgt aber höchstens sechs Monatslöhne, wie Thomas Geiser, Professor für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen, zu 20 Minuten sagt.

Firmen gegen Impfzwang

Wollen Schweizer Firmen ihre Angestellten ohne Impfung überhaupt versetzen? Auf keinen Fall, sagt Gastronom Michel Peclard zu 20 Minuten. Allgemein will er keinen Druck auf seine Mitarbeitenden ausüben. «Denn einige unserer Angestellten sind Studentinnen und Studenten, die noch nicht dran waren mit der Impfung.» Nachteile soll es für ungeimpfte Angestellte deshalb in seinen Restaurants keine geben.

Auch im Berner Inselspital ist die Impfung freiwillig. Es gebe auch keine Nachteile oder Versetzungen für diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, wie es auf Anfrage heisst.

Swissport verzichtet ebenfalls auf ein Impfobligatorium. Mitarbeitende könnten aufgrund der spezifischen Kompetenzbereiche zudem kaum intern versetzt werden. Allerdings werde eine aktive Aufforderung zum Impfen stattfinden. Gleich tönt es bei der Swiss.

Auch der Berufsverband des Cockpit-Personals Aeropers sieht im Moment keine Notwendigkeit für ein Impfobligatorium für das fliegende Personal, wie es auf Anfrage heisst. Eine Impfung gegen Covid-19 sei ein Eingriff in die körperliche Integrität eines Menschen und solle grundsätzlich freiwillig sein. Sollten allerdings sehr viele Länder nur eine Einreise mit Impfung erlauben, müsse wieder über das Thema diskutiert werden.

*Name der Redaktion bekannt.

Das wird in der Schweiz geimpft

Bisher sind in der Schweiz drei Impfstoffe zugelassen, verimpft werden allerdings nur zwei: Der Impfstoff der US-Firma Moderna und der Impfstoff von Pfizer und Biontech. In der Wirksamkeit unterscheiden sich die beiden Impfstoffe. Der von Pfizer und Biontech entwickelte Coronavirus-Impfstoff bietet einen rund 95-prozentigen Schutz vor Covid-19 – und zwar bei allen Altersstufen (sieben Tage nach der zweiten Dosis). Bei Moderna liegt der Schutz leicht darunter. Der Impfstoff schütze zu 90 Prozent vor einer Covid-19-Erkrankung und zu 95 Prozent vor einem schweren Verlauf, teilte das Unternehmen zuletzt mit.

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