Aktualisiert 21.12.2007 16:21

Arbon: Milde Strafen für Sex mit 13-Jähriger

Acht Männer und eine Frau haben sexuelle Handlungen mit einem 13-jährigen Mädchen vollzogen. Das Bezirksgericht Arbon spricht keine einzige Gefängnisstrafe aus. Wie ist das möglich?

In einem Fall von sexuellem Missbrauch eines minderjährigen Mädchens im Kanton Thurgau hat das Bezirksgericht Arbon elf Personen verurteilt. Darunter auch einen zur Tatzeit 17-jährigen Jugendlichen. Das Mädchen war bei den ersten Handlungen, die sich in den Jahren 2002 und 2003 abspielten, keine 13 Jahre alt. Die Gerichtsurteile: meist bedingte Geldstrafen.

«Schockierender Fall»

Die Urteile erscheinen wie ein Hohn gegenüber der heute knapp 18-jährigen Geschädigten. Und auch Urs Kaufmann, der leitende Anwalt und Vizepräsident des Bezirksgerichts Arbon, sagt gegenüber 20minuten.ch: «Der Fall hat mich schockiert. Was passiert ist, ist eine Tragödie für das Opfer».

Wie es trotzdem zu den «milden» Urteilen kommen konnte, ist vor allem auf zwei Punkte zurückzuführen: Die Rolle des Mädchens in dem Fall und das revidierte Strafgesetzbuch.

«Sicher keine physische Gewalt»

«Das Mädchen suchte die Kontakte gemäss übereinstimmenden Aussagen selber. Es spielte also einen aktiven Part in dem Fall», sagt Kaufmann. Die Frage allerdings drängt sich auf: Kann ein noch nicht ganz 13-jähriges Mädchen beurteilen, auf was es sich mit solchen Kontaktanzeigen einlässt? Zumal die Mutter gemäss Gerichtsurteil die Fürsorge- und Erziehungspflichten verletzte und das Mädchen zeitweise bei einer der Mutter nahestehenden Frau lebte, die in Arbon berufsmässig der Prostitution nachging.

«Es wurde sicher nie physische Gewalt angewendet», sagt Kaufmann. Das Mädchen habe den Handlungen freiwillig zugestimmt. Ob allerdings psychischer Druck auf die Minderjährige ausgeübt wurde, konnte das Gericht nicht klären: «Ein solcher war zumindest nicht nachweisbar», so Kaufmann. Strafmildernd war für einige der Täter zudem, dass zwischen dem Mädchen und den Männern eine freundschaftliche Beziehung entstand. So auch im Falle des 17-jährigen Jugendlichen. Nicht in allen Fällen sei es zudem zu Geschlechtsverkehr gekommen.

«Keine milden Urteile»

Der zweite Punkt, worauf sich die Urteile stützen, ist das revidierte Strafgesetzbuch, das seit dem 1. Januar 2007 in Kraft ist. Dieses ersetzt kurze Freiheitsstrafen von bis zu sechs Monaten durch Geldstrafen oder gemeinnützige Arbeit. Liegt der Freiheitsentzug gemäss altem Recht zwischen 180 und 360 Tagen, kann nach neuem Recht sowohl eine Gefängnisstrafe als auch eine Geldstrafe ausgesprochen werden. Im Fall der verurteilten Prostituierten forderte die Staatsanwaltschaft einen Freiheitsentzug. Das Gericht sprach eine Geldstrafe aus.

Auch wenn Geldstrafen als milder empfunden werden, sagt Richter Kaufmann: «Wir denken nicht, dass wir milde Urteile ausgesprochen haben».

Kein Geld geflossen

Der zuständige Staatsanwalt Riquet Heller sieht es ähnlich. Er betont, dass weder das Mädchen noch Dritte für sexuelle Handlungen Geld erhalten haben. Heller mag auch nicht von einem Fall von «Schwerstkriminalität» sprechen. Die vom Gericht gesprochenen Urteile entsprechen gemäss dem zuständigen Staatsanwalt «mehrheitlich meinen Anträgen».

Die bedingt ausgesprochenen Geldstrafen liegen zwischen 1800 bis 40 800 Franken, je nach wirtschaftlicher Lage der Täter, plus Bussen von 400 bis 2000 Franken. Ein Angeklagter wurde zu einer unbedingten Geldstrafe von 26 400 Franken verurteilt, da er bereits vorbestraft ist. Die acht verurteilten Männer müssen dem Opfer Genugtuungen zwischen 1000 und 3750 Franken bezahlen.

Mutter härter bestraft

Die Mutter des Opfers wurde wegen mehrfacher vorsätzlicher Verletzung von Fürsorge- und Erziehungspflichten zu einer bedingten Geldstrafe von 12 000 Franken (200 Tagessätze), einer Busse von 500 Franken sowie zu einer Genugtuung von 5000 Franken verurteilt. Das Gericht lag damit über dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Prostituierte milder bestraft

Milder als von der Staatsanwaltschaft gefordert, beurteilten die Richter die Rolle der Prostituierten. Sie wurde der mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind, der mehrfachen vorsätzlichen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflichten, der mehrfachen Pornographie sowie der mehrfachen Widerhandlung gegen das Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen für schuldig befunden. Dafür verurteilte sie das Gericht zu einer bedingten Geldstrafe von 12 000 Franken (300 Tagessätze), einer Busse von 500 Franken sowie zu einer Genugtuung von 2500 Franken.

Heller erstaunt in diesem Fall vor allem eines: «Dass nebst einer Vielzahl von Männern auch zwei Frauen verurteilt wurden, davon eine wegen sexuellen Handlungen mit einem Kind, ist die Besonderheit des vorliegenden Falles.»

«Keine bleibenden Schäden»

Das heute 18-jährige Opfer wurde nach dem Auffliegen des Falls fremdplatziert. «Auf Grund von vorliegenden Berichten hat sie keine bleibenden Schäden davongetragen. Ich hoffe, das wird so bleiben», sagt Kaufmann.

Marius Egger, 20minuten.ch

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