Nicht eine weniger: Argentinierinnen fordern ein Ende der Frauenmorde
Aktualisiert

Nicht eine wenigerArgentinierinnen fordern ein Ende der Frauenmorde

Nach der brutalen Vergewaltigung und Tötung einer 16-Jährigen protestierten Tausende Frauen in Argentinien gegen Gewalt an Frauen. Die Situation ist kritisch.

von
K. Leuthold
Buenos Aires

Nicht eine weniger! — Schwarz gekleidete Frauen protestierten am Mittwoch in Argentinien gegen Gewalt an Frauen. (Video: 20 Minuten/kle)

Zehntausende Frauen sind am Mittwoch in mehreren Städten Argentiniens auf die Strasse gegangen, um gegen die weitverbreitete Gewalt an Frauen im Land zu demonstrieren. In der Hauptstadt Buenos Aires marschierten mehrere Tausend schwarz gekleidete Frauen bei strömendem Regen zum Regierungspalast unter dem Motto «Ni una menos» (Nicht eine weniger).

Die Demonstrantinnen blockierten mit ihrer Kundgebung mehrere Strassen. Aus den umliegenden Büros klatschten viele Menschen Beifall. «Wenn ihr eine von uns anfasst, werden wir alle reagieren» und «Machismo tötet», stand auf Schildern geschrieben, die die Frauen durch die Strassen trugen.

Die unfassbare Vergewaltigung von Lucía Pérez

Anlass des Massenprotestes war die brutale Vergewaltigung und Tötung der 16 Jahre alten Lucía Pérez in Mar del Plata, 400 Kilometer südlich von Buenos Aires. Die Schülerin wurde vor rund zehn Tagen von drei Drogendealern mit Marihuana und Kokain vollgepumpt, um sie gefügig zu machen. Dann missbrauchten sie sie mehrmals und folterten sie schwer. Das Opfer wurde unter anderem mit einem Holzpflock gepfählt. Als Resultat der grausamen Verletzungen, die sie erlitt, starb Lucía kurz danach an einem Herzinfarkt.

Die Täter versuchten zunächst, den Mord zu verschleiern: Sie wuschen die Leiche und zogen ihr saubere Kleider an. Dann brachten sie den leblosen Körper bis zum Eingang einer Drogenklinik, um das Delikt nach einer Überdosis aussehen zu lassen. Die Polizei hat mittlerweile zwei Verdächtige verhaftet.

«Der Staat schaut weg»

Aus Protest gegen Frauenmorde legten Tausende Argentinierinnen ausserdem für eine Stunde ihre Arbeit nieder. Mehrere Nachrichtensendungen im Fernsehen wurden zur Streikstunde nur von Männern geführt, weil die Journalistinnen an dem Protest teilnahmen.

Organisatorinnen des Protestmarschs erklärten, es gehe darum, den Mord an Lucía Pérez , aber auch eine Kultur, in der Frauen als weniger wertvoll angesehen würden als Männer, zu verurteilen. «Ausserdem schaut der Staat in dieser Sache in die andere Richtung, statt für eine solide Frauenpolitik zu sorgen, die diese Problematik lösen kann», lautet der Vorwurf von Protestteilnehmerin Tatiana (16).

Alle 36 Stunden stirbt eine Frau durch häusliche Gewalt

In Argentinien stirbt amtlichen Statistiken zufolge alle 36 Stunden eine Frau durch häusliche Gewalt. Im laufenden Monat Oktober wurden im südamerikanischen Land schon 19 Frauen von Männern ermordet. 2015 wurden 286 sogenannte Femizide verzeichnet und 3746 Vergewaltigungen angezeigt. In mehr als der Hälfte der Fälle ist der Täter der Mann oder Freund oder ein Ex-Partner.

Besonders paradox: Ausgerechnet am Tag des Protests schickte die Regierung von Präsident Mauricio Macri einen Vorschlag ans Parlament, wie die Generalstaatsanwaltschaft reformiert werden könnte. Dabei soll unter anderem eine auf Gewalt gegen Frauen spezialisierte Behörde abgeschafft werden.

Ganz Lateinamerika und Spanien solidarisieren sich

Auch in Chile, Uruguay, Costa Rica und Mexiko sowie in Barcelona und Madrid gingen Menschen zum Zeichen der Solidarität auf die Strassen. Sie folgten damit einem Aufruf der Protestbewegung «NiUnaMenos» (Nicht eine weniger), die in der Vergangenheit schon Kundgebungen mit hunderttausenden Menschen organisiert hatte.

Eine ihrer Vertreterinnen, Sabrina Cartabia, äusserte sich allerdings skeptisch über den Erfolg der Proteste. Sie warf den Behörden vor, trotz einer Verschärfung des Strafrechts zu wenig zu tun, um derartige Verbrechen zu stoppen. Auch die Gesellschaft habe den «Weckruf» noch nicht gehört, klagte sie.

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