Aristide verlässt Haiti
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Aristide verlässt Haiti

Nach dreiwöchigen Unruhen hat sich der haitianische Präsident Jean-Bertrand Aristide dem Druck der Rebellen und der internationalen Gemeinschaft gebeugt und sein Land verlassen.

Wie der Kabinettsminister und enge Berater Aristides Leslie Voltaire der Nachrichtenagentur AP sagte, will er in Marokko, Taiwan oder Panama um Asyl bitten. Die US-Regierung begrüsste die Ausreise Aristides, der 1990 der erste demokratisch gewählte Präsident in dem seit 200 Jahren unabhängigen Land war.

Nach der Nachricht von der Flucht Aristides versammelten sich in der Hauptstadt Port-au-Prince hunderte bewaffnete und empörte Aristide-Anhänger vor dem Präsidentenpalast. In Cap-Haitien, einem Zentrum des Widerstands im Norden des Landes, hingegen feierte die Menschen tanzend und singend den Erfolg der Rebellion.

Seit Beginn des Aufstandes am 6. Februar haben die Rebellen von Norden aus mehr als die Hälfte des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Den Aufständischen gehören Mitglieder unterschiedlicher Oppositionsgruppen und ehemalige Soldaten der 1995 aufgelösten Armee an. Bei den Unruhen wurden mehr als 100 Menschen getötet. Zuletzt standen die Rebellen kurz vor Port-au-Prince, wo Banden von Aristide-Anhängern plündernd umher zogen. Bei blutigen Übergriffen auf Oppositionelle wurden in Port-au-Prince seit Freitag nach Angaben aus Krankenhäusern 25 bis 30 Menschen getötet.

Nach der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich hatten sich auch die USA von Aristide distanziert und ihm den Rücktritt nahe gelegt. Die Entscheidung sei im besten Interesse des haitianischen Volkes, sagte ein ranghoher Regierungsvertreter in Washington. Aristide habe Haiti gegen 06.45 Uhr Ortszeit (12.45 Uhr MEZ) in Begleitung von Leibwächtern verlassen. Auch das französische Aussenministerium bestätigte die Ausreise Aristides.

Die USA, die Aristide 1994 mit einem Militäreinsatz wieder an die Macht gebracht hatten, legten ihm zuletzt am Samstag den Rücktritt nahe. Die Handlungen des Präsidenten verstärkten die Zweifel an seiner Eignung für das Amt, erklärte der Pressesprecher des Weissen Hauses, Scott McClellan. Aristide trage eine Mitverantwortung für die Krise und die Polarisierung der Gesellschaft, da er sich nicht an demokratische Prinzipien gehalten habe.

Etwa 2200 US-Marineinfanteristen wurden für eine mögliche Evakuierungsaktion in Bereitschaft versetzt. In Haiti halten sich schätzungsweise 20'000 Ausländer auf, die das Land nach der weitgehenden Einstellung des Flugverkehrs nicht mehr verlassen können. Zu panikartigen Szenen kam es vor dem Start eines Kleinflugzeugs mit neun Plätzen in die benachbarte Dominikanische Republik, als 200 Menschen sich um die Möglichkeit zum Mitflug drängelten. (dapd)

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