Auswirkungen des Lockdowns - Arm wegen Corona – «Ich fühle mich sozial ausgegrenzt»
Publiziert

Auswirkungen des LockdownsArm wegen Corona – «Ich fühle mich sozial ausgegrenzt»

Übernachten in der Notschlafstelle, wachsende Schuldenberge und kaum Aussicht auf einen Job: Die 20-Minuten-Community erzählt, welche finanziellen Folgen die Pandemie für sie hatte.

von
Nathan Keusch
1 / 3
Corona hat Arme hart getroffen: Personen mit geringem Einkommen mussten im ersten Lockdown häufiger Sozialhilfe beantragen, wie eine neue Studie zeigt.

Corona hat Arme hart getroffen: Personen mit geringem Einkommen mussten im ersten Lockdown häufiger Sozialhilfe beantragen, wie eine neue Studie zeigt.

20min/Michael Scherrer
Gerade Menschen mit knappen finanziellen Mitteln mussten während der Pandemie ihren Lebensstil drastisch einschränken…

Gerade Menschen mit knappen finanziellen Mitteln mussten während der Pandemie ihren Lebensstil drastisch einschränken…

Verein Siidefade
… oder wurden sogar von Sozialleistungen abhängig. 20-Minuten-Leser sprechen über ihre Erfahrungen.

… oder wurden sogar von Sozialleistungen abhängig. 20-Minuten-Leser sprechen über ihre Erfahrungen.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Laut einer Studie hat sich die finanzielle Lage während des Lockdowns bei 18,6 Prozent der Bevölkerung verschlechtert.

  • Vor allem Menschen, die schon vor Corona wenig verdient hatten, traf dies besonders hart.

  • Vier Betroffene erzählen aus ihrem Leben.

Die Schweiz öffnet im grossen Stil. Tausende Fussballfans fiebern beim Public-Viewing mit der Schweizer Nati mit, Partygänger bevölkern wieder die Dancefloors der Schweizer Clubs. Während bei vielen Leuten das Leben wieder in die Normalität zurück gleitet, leiden andere noch immer unter den Folgen der Pandemie.

1Jeder fünfte – also 18,6 Prozent der Bevölkerung – verzeichnete während der Corona-Zeit eine Verschlechterung seiner finanziellen Lage. Dies zeigt eine Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV). Gerade Menschen mit knappen finanziellen Mitteln mussten während der Pandemie ihren Lebensstil drastisch einschränken oder wurden sogar von Sozialleistungen abhängig. 20 Minuten hat mit Betroffenen gesprochen.

T.M.* (28) aus dem Aargau

«Mein Schuldenberg fühlt sich so hoch an wie der Mount Everest.»

«Als der erste Lockdown kam, war ich in der Gastronomie im Stundenlohn angestellt. Kurz darauf verlor ich meine Stelle. Um das Beste aus der Situation zu machen, habe ich die Handelsschule angefangen und zeitgleich im Oktober 2020 ein entsprechendes Praktikum in einer Marketingabteilung begonnen. Seither lebe ich von den 900 Franken Praktikumslohn im Monat. Die Arbeitslosenversicherung will nichts dazuzahlen. Am härtesten war es, als mir die Behörden rieten, mein Praktikum abzubrechen, damit ich wieder Anspruch auf Zahlungen hätte.

Über die letzten Monate hat sich bei mir ein Schuldenberg angesammelt - dieser fühlt sich so hoch an wie der Mount Everest. Ich schulde dem Steueramt, den Versicherungen, der Krankenkasse und meinen Eltern rund 30’000 Franken. Immerhin habe ich nach dem Praktikum die Zusage auf eine Festanstellung. Ich sehe also Licht am Ende des Tunnels.»

R. B.* (47) aus Volketswil

«Ich musste auf das Sparkonto meiner Tochter zugreifen»

«Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Teenagern und arbeite als Sachbearbeiterin im Verkaufsinnendienst. Seit meiner Scheidung vor drei Jahren ist das Geld sehr knapp und ich muss jeweils nach Deutschland, um einzukaufen. Nur so kann ich die Familie für rund 600 Euro im Monat gut durchbringen. Die Grenzschliessung war für uns deshalb fatal. Die monatlichen Ausgaben für Essen, Kleider und sonstige alltägliche Sachen stiegen auf 2000 Franken an. Ich lebe überhaupt nicht im Luxus und muss dieses Jahr auch auf Ferien verzichten, weil das Geld einfach zu knapp ist. Während des Lockdowns wusste ich zum Teil nicht, wie ich den nächsten Monat überstehen würde. Ohne Kreditkarten und der Hilfe meiner Geschwister wäre ich zum Sozialfall geworden.

Ich arbeite gerne und hart, denn ich will meinen Kindern etwas bieten können. Das ist aber momentan nicht mehr möglich. Mein absoluter Tiefpunkt war, als ich auf das Sparkonto meiner Tochter zugreifen musste, um Rechnungen und Einkäufe zu bezahlen. Das war sehr beschämend. Wenn ich sehe, dass andere nicht wissen, wie sie all ihr Geld ausgeben wollen und ich von der Hand in den Mund lebe, fühle ich mich sozial ausgegrenzt.»

Die Grenzschliessung war für Rita Di Bella fatal. Ohne den günstigen Einkauf in Deutschland war es schwer, ihre Familie durchzubringen.

Die Grenzschliessung war für Rita Di Bella fatal. Ohne den günstigen Einkauf in Deutschland war es schwer, ihre Familie durchzubringen.

zVg

S.M.* (21) aus Zürich

«Nach den Fixkosten bleiben mir monatlich 100 Franken fürs Leben.»

S.M. hat für seine Einkäufe nur 100 Franken im Monat zur Verfügung.

S.M. hat für seine Einkäufe nur 100 Franken im Monat zur Verfügung.

zVg

«Ich bin gelernter Logistiker und habe im Februar 2020 eine neue Stelle angefangen. Als es dann in den ersten Lockdown ging und sich eine Rezession ankündigte, wurde mir gekündigt um Kosten zu sparen. Seither bin ich auf Stellensuche, leider erfolglos. Bis im Januar bekam ich noch Taggelder vom RAV, jetzt bin ich ausgesteuert. Wenn ich alle Rechnungen bezahlt habe, bleiben mir pro Monat noch circa 100 Franken für Einkäufe und anderes. Sich etwas zu gönnen liegt also nicht drin. Mittlerweile habe ich Schulden im vierstelligen Bereich und ich wurde von meiner Krankenkasse betrieben.

Der Jobverlust und der Lockdown haben mir stark auf die Psyche gedrückt und ich bin jetzt in Therapie. Momentan versuche ich über Eingliederungsmassnahmen der IV wieder an einen Job zu kommen.»

Harald Schwab (49) aus Matzingen

«Ich musste in einer Notschlafstelle übernachten.»

In dieser kleinen Abstellkammer musste Herr Schwab mehrere Tage übernachten.

In dieser kleinen Abstellkammer musste Herr Schwab mehrere Tage übernachten.

zVg

«Ich habe mich in den letzten zehn Jahren mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen. Früher hatte ich eine eigene Unternehmensberatungsfirma, die aber nie Gewinn machte. Vor der ersten Corona-Welle war ich im Telefonverkauf tätig. Im Lockdown wurde der gesamten Belegschaft der Fixlohn gestrichen, nur mit den Provisionen konnte ich mich nicht über Wasser halten. Also habe ich gekündigt und eine Umschulung zur Küchenhilfe absolviert. Die wurde vom RAV bezahlt. Einen Job habe ich allerdings nirgends gefunden. Mein Haus wurde gepfändet und mein Anspruch auf Taggelder beim RAV ist erloschen.

Im letzten April kam es zur Trennung zwischen mir und meiner Frau. Ich musste das Haus verlassen und war obdachlos. So kam ich zwischenzeitlich in einer Notschlafstelle unter. Es war eng, dreckig und heruntergekommen. Kosten für die Einrichtung und Miete meiner neuen Wohnung hat meine Mutter aus ihrer Rente bezahlt. Aber auch bei ihr ist das Geld knapp. Wenigstens wurde mir vom Sozialamt zugesichert, dass sie ab Juli für Krankenkasse und Miete aufkommen werden. Für alles weitere bekomme ich lediglich ein Sackgeld von acht Franken am Tag.»

*Namen der Redaktion bekannt

Lebst du oder lebt jemand, den du kennst, in Armut?

Hier findest du Hilfe:

Tischlein deck dich, Lebensmittelhilfe

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

43 Kommentare