Nahrungsmittelknappheit – «Arme Menschen hungern, nur damit unsere Cervelat nicht teurer wird»

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Nahrungsmittelknappheit«Arme Menschen hungern, nur damit unsere Cervelat nicht teurer wird»

Als Reaktion auf die gestiegenen Futtermittelpreise senkt der Bund die Einfuhrzölle. Grünen-Nationalrat Kilian Baumann übt heftige Kritik: Dem Bundesrat sei die Unterstützung der Fleischwirtschaft wichtiger, als Solidarität mit den Ärmsten der Welt zu zeigen.

von
Daniel Krähenbühl
Thomas Obrecht
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Durch den Krieg in der Ukraine sind die pandemiebedingt bereits hohen Getreidepreise noch einmal gestiegen.

Durch den Krieg in der Ukraine sind die pandemiebedingt bereits hohen Getreidepreise noch einmal gestiegen.

20min/Celia Nogler
Mit jährlichen Exportmengen von 30 Millionen Tonnen Mais und 20 Millionen Tonnen Weizen wirken sich die in der Ukraine derzeit blockierten oder zerstörten Waren laut dem Bundesamt für Landwirtschaft «deutlich» auf die globale Versorgung mit Futtermitteln aus.

Mit jährlichen Exportmengen von 30 Millionen Tonnen Mais und 20 Millionen Tonnen Weizen wirken sich die in der Ukraine derzeit blockierten oder zerstörten Waren laut dem Bundesamt für Landwirtschaft «deutlich» auf die globale Versorgung mit Futtermitteln aus.

LAB
Russland, das mit der Ukraine zusammen rund 30 Prozent der globalen Weizenexporte liefert, heizt die Situation mit einem Exportstopp von Weizen, Gerste, Mais und Roggen zudem noch weiter an.

Russland, das mit der Ukraine zusammen rund 30 Prozent der globalen Weizenexporte liefert, heizt die Situation mit einem Exportstopp von Weizen, Gerste, Mais und Roggen zudem noch weiter an.

Mathias Luedecke/Tamedia

Darum gehts

  • Der Krieg um die Ukraine bedroht die globale Versorgung mit Getreide. Russland und die Ukraine liefern 30 Prozent des globalen Weizens.

  • Mehr als die Hälfte der Weizenlieferungen des Welternährungsprogramms kommen laut UNO-Generalsekretär António Guterres aus der Ukraine.

  • Mit jährlichen Exportmengen von 30 Millionen Tonnen Mais und 20 Millionen Tonnen Weizen wirken sich die in der Ukraine derzeit blockierten oder zerstörten Waren laut dem Bundesamt für Landwirtschaft «deutlich» auf die globale Versorgung mit Futtermitteln aus.

  • Grünen-Politiker Kilian Baumann kritisiert die Senkung der Einfuhrzölle scharf.

Der Krieg in der Ukraine lässt die Weizenpreise weltweit drastisch steigen: Kostete eine Tonne vor einem Jahr noch 235 Franken sind es mittlerweile rund 400. Russland, das mit der Ukraine zusammen rund 30 Prozent der globalen Weizenexporte liefert, heizt die Situation mit einem Exportstopp von Weizen, Gerste, Mais und Roggen zudem noch weiter an. Der UN-Generalsekretär António Guterres warnt wegen des Krieges in der Ukraine vor einem «Wirbelsturm des Hungers». Die internationale Gemeinschaft müsse jetzt handeln, um einen «Zusammenbruch des globalen Nahrungssystems» zu verhindern.

Auf die massiven Preiserhöhungen reagiert der Bund mit der Senkung von Einfuhrzöllen auf Futtermittel. Grünen-Nationalrat Kilian Baumann übt nun heftige Kritik: «Der Bundesrat beweist, dass ihm die Unterstützung der Fleischwirtschaft wichtiger ist, als Solidarität mit den Ärmsten der Welt zu zeigen.» Das Problem sei, dass für die gleiche Kalorienmenge mit dem Anbau von Futtermitteln eine deutlich grössere Fläche benötigt werde als mit Weizen für den menschlichen Verzehr, sagt Baumann. Die Schweiz konkurriere damit mit viel ärmeren Ländern wie Ägypten oder Algerien, die auf diese Weizenimporte angewiesen wären. «Die Menschen im globalen Süden hungern, nur damit unsere Cervelat nicht teurer wird.»

«Bund muss Systemfehler beheben»

Dem Bundesrat könne aber nur begrenzt ein Fehlverhalten vorgeworfen werden, sagt Baumann. «Das Gesetz sieht eine monatliche Anpassung der Einfuhrzölle vor, wenn sich die Futtermittelpreise nicht im vorgesehenen Preisband bewegen.» Doch das Prozedere stamme noch aus einer Zeit, in der Klimaschutz und Biodiversität kein Thema gewesen seien. «Es handelt sich klar um einen Systemfehler, den der Bundesrat nun schnellstens beheben muss.» Baumann appelliert auch an die Schweizer Bevölkerung, den Fleischkonsum zu senken. «Um vom Krieg und Hunger bedrohten Menschen zu helfen, bringt es bereits etwas, den Fleischkonsum runterzufahren.»

44 Millionen Menschen von Hungersnot bedroht

Auch Andreas Missbach, Geschäftsleiter und Rohstoffexperte bei der entwicklungspolitischen Organisation Alliance Sud, kritisiert die Zollregelung: «Das ist so, als gäbe es ein Menschenrecht auf billiges Kotelett.» Das System schütze ein «komplett überholtes» Landwirtschaftsmodell, dass sich die Welt und die Schweiz angesichts der Klimakrise gar nicht mehr leisten könne. «50 Prozent der Schweizer Futtermittel stammen aus dem Ausland. Dazu werden 43 Prozent der Schweizer Ackerflächen für den Anbau von Futtermitteln benötigt. Das ist nicht nachhaltig», sagt Missbach.

Statt den Einfuhrzoll auf Futtermittel zu senken und damit den Anbau von Futtergetreide im Ausland anzukurbeln, sollte der Bund das Welternährungsprogramm oder die von der Hungersnot bedrohten Länder finanziell unterstützen, sagt Missbach. «44 Millionen Menschen könnten in eine akute Hungersituation stürzen, weil die Nahrungsmittelpreise aufgrund des Ukraine-Krieges durch die Decke gehen.» Diese Menschen hätten nichts mit dem Krieg zu tun und stehen nun trotzdem vor einer sehr grossen Hungerkatastrophe, so Missbach. Er warnt: «Die Nahrungsmittelknappheit könnte mehr Opfer fordern, als der Krieg direkt verursacht.»

Senkung der Einfuhrzölle «weitgehend wirkungslos»?

Der Schweizer Bauernverband wehrt sich gegen die Darstellung, dass durch die Senkung der Einfuhrzölle die Hungersnot im globalen Süden angefacht werden könnte: «Das ist ein absurder Vorwurf», sagt Sprecherin Sandra Helfenstein. Zwar seien die Einfuhrzölle eine der wichtigsten Massnahmen, damit die Schweizer Produktion im Konkurrenzumfeld bestehen könne und nicht von ausländischen Produkten verdrängt werde. Die jetzige Senkung der Einfuhrzölle im einstelligen Prozentbereich sei jedoch «weitgehend wirkungslos», weil die Preise für die Futtermittel so hoch seien.

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) verweist auf Anfrage auf die Tatsache, dass nach geltendem Recht bei der monatlichen Überprüfung der Einfuhrzölle kaum Spielraum besteht. So sei das massgebliche Schwellenpreissystem im Landwirtschaftsgesetz verankert und habe zum Ziel, die inländischen Kraftfutterpreise zu stabilisieren. Gestützt auf das geltende Recht überprüfe das Bundesamt für Landwirtschaft monatlich den Grenzschutz für Futtermittel und nehme Änderungen vor, wenn die Voraussetzungen erfüllt seien, sagt BLW-Sprecherin Florie Marion. «Gemäss Schätzungen sparen die Importeure von Futtermitteln durch die frühzeitige Grenzschutzreduktion rund 860’000 Franken ein.»

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