27.12.2016 05:55

«Zu attraktiver» ZivildienstArmee soll Leerläufe in den WK eindämmen

Statt in den Wiederholungsdienst einzurücken, wechseln Soldaten in den Zivildienst. Ein Politiker sieht die ständige Warterei als Grund und verlangt Massnahmen.

von
P. Michel
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«Leerläufe» und «schlechtes Zeitmanagement»? Während dieser Rekrut in der Panzergrenadierschule Thun sich eine Pause gönnt, sorgen die Wartezeiten in den Wiederholungskursen (WK) regelmässig für Gesprächsstoff. SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal hat genug davon und verlangt nun vom Bundesrat in einer Interpellation, diese attraktiver zu gestalten. (Symbolbild)

«Leerläufe» und «schlechtes Zeitmanagement»? Während dieser Rekrut in der Panzergrenadierschule Thun sich eine Pause gönnt, sorgen die Wartezeiten in den Wiederholungskursen (WK) regelmässig für Gesprächsstoff. SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal hat genug davon und verlangt nun vom Bundesrat in einer Interpellation, diese attraktiver zu gestalten. (Symbolbild)

Keystone/Martin Ruetschi
In einem Blog führte ein Soldat 2013 Buch über die Wartezeiten im WK. Sein Fazit: Durchschnittlich verbrachte er 27 Prozent des Tages mit Warten, «an einzelnen Tagen sogar bis zu 47 Prozent der Zeit». (Symbolbild)

In einem Blog führte ein Soldat 2013 Buch über die Wartezeiten im WK. Sein Fazit: Durchschnittlich verbrachte er 27 Prozent des Tages mit Warten, «an einzelnen Tagen sogar bis zu 47 Prozent der Zeit». (Symbolbild)

Keystone/Martin Ruetschi
SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal beobachtet, dass sich darum die Fälle häufen, in denen «gut ausgebildete und motivierte junge Leute der Armee den Rücken kehren und den Zivildienst vorziehen, weil sie den WK als Zeitverschwendung erachten».

SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal beobachtet, dass sich darum die Fälle häufen, in denen «gut ausgebildete und motivierte junge Leute der Armee den Rücken kehren und den Zivildienst vorziehen, weil sie den WK als Zeitverschwendung erachten».

Keystone/Gaetan Bally

Munition verschiessen und Treibstoff verbrauchen, damit beim nächsten WK die Budgets nicht gekürzt werden. Oder beim Handgranatenwerfen warten, weil immer nur zwei Soldaten gleichzeitig üben können: Solche Beispiele sorgen in Online-Militärforen regelmässig für Gesprächsstoff.

SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal hat nun aber genug von «schlechtem Zeitmanagement» und «Leerläufen» in den Wiederholungskursen (WK) der Armee. In einem kürzlich eingereichten Vorstoss verlangt er vom Bundesrat, diese attraktiver zu gestalten.

Ein WK-Soldat wartet 27 Prozent des Tages

«Bei einer Wache ist es klar, dass man warten muss, das ist der Sinn der Sache. Wenn aber Soldaten in den Wiederholungskursen am Morgen früh ausrücken, am Mittag bereits wieder mit ihrer Übung fertig sind und danach nichts mehr zu tun haben, läuft etwas falsch», kritisiert von Siebenthal. In einem Blog führte ein Soldat 2013 Buch über die Wartezeiten im WK. Sein Fazit: Durchschnittlich verbrachte er 27 Prozent des Tages mit Warten, «an einzelnen Tagen sogar bis zu 47 Prozent der Zeit».

SVP-Politiker von Siebenthal beobachtet, dass sich darum die Fälle häufen, in denen «gut ausgebildete und motivierte junge Leute der Armee den Rücken kehren und den Zivildienst vorziehen, weil sie den WK als Zeitverschwendung erachten».

Einerseits sei der Zivildienst zu attraktiv, weil man den Ort und die Zeit des Einsatzes selber wählen könne, sagt von Siebenthal. «Andererseits bewilligt die Armee eine Verschiebung der WK oder Urlaubsgesuche nur sehr restriktiv. Ihm sei ein Fall bekannt, in dem ein Soldat in den Zivildienst gewechselt habe, weil sein Verschiebungsgesuch nicht bewilligt wurde.

Auch Gefreite wechseln in den Zivildienst

Die Befürchtung von Siebenthals, dass aus beruflichen Gründen und wegen schwindender Motivation der Zivildienst eine attraktive Option darstellt, bestätigt eine Auswertung der Vollzugsstelle für den Zivildienst.

Eine Aufschlüsselung nach Dienstgraden zeigt: Die Zahl der Soldaten steigt, die nach der Rekrutenschule in den Zivildienst wechseln. 2011 waren es noch 1635 Soldaten, letztes Jahr bereits 1904. Zudem nimmt auch die Zahl der Kader zu, die von 2011 bis 2015 eine Umteilung beantragten, darunter Gefreite oder Militärs im Dienstgrad eines Leutnants.

Neben einer Lockerung beim Verschieben von WK und bei den Urlaubsgesuchen sieht von Siebenthal auch die Kader in der Pflicht: «Jede Kaderstufe ist verantwortlich dafür, die Abläufe zu optimieren und unnötige Wartezeiten zu vermeiden – das muss ganz oben beim Chef der Armee beginnen.» Zudem soll den WK-Soldaten nach dem Ende ihres Einsatzes ein Fragebogen abgegeben werden, wo sie konkrete Verbesserungen vorschlagen können.

«In einem Massenheer sind Leerläufe programmiert»

Das Verteidigungsdepartement VBS wollte auf Anfrage nichts zum hängigen Geschäft sagen. Markus Müller von der Milizorganisation Giardino nimmt dafür einen Teil der Armee in Schutz: «Die WK der Kampfverbände sind genügend attraktiv und anspruchsvoll.» Ob dies aber auch für die technischen Verbände in Logistik oder Übermittlung mit ihren weniger abwechslungsreichen Aufträgen gelte, lasse sich nicht belegen.

«Es sind wohl eher die Umstände, welche zu Frust bei den grundsätzlich motivierten Angehörigen der Armee führen», sagt Müller. Als Gründe nennt er die jährlichen personellen Fluktuationen von über 50 Prozent, fehlende Spezialisten und ungenügende Verfügbarkeit von Ausbildungsmaterial. «So werden Erfolgserlebnisse getrübt.»

Lewin Lempert von der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) glaubt nicht, dass die WK überhaupt attraktiv gestaltet werden könnten. «In einem Massenheer, wie die Schweiz es sich leistet, sind Leerläufe programmiert.» Es gebe viel zu wenig konkrete Aufgaben für die 130'000 Soldaten, die letztes Jahr für einen WK aufgeboten wurden. Für Lempert ist es deshalb eine Illusion zu glauben, mit besserer Organisation und weniger Wartezeiten seien die WK attraktiver: «Solange die Soldaten ihre Zeit mit sinnbefreiten Übungen verbringen müssen, wird es eine Abwanderung in den attraktiveren Zivildienst geben.»

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Armeechef warnt: 2017 droht Mangel an Rekruten

Laut der Vollzugsstelle für den Zivildienst werden 2016 erstmals seit fünf Jahren wieder mehr als 6000 Personen für den Zivildienst zugelassen. Vor dieser Entwicklung hatte Armeechef Philippe Rebord diesen September gewarnt: «Mehr als 6000 Männer beim Zivildienst führen zu einer ungenügenden Versorgung der Armee.» Die Armee brauche jedes Jahr 18'500 Personen, welche die Rekrutenschule abschliessen. Seien es weniger, könne sie nicht wunschgemäss funktionieren. Auf die Kritik, der Zivildienst sei zu attraktiv, sagte Sprecher Thomas Brückner zu Radio SRF: «Warum – und auch ob – der Zivildienst so attraktiv ist, ist für uns schwierig zu beurteilen.» Zudem habe der Bundesrat dreimal festgehalten, dass der Zivildienst die Armee nicht gefährde.

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