Bern: Armeniens Präsident kritisiert Türkei

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BernArmeniens Präsident kritisiert Türkei

Bei einem Treffen mit der Bundespräsidentin hat Sersch Sargsjan der Türkei vorgeworfen, den Völkermord nicht anzuerkennen. Der Schweiz dankte er trotzdem für Vermittlungsdienste.

Die offizielle Schweiz hat zum Völkermord an den Armeniern bislang noch nicht Stellung genommen: Sersch Sargsjan bei seinem Treffen mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey in Bern.

Die offizielle Schweiz hat zum Völkermord an den Armeniern bislang noch nicht Stellung genommen: Sersch Sargsjan bei seinem Treffen mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey in Bern.

Der armenische Präsident Sersch Sargsjan hat nach einem Treffen mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey am Dienstag in Bern die Türkei kritisiert. Er warf Ankara vor, die von der Schweiz angestossene Normalisierung zu behindern. Die Türkei verweigert die von Armenien eingeforderte Anerkennung eines Völkermords.

Sargsjan, der als erster armenischer Präsident offiziell die Schweiz besuchte, dankte Bern für die Vermittlungsdienste und für die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern. Dabei hat lediglich der Nationalrat diesen anerkannt - im Jahr 2003. Der Bundesrat und die offizielle Schweiz haben dazu bisher nicht Stellung genommen. Calmy-Rey reagierte am Dienstag vor den Medien ebenfalls mit keinem Wort.

Protokolle 2009 unterzeichnet

Auf Vermittlung der Schweiz hatten Armenien und die Türkei im Oktober 2009 in Zürich - im Beisein von US-Aussenministerin Hillary Clinton - zwei Protokolle unterzeichnet, die den bald hundert Jahre alten Konflikt zwischen den beiden Staaten beenden sollen.

Darin geht es um die blutige Vertreibung von Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917 aus ihren historischen Siedlungsgebieten im damaligen Osmanischen Reich.

Völkermord oder Kriegsmassnahme?

Verschiedene Länder des Westens sowie namhafte Historiker anerkennen die mit der Vertreibung verbundene Tötung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern zur Zeit des Ersten Weltkriegs als Völkermord.

Die Türkei hingegen leugnet bis heute, dass es sich um einen Völkermord handelte. Vielmehr bezeichnet Ankara die gezielte Vertreibung, die Massentötungen und erzwungenen Gewaltmärsche bis in die syrische Wüste als kriegsbedingte Massnahmen. Dabei seien rund 200 000 Menschen ums Leben gekommen.

Die Vereinbarung von Zürich aus dem Jahr 2009 liegt derzeit auf Eis. Calmy-Rey bedauerte denn auch am Dienstag ein «Nachlassen des Elans» seither.

Eriwan hat Ankara wiederholt die Torpedierung des Abkommens durch neue Bedingungen vorgeworfen. So fordert die Türkei nun zuerst eine Lösung des Berg-Karabach-Konflikts zwischen dem christlichen Armenien und dem muslimischen Aserbaidschan.

Eigenwillige Diaspora

Die Gesellschaft Schweiz-Armenien hat Bern kürzlich vorgeworfen, als Vermittler die Glaubwürdigkeit zu verlieren, indem die Schweiz der Türkei helfe, im Rahmen des türkisch-armenischen Versöhnungsprozesses den Völkermord an den Armeniern zu leugnen.

Auf diesen Vorwurf angesprochen, vermied es Sargsjan am Dienstag zunächst zu widersprechen. Später lobte er die Schweizer Vermitttlungsbemühungen allerdings und distanzierte sich vom Vorwurf der armenischen Diaspora-Vertretung in der Schweiz.

Bei den Gesprächen zwischen Sargsjan und Calmy-Rey ging es auch um bilaterale Themen, darunter die Vertiefung der Beziehungen - namentlich im Tourismus und im wissenschaftlichen Austausch.

Leichtgewicht

Calmy-Rey und Sargsjan lobten beide die «engen Beziehungen» zwischen der Schweiz und Armenien. Der Handelsaustausch allerdings ist bescheiden: Im vergangenen Jahr hatten die Schweizer Exporte nach Armenien einen Wert von 3,5 Millionen Franken, die Importe aus Armenien betrugen 6,3 Millionen Franken.

Zum Vergleich: In die Türkei exportierte die Schweiz im vergangenen Jahr Güter im Wert von 2,1 Milliarden Franken und importierte für 765 Millionen Franken. In der Schweiz leben allerdings auch rund 95'000 Türken (im Mutterland: 80 Millionen) - neben lediglich etwa 4000 Armeniern (im Mutterland: 3,3 Millionen; in der Diaspora/im Ausland: 7 Millionen).

(sda)

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