Arm trotz Job: «Armut ist eine Form von sozialer Gewalt»
Aktualisiert

Arm trotz Job«Armut ist eine Form von sozialer Gewalt»

Noch immer leben in der Schweiz viele Personen in Armut, obwohl sie einen Job haben. Linke Politiker wollen die Arbeitgeber zur Verantwortung ziehen, Bürgerliche appellieren an die Eigenverantwortung.

von
Romana Kayser
Trotz Arbeit leben 130'000 Menschen in der Schweiz unter der Armutsgrenze.

Trotz Arbeit leben 130'000 Menschen in der Schweiz unter der Armutsgrenze.

Gemäss den jüngsten Berechnungen des Bundesamtes für Statistik (BFS) waren im Jahr 2012 in der Schweiz 590'000 Personen arm - das entspricht einer Armutsquote von 7,7 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr ist sie damit etwas gestiegen, seit 2007 hat sie hingegen um 1,6 Prozent abgenommen.

In der Schweiz gilt als arm, wer nicht genügend Geld hat, den allgemeinen Lebensunterhalt, die Wohnkosten sowie die Versicherungen zu bezahlen. 2012 betrug die Armutsgrenze für Einzelpersonen rund 2200 Franken und für zwei Erwachsene mit zwei Kindern rund 4050 Franken. Rund 130'000 Personen erreichten diese Grenze nicht, obwohl sie einer Arbeit nachgingen.

Gesamtarbeitsverträge gefordert

Für SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini ist dies eine beschämende Tatsache: «Es ist unwürdig, wenn man in der Schweiz arbeitet und trotzdem arm ist.» Generell sei die Armut in der reichen Schweiz «ein unnötiger Schandfleck, den man ausmerzen muss». Die Mindestlohn-Initiative wäre laut Pardini ein Instrument gewesen, um Armut von Erwerbstätigen zu bekämpfen. Nachdem die Initiative im Mai jedoch an der Urne kläglich gescheitert ist, sieht Pardini nun die Arbeitgeber in der Pflicht. Er erinnert sie an die im Abstimmungskampf gemachten Versprechen, Gesamtarbeitsverträge mit Mindestlöhnen abzuschliessen.

Kein Gehör für Pardinis Kritik hat hingegen FDP-Nationalrat Ruedi Noser. «So wie das Bundesamt für Statistik Armut definiert, kann man sie gar nicht zum Verschwinden bringen.» Es sei positiv, dass die Armutsquote rückläufig sei. «Die Schweiz macht einen hervorragenden Job.» Darüber hinaus seien keine Massnahmen nötig: «Der Staat hat nicht die Aufgabe, die Leute vor Armut zu schützen.» Er gewährleiste den Menschen eine minimale Existenzsicherung und ermögliche den Bürgern Bildung. Eine gute Bildung schütze am effektivsten gegen Armut, ist Noser überzeugt. «Der Rest liegt in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen.»

Alleinerziehende unterstützen

Konkrete Lösungsansätze zur Armutsbekämpfung sieht hingegen SP-Ständerat und SGB-Präsident Paul Rechsteiner. Er ortet vor allem bei den sensiblen Gruppen von Alleinerziehenden und alleinstehenden Rentnern Handlungsbedarf: «Die Kinderzulagen sind in vielen Kantonen noch immer viel zu tief. Hier könnte man arme alleinstehende Eltern wirkungsvoll unterstützen.»

Umgekehrt warnt er vor den Folgen geplanter Kürzungen im Rahmen der Rentenreform. «Diese gehen in eine völlig falsche Richtung und verstärken die Altersarmut.» Aus Rechsteiners Sicht ist die Schweiz angesichts der Armutszahlen nun stark gefordert. «Armut ist eine Form von sozialer Gewalt, die die Lebensperspektiven stark einschränkt.»

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