In Zeiten des Ukraine-Kriegs – «Kaum zu glauben» – Bauernverband kritisiert ägyptische Aktions-Kartoffeln

Publiziert

In Zeiten des Ukraine-Kriegs«Kaum zu glauben» – Bauernverband kritisiert ägyptische Aktions-Kartoffeln

Der Ukraine-Krieg verteuert die Lebensmittel. In vielen Entwicklungsländern droht gar eine Hungersnot. Doch die Migros bietet Kartoffeln aus Ägypten zum Aktionspreis an – und das ärgert den Bauernverbands-Präsidenten.

von
Marcel Urech
1 / 11
26 Prozent Rabatt auf ägyptische Frühkartoffeln in der Migros – das finden nicht alle gut. 

26 Prozent Rabatt auf ägyptische Frühkartoffeln in der Migros – das finden nicht alle gut. 

Screenshot Facebook/Martin Rufer
In Ägypten gebe es viel Armut und Hunger, sagt Martin Rufer (links), der Direktor des Schweizer Bauernverbands. Dass es in der Schweiz gleichzeitig solche Aktionen gebe, sei störend.

In Ägypten gebe es viel Armut und Hunger, sagt Martin Rufer (links), der Direktor des Schweizer Bauernverbands. Dass es in der Schweiz gleichzeitig solche Aktionen gebe, sei störend.

Schweizer Bauernverband / sbv-usp.ch
Die Migros kontert: Das Angebot stehe in keinem Zusammenhang mit dem Hunger in den armen Ländern.

Die Migros kontert: Das Angebot stehe in keinem Zusammenhang mit dem Hunger in den armen Ländern.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Der Direktor des Schweizer Bauernverbands kritisiert, dass die Migros ägyptische Kartoffeln zum Aktionspreis anbietet, obwohl der Ukraine-Krieg den Hunger im Land noch verschärfe.

  • Die Aktion stehe in keinem Zusammenhang mit dem Hunger in armen Ländern, kontert die Migros.

  • Die Detailhändlerin müsse nun besonders stark auf die Preisgestaltung achten, da die Produzierenden oft keine existenzsichernden Preise für ihre Produkte erhielten, fordert Public Eye.

Der Ukraine-Krieg verschärft die Food-Knappheit in Ägypten und verteuert die Lebensmittel im Land. Ägypten bezieht über 50 Prozent des Weizens aus Russland und der Ukraine. Trotzdem verkauft die Migros Kartoffeln aus Ägypten zum Aktionspreis. Das nervt Martin Rufer, Direktor des Schweizer Bauernverbands.

«Kaum zu glauben: Der Krieg in der Ukraine führt zu hohen Getreidepreisen und damit auch zu Hunger in armen und von Importen abhängigen Ländern», schreibt Rufer auf Facebook. Auch die Schweiz müsse ihre Verantwortung im internationalen Ernährungssystem wahrnehmen.

Rufer bezieht sich mit seinem Beitrag auf eine Aktion der Migros, die Patatli-Kartoffeln aus Ägypten derzeit mit 26 Prozent Rabatt verkauft. Vom 22. bis zum 28. März kostet das Kilo 2.40 statt 3.25 Franken.

Armut in Ägypten, Aktionen in der Schweiz 

In Ägypten habe die Regierung wegen der Armut sogar den Preis fürs Brot staatlich festgesetzt, sagt Rufer im Gespräch mit der Redaktion. Dass es in der Schweiz gleichzeitig solche Aktionen gebe, sei störend. Man müsse sich daher fragen, ob es wirklich sinnvoll sei, im März ägyptische Frühkartoffeln zum Aktionspreis anzubieten. Denn die Saison für Schweizer Kartoffeln beginne «erst in ein paar Wochen», so Rufer.

Auch auf Facebook bekommt die Migros ihr Fett weg: «Grossverteiler haben keinen Anstand und kein Gewissen», schreibt ein User. Ein anderer Nutzer stimmt ihm zu: «Solange die Einkäufer der Grossverteiler nach der Gewinnmaximierung von den Chefs beurteilt werden, nimmt dieser Stumpfsinn kein Ende.»

Das sagt die Migros zu den Vorwürfen

«Das Angebot steht in keinem Zusammenhang mit dem Hunger in armen Ländern», kontert die Migros auf Anfrage die Vorwürfe von Rufer. Die Migros sei die grösste Abnehmerin der Produkte von Bäuerinnen und Bauern in der Schweiz. 70 Prozent der Lebensmittel und 80 bis 95 Prozent der Kartoffeln bei der Migros seien aus der Schweiz.

Aufgrund der Unwetter und des Regens im vergangenen Jahr verzeichneten Schweizer Produzenten und Produzentinnen teilweise drastische Ernteausfälle. Die Lagerbestände seien zum Teil aufgebraucht und auch die Migros sei darum auf Importe angewiesen, heisst es bei der Detailhändlerin. 

Migros agiert in «Hochrisikosektor»

Auch die Organisation Public Eye stellt fest, dass der Krieg die Preise hochtreibt und die Ernährungssicherheit bedroht. Trotzdem dürfte Ägypten froh sein, dass es Kartoffeln nach Europa verkaufen könne. Dadurch könne das Land Geld erwirtschaften, erklärt Silvie Lang, Agrarhandelsexpertin bei der NGO Public Eye.

Wichtig sei jetzt vor allem, dass die Migros sicherstelle, dass sie die Menschenrechte respektiere. Denn gerade beim Anbau von Getreide und Kartoffeln seien Menschenrechtsverletzungen und Umweltvergehen weit verbreitet.

«Der Agrarsektor wird deshalb auch als Hochrisikosektor betrachtet», sagt Lang. Die Migros müsse darum besonders stark auf die Preisgestaltung achten. Denn die Produzierenden erhielten oft keine existenzsichernden Preise für ihre Produkte. 

Darum sind Aktionen umstritten

Konsumentinnen und Konsumenten freuen sich über Aktionen, laut Public Eye können diese aber auch problematisch sein. Etwa wenn sie Anreize schaffen, nicht saisonale und nicht zertifizierte Produkte zu Spottpreisen zu kaufen. Wichtiger als der Verkaufspreis seien jedoch der Einkaufspreis und die Frage, ob die Produzenten und Produzentinnen für ihre Produkte einen angemessenen Preis erhalten oder nicht. 

Deine Meinung

86 Kommentare