Aktualisiert 21.02.2018 17:31

Kritik am Numerus clausus

«Arzt wird nur, wer gut für eine Prüfung lernt»

Schweizer Studenten zieht es wegen des Numerus clausus nach Osteuropa. Politiker wollen die Eintrittsprüfung nun abschaffen.

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the/dk
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Die Universität Iuliu Hatieganu in der rumänischen Stadt Cluj-Napoca verzeichnet einen starken Anstieg der Anzahl der Studenten aus der Schweiz. 49 Schweizer studieren dort zurzeit, letztes Jahr waren es erst 33.

Die Universität Iuliu Hatieganu in der rumänischen Stadt Cluj-Napoca verzeichnet einen starken Anstieg der Anzahl der Studenten aus der Schweiz. 49 Schweizer studieren dort zurzeit, letztes Jahr waren es erst 33.

Universität Iuliu Hatieganu
Cluj zählt rund 300'000 Einwohner. Wer hier Medizin studiert, muss keinen Numerus-clausus-Test bestehen, sondern nur ein Bewerbungsverfahren durchlaufen.

Cluj zählt rund 300'000 Einwohner. Wer hier Medizin studiert, muss keinen Numerus-clausus-Test bestehen, sondern nur ein Bewerbungsverfahren durchlaufen.

Keystone/Alessandro Della Bella
Erika Ziltener von der Zürcher Patientenstelle ist besorgt: «Es gibt bestimmt Universitäten, an denen die Qualitätsstandards gleich hoch sind wie in der Schweiz. Aber das ist sicher nicht überall der Fall.»

Erika Ziltener von der Zürcher Patientenstelle ist besorgt: «Es gibt bestimmt Universitäten, an denen die Qualitätsstandards gleich hoch sind wie in der Schweiz. Aber das ist sicher nicht überall der Fall.»

Keystone/Peter Schneider

In der Schweiz kommen auf 2224 Studienplätze in Medizin 6407 Bewerber. Ob man einen Studienplatz erhält, wird meist durch einen Numerus-clausus-Test bestimmt. Nur wer an der Prüfung zu den Besten gehört, darf das Studium überhaupt antreten.

Um die Chancen auf ein Medizin-Studium zu maximieren, bewerben sich viele Studenten auch im Ausland. Ein beliebtes Ziel ist dabei Osteuropa. Die Universität Iuliu Hatieganu in der rumänischen Stadt Cluj-Napoca verzeichnet einen starken Anstieg der Zahl der Studenten aus der Schweiz.

«Tschechien ist eine echte Alternative»

Auch bei Deutschen ist das Studium in Osteuropa beliebt, weil der Numerus clausus meist aus einem hohen Notenschnitt im Abschlusszeugnis besteht. So sind laut «Spiegel online» 66,4 Prozent aller deutschen Studenten in Ungarn angehende Humanmediziner. Dort gebe es keinen Numerus clausus, die Konkurrenz im Bewerbungsverfahren an der Budapester Semmelweis-Universität sei jedoch gross, schreibt die Plattform Studis-online.de.

Und weiter: «Falls euer Englisch gut und euer Geldbeutel tief genug ist, ist Tschechien eine echte Alternative.» Es gebe beispielsweise an der Karls-Universität in Prag nur einen Aufnahmetest. Auch ein Studium in der Slowakei wird im Internet angepriesen. «Wir vermitteln jedes Jahr auch einige Studenten aus der Schweiz», sagt Andrea Pavlovcinova von der Plattform MEDsk zu 20 Minuten.

Politiker hat Verständnis für Studenten

Für den SP-Nationalrat Angelo Barrile ist das Studium im Osten eine «legale Art, etwas auszubaden, das die Schweiz ihnen eingebrockt hat». Die Begrenzung der Studienplätze in der Schweiz müsse man überdenken.

«Es hat nicht dazu geführt, dass die geeignetsten Personen Medizin studieren dürfen, sondern diejenigen, die sich am besten auf die Numerus-clausus-Prüfung vorbereiten. Daran schuld ist die egoistische Haltung der Schweiz, weniger Ausbildungsplätze anzubieten, als wir wirklich brauchen.»

Darum findet es Barrile verständlich, wenn in der Schweiz abgewiesene Medizinstudenten in Osteuropa eine Ausbildung machen. Die Arztdiplome aus den EU-Ländern seien unseren ebenbürtig. «Und momentan sind so viele Stellen in Spitälern ausgeschrieben, dass wir froh sein müssen, wenn überhaupt jemand diese besetzt – egal, wo er studiert hat», sagt Barrile.

«Numerus clausus ist ein Fehlkonstrukt»

Kritischer sieht das Kathy Riklin (CVP). Es stehe zwar jedem frei, dort zu studieren, wo er wolle. «Allerdings sollten wir die automatische Anerkennung der EU-Ärztediplome nochmals eingehend überprüfen.»

Auch sie sieht keinen Sinn im Schweizer Numerus clausus: «Das ist ein Fehlkonstrukt, das am Ärztemangel in der Schweiz schuld ist und unseren Jungen die Chancen verbaut.» Die vom Bund beschlossene Erhöhung der Studienplätze sei ein Schritt in die richtige Richtung, aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

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