27.06.2019 02:41

Gesundheitsmonitor

Arztkosten treiben Schweizer in Schulden

Die Arztrechnungen machen den Schweizern häufiger Sorgen als die Wohnungsmieten. Hohe Franchisen verschärfen die Situation.

von
B. Zanni
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47 Prozent der Schweizer erachten die Zahnarzt- und Arztrechnungen als gelegentliches oder dauerhaftes Problem.

47 Prozent der Schweizer erachten die Zahnarzt- und Arztrechnungen als gelegentliches oder dauerhaftes Problem.

Keystone/Gaetan Bally
Damit kämpfen die Schweizer häufiger mit den Gesundheitskosten als mit den Mietzinsen für die Wohnung oder Wohneigentum (15 Prozent).

Damit kämpfen die Schweizer häufiger mit den Gesundheitskosten als mit den Mietzinsen für die Wohnung oder Wohneigentum (15 Prozent).

Keystone/Ennio Leanza
Damit kämpfen die Schweizer häufiger mit den Gesundheitskosten als mit den Mietzinsen für die Wohnung oder Wohneigentum (15 Prozent).

Damit kämpfen die Schweizer häufiger mit den Gesundheitskosten als mit den Mietzinsen für die Wohnung oder Wohneigentum (15 Prozent).

Keystone/Gaetan Bally

Wer gesund sein will, hat Schmerzen im Portemonnaie. 47 Prozent der Schweizer erachten die Zahnarzt- und Arztrechnungen als gelegentliches oder dauerhaftes Problem. Damit kämpfen die Schweizer häufiger mit den Gesundheitskosten als mit den Mietzinsen für die Wohnung oder den Kosten für Wohneigentum (15 Prozent).

Nur die Krankenkassenprämien (34 Prozent) und die Steuern (26 Prozent) belasten die Schweizer noch mehr als die Zahnarzt- und Arztrechnungen. Dies geht aus dem aktuellen Gesundheitsmonitor des Forschungsinstituts GFS Bern im Auftrag des Pharmaverbands Interpharma hervor. In der repräsentativen Umfrage wurden im März 1200 Stimmberechtigte befragt.

«Finanzielle Nöte wegen hoher Franchisen»

«Steigen die Prämien weiterhin, fördert man den Verzicht auf medizinische Leistungen, was die Prämien gleich nochmals in die Höhe treibt», warnt Sébastien Mercier vom Verein Schuldenberatung Schweiz. So konsultierten kranke Menschen bei steigenden Prämien erst im letzten Moment einen Arzt – wenn nur noch teure Behandlungen infrage kämen.

«Viele Menschen in der Schweiz überschulden sich bereits jetzt wegen der Gesundheitskosten», sagt Mercier. Er macht darauf aufmerksam, dass laut dem Bundesamt für Statistik jeder fünfte Schweizer eine unerwartete Rechnung von 2500 Franken nicht bezahlen kann. «Viele Personen wählen eine hohe Franchise, um zu sparen. Erkranken sie aber und müssen auf einen Schlag mehrere Tausend Franken bezahlen, geraten sie in finanzielle Nöte.» Gerade für Familien seien Arzt- und Zahnarztkosten ein besonders grosser Budgetposten.

Versicherte Zahnarztbehandlung

Für Politiker bringen die Resultate des Gesundheitsmonitors eine bekannte Tatsache auf den Punkt. «Für mich sind die Zahlen plausibel. Unsere Abklärungen und Kontakte zur Bevölkerung und zu Arbeitnehmenden bestätigen, dass viele Menschen mit tiefem und mittlerem Einkommen Probleme haben, die Krankenkassenprämien und Gesundheitskosten zu bezahlen», sagt SP-Nationalrätin Barbara Gysi.

Auch Hausarzt und SP-Nationalrat Angelo Barrile sagt, dass die hohen Rechnungen gewisse Menschen von Zahnarztbehandlungen abhielten. «In der Sprechstunde erlebe ich immer wieder Patienten, die auch noch Zahnschmerzen oder entzündetes Zahnfleisch haben. Trotzdem gehen sie aus Kostengründen nicht zum Zahnarzt.» Eine Lösung sähe Barrile darin, die Zahnarztbehandlungen in die Grundversicherung zu integrieren.

Appell an die Eigenverantwortung

Eine Beruhigung ist im Moment nicht in Sicht. Stattdessen rechnet die Branchenorganisation der Schweizer Krankenversicherer Santé Suisse 2019 und 2020 mit einem Anstieg der Gesundheitsausgaben um je 3 Prozent. Um den explodierenden Kosten Einhalt zu gebieten, hat die Politik verschiedene Initiativen gestartet (siehe Box).

Der Bundesrat und eine bürgerliche Mehrheit hingegen wollten das Kostenwachstum mit einer höheren Franchise bremsen, was der Nationalrat in der Schlussabstimmung im März 2019 ablehnte.

Auch SVP-Nationalrat Sebastian Frehner sieht in höheren Franchisen ein probates Mittel zur Kostendämpfung. «Man muss die Selbstverantwortung stärken. Ist die Selbstbeteiligung höher, überlegt man es sich zweimal, ob es wirklich nötig ist, zum Arzt zu gehen», sagt Frehner. Weiter macht er die Spitäler für die Kostenexplosion verantwortlich. «Im Kanton Bern gibt es so viele Spitäler wie in ganz Schweden. Die Zahl der Spitäler muss massiv reduziert werden.»

So will die Politik die Kostenexplosion bekämpfen

Kostenbremse-Initiative begegnen. Dabei sollen der Bundesrat, die Bundesversammlung und Kantone eingreifen, sobald die Gesundheitskosten im Vergleich zur Lohnentwicklung zu stark steigen.

obligatorische Zahnversicherung ab. Noch auf dem Tisch liegen ähnliche Initiativen in den Kantonen Neuenburg, Wallis und Tessin.

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