Coronavirus: Asien-Schweizer leiden unter Corona-Rassismus
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CoronavirusAsien-Schweizer leiden unter Corona-Rassismus

Das Coronavirus brach in China aus. Nun leiden Chinesen und Asiaten in der Schweiz unter Aggressionen. Das sei extrem besorgniserregend, so ein Experte.

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bz/pro/ehs

In seinem neuesten Instagram-Clip setzt Influencer Brian Havarie ein klares Zeichen gegen Rassismus.

Das Coronavirus verbreitet sich von China aus in der ganzen Welt – und mit ihm kommen rassistische Kommentare. Auch in der Schweiz leiden Chinesen und asiatisch aussehende Personen unter Beleidigungen und Abneigung. Der 19-jährige Influencer Brian mit vietnamesischen Wurzeln erzählt etwa, dass er in den letzten Tagen über 150 rassistische Nachrichten und Kommentare mit Inhalten wie «Corona Boy» erhalten habe. Auf Twitter erzählen Opfer aus ganz Europa unter dem Hashtag «JeNeSuisPasUnVirus» («Ich bin kein Virus») von Beleidigungen.

Influencer Brian ist kein Einzelfall. Mulan Sun ist Architektin und Präsidentin der Architekten- und Künstlerkammer Schweiz-China. Sie lebt seit 15 Jahren in der Schweiz. «Ich beobachte, dass die Leute manchmal Abstand von chinesisch aussehenden Menschen nehmen, seit das Coronavirus ausgebrochen ist», sagt sie, «besonders im ÖV oder in der Öffentlichkeit ist das spürbar.»

Krankheit kennt keine Nationalität

Dass man sich nicht anstecken will, könne sie gut verstehen, so Sun. Das sei ja auch bei der normalen, saisonalen Grippe so. «Aber man sollte sich bewusst sein, dass das Coronavirus in der Schweiz momentan keine Bedrohung ist, so wenige Fälle wie es in Europa gibt.» Sowieso kenne Krankheit keine Nationalität. «Europäisch aussehende Menschen können genauso krank sein wie solche mit einem chinesischen Gesicht», sagt Sun.

Dass das Coronavirus für beleidigende Kommentare sorgt, zeigt auch ein Aufruf von 20 Minuten. Mehrere Leser meldeten sich mit ähnlichen Geschichten. Eine 22-jährige Frau, die Halbjapanerin ist, sagt: «Im Hauptbahnhof Zürich schrie mir zuerst eine Gruppe ‹Schau mal, das Coronavirus!› nach. Nur zehn Minuten später kam ein junger Mann, der zu mir sagte: ‹Du hast ja Glück. Du bist eine der Letzten, die es hierhin geschafft hat.›» Solche Kommentare machten sie traurig.

«Werde immer wieder komisch angeschaut»

Ein 27-jähriger Mann aus der Zentralschweiz, dessen Eltern aus China stammen, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. «In Luzern werde ich seit dem Ausbruch des Coronavirus immer wieder komisch angeschaut – als hätten die Leute Angst vor mir.» Manchmal beobachte er, wie Leute ihren Schal ins Gesicht ziehen würden, sobald sie ihn erblickten. «Ich will gar nicht wissen, wie es den vielen Touristen in Luzern geht.»

Die Beleidigungen machen nicht einmal vor den Kleinsten halt. «Meine 12-jährige Tochter wird in der Schule und auf dem Pausenhof beleidigt. Die anderen Kinder sagen ihr, dass sie das Virus in sich trage», schreibt ein Vater. «Niemand aus der Schule möchte in ihrer Nähe sein. Sie kommt weinend nach Hause.»

«Gefahr vor unverhältnismässigen Massnahmen»

Beat Gerber, Sprecher von Amnesty International Schweiz, glaubt nicht, dass der Rassismus zugenommen hat. Viel eher komme er nun an die Oberfläche. «Das alte Stereotyp von China als grosse Masse, die übermächtig wird und über Europa herfällt, wird wieder ausgegraben.» Er spricht von einem «extrem besorgniserregenden» Verhalten. «Auch in anderen Ländern wie etwa Frankreich sagen asiatischstämmige Menschen, dass sie wegen des Coronavirus diskriminiert worden seien.» Menschen hätten mit dem Finger auf sie gezeigt und sie für das Virus verantwortlich gemacht.

Unter diesen Umständen besteht laut Gerber die Gefahr, dass Staaten unverhältnismässige Massnahmen ergreifen. «Eine Online-Petition in Malaysia fordert bereits etwa ein Einreiseverbot von Chinesen.» Auch verweist Gerber auf Berichte, in denen Ladenbesitzer explizit Chinesen den Zutritt verbieten. «Es ist absolut irrational und diskriminierend, die Gefahr einer Pandemie auf eine bestimmte Menschengruppe zu reduzieren. Die Ausbreitung des Virus geschieht ohnehin über Ländergrenzen hinweg.» Die derzeitige Angst vor dem Coronavirus sollte statt Ausgrenzungen ein grosses Mitgefühl auslösen.

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