Bürgerkrieg in Syrien: Assad nach Blutbad weiter fest im Sattel
Aktualisiert

Bürgerkrieg in SyrienAssad nach Blutbad weiter fest im Sattel

Nach dem Massaker von Hula wird der Ruf nach einer Intervention in Syrien lauter. Dabei weiss niemand, wie das Regime gestürzt werden könnte.

von
Peter Blunschi

Langsam lichtet sich der Nebel um die Ereignisse vom letzten Freitag in der syrischen Stadt Hula. Berichte von Aktivisten und Augenzeugen, die von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch und westlichen Medien aufgezeichnet wurden, deuten darauf hin, dass das Massaker an 108 Menschen – darunter 49 Kinder und 34 Frauen – von der regimetreuen Schabiha-Miliz verübt wurde. Diese besteht überwiegend aus Alawiten, jener schiitischen Volksgruppe, der auch der Clan von Präsident Baschar Assad angehört.

Das Unheil begann laut der britischen BBC nach dem Freitagsgebet, als Soldaten auf eine Kundgebung im nahegelegenen Dorf Tula schossen. Kämpfer der Opposition feuerten zurück, worauf die Armee begann, die Stadt Hula während Stunden mit Panzern und Mörsergranaten zu beschiessen. Am Abend rückten Milizionäre in Militäruniformen in Hula ein, einer sunnitischen Enklave in einer mehrheitlich von Alawiten bewohnten Region. Sie töteten gezielt Frauen und Kinder – mit Schusswaffen, aber auch mit Messern und Äxten.

Russland beschuldigt Assad

Das Gemetzel dauerte bis in die Nacht. Im Internet sind Fotos und Videos von grässlich zugerichteten Opfern aufgetaucht. «Warum behandeln sie uns wie Tiere?» frage ein weisshaariger Mann in einem Amateurvideo, das von CNN ausgestrahlt wurde. Er habe die Leichen von neun Kindern gewaschen. Eines sei weniger als neun Monate alt gewesen und habe noch den Schnuller im Mund gehabt: «Was war seine Schuld? Warum wurde es getötet?» Andere Überlebende berichteten von Hinrichtungen.

Hula ist inzwischen eine Geisterstadt, die meisten Bewohner sind in Gebiete geflüchtet, die von der Freien Syrischen Armee kontrolliert werden. Das Regime versucht, den Aufständischen die Schuld an dem Massaker in die Schuhe zu schieben. Doch selbst der russische Aussenminister Sergej Lawrow schrieb am Montag in bislang kaum gekannter Schärfe der Regierung von Baschar Assad die Hauptverantwortung für die anhaltende Gewalt in Syrien zu, weil sie die Sicherheit der Bürger nicht gewährleiste.

USA wollen nicht eingreifen

Zu einer direkten Verurteilung im UNO-Sicherheitsrat aber konnte sich Russland erneut nicht durchringen. Doch selbst wenn Moskau mit Assad brechen würde: Der seit bald 15 Monaten anhaltende Syrien-Konflikt bleibt eine Knacknuss. Die Bilder aus Hula könnten niemanden kalt lassen, meinte etwa Rami Khouri, ein renommierter Nahost-Analyst der Amerikanischen Universität Beirut, gegenüber CNN. «Das Problem ist, dass niemand einen effektiven Weg gefunden hat, um sich einzumischen und den Konflikt zu beenden.»

«Wir haben keine Ahnung, wie wir diese Typen loswerden können», bestätigte ein hochrangiger westlicher Diplomat im Gespräch mit CNN. In der unmittelbaren Zukunft werde es «keine westliche Intervention in Syrien» geben. Dagegen spricht nicht nur die komplexe Situation im ethnisch-religiösen Vielvölkerstaat. In den USA ist die Bereitschaft zu einer weiteren Intervention im Nahen Osten gering. Schon der Libyen-Einsatz vor einem Jahr war in der amerikanischen Bevölkerung unbeliebt, und er war ein Kinderspiel verglichen mit Syrien.

Assad wie Saddam Hussein?

Während der libysche Diktator Muammar Gaddafi international und in der eigenen Bevölkerung isoliert war, kann Baschar Assad auf Russland und Iran als Verbündete zählen. Und auch sein Rückhalt im Volk dürfte ziemlich gross sein, vor allem bei der Mittelschicht. So werden Damaskus und Aleppo, die beiden grössten Städte Syriens, nach wie vor vom Regime kontrolliert. Dieses zeigt zudem kaum Zerfallserscheinungen. Rami Khouri spricht von «einer Kombination aus Terror und Solidarität». Viele Angehörige des Regimes seien Alawiten wie Assad, und Abweichler müssten Racheakte an ihren Familien fürchten.

Die Wahrscheinlichkeit ist deshalb gross, dass sich ein ausgewachsener Bürgerkrieg entwickelt. Gleichzeitig wächst die Furcht, dass islamistische Kräfte das Heft zunehmend in die Hand nehmen. Oder dass der Konflikt auf das Nachbarland Libanon übergreift. Dort kam es bereits zu bewaffneten Kämpfen zwischen Sunniten und Schiiten. Mehr denn je konzentriert sich die Hoffnung deshalb auf einen Putsch oder einen Mordanschlag gegen Baschar Assad, wie der westliche Diplomat erklärte. «Aber wir haben auch mehr als zehn Jahre lang gehofft, dass so etwas mit Saddam Hussein geschieht», räumte er ein.

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