Aufstand in Syrien: Assads Gegner greifen zu den Waffen
Aktualisiert

Aufstand in SyrienAssads Gegner greifen zu den Waffen

Die syrische Opposition ist zunehmend bereit, vom gewaltlosen Protest zum bewaffneten Kampf überzugehen. Deserteure aus der Armee wollen eine «libysche Lösung» erzwingen.

von
pbl

Der syrische Regierung bleibt sich treu: Sie hat einmal mehr «ausländische Mächte» für die Krise im Land verantwortlich gemacht. Die Regierung von Präsident Baschar Assad wolle Reformen, aber wegen des Drucks aus dem Ausland müssten sie «in den Hintergrund rücken», sagte Aussenminister Walid Mualim am Montag vor der UNO-Vollversammlung in New York. «Wir bedauern, dass die Aktivitäten der bewaffneten Gruppen stärker geworden sind», sagte der Chefdiplomat.

«Bewaffnete Gruppen» ist ein Standardausdruck für die bislang weitgehend friedliche Opposition. Und doch mehren sich die Anzeichen, dass die Regimegegner ihr Heil zunehmend im bewaffneten Kampf suchen. Nach sechs Monaten mit gewalt- und erfolglosen Protesten scheinen viele Aktivisten mit der Geduld am Ende. Zumal das Assad-Regime weiterhin versucht, die Opposition mit brutaler Gewalt zu unterdrücken. Nach UNO-Angaben wurden bislang 2700 Menschen getötet sowie unzählige verhaftet und gefoltert, darunter auch Jugendliche.

Rund 10 000 Überläufer

In letzter Zeit kam es verschiedentlich zu Angriffen auf Militärfahrzeuge. Ein nicht genanntes US-Regierungsmitglied sagte der «New York Times», die «bewaffnete Dimension» des Aufstands habe deutlich zugenommen. Es handle sich um eine «besorgniserregende Entwicklung». Auch Robert Ford, der amerikanische Botschafter in Damaskus, bestätigte gegenüber der «Huffington Post», der Opposition falle es zunehmend schwer, jene Kräfte zurückzuhalten, die «angesichts der Brutalität der Regierung zur Gewalt übergehen wollen».

Er halte eine solche Entwicklung für «einen Fehler», sagte Ford, der sich verschiedentlich mit Vertretern der Opposition getroffen hat. Doch aufhalten lässt sie sich kaum, denn die Regimegegner erhalten immer mehr Zulauf von Deserteuren aus der Armee. Der US-Regierungsbeamte bezifferte ihre Zahl auf «rund 10 000». Viele sind in die Türkei und den Libanon geflüchtet und haben dort die «freie syrische Armee» gegründet.

Der «Schlachtplan» der Rebellen

«Dies ist der Anfang der bewaffneten Rebellion», sagte ihr Kommandant Riad Asaad der «Washington Post». Der ehemalige Luftwaffen-Oberst war im Juli in die Türkei geflüchtet und organisiert von dort aus den Widerstand. «Man kann dieses Regime nur mit Gewalt und Blutvergiessen stürzen», zeigte sich Asaad überzeugt. Sein «Schlachtplan» orientiert sich am Vorbild der libyschen Rebellen: Er will ein Territorium im Norden Syriens erobern, sich internationalen Schutz durch eine Flugverbotszone sichern, in befreundeten Ländern Waffen beschaffen und danach einen Grossangriff auf das Regime lancieren.

Noch scheint eine grosse Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu bestehen. Doch laut der «Washington Post» gibt es Anzeichen, dass die «freie syrische Armee» vermehrt Zulauf erhält und sich zu organisieren beginnt. Auch im Landesinnern soll die Rebellenarmee aktiv sein – allein in der Stadt Homs, einer Hochburg der Opposition, soll eine Brigade von rund 2000 Überläufern den Regierungstruppen das Leben schwer machen. Diese versuchen seit Wochen, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen – bislang ohne grossen Erfolg.

Furcht vor Bürgerkrieg

Die Brigade wird laut einem ihrer Offiziere von Sympathisanten im Militär mit Waffen und Munition versorgt. Auch dies lässt auf Verwerfungen innerhalb der Streitkräfte schliessen. Während das Offizierskorps überwiegend aus Alawiten besteht, Angehörigen jener religiösen Minderheit, der auch die Familie Assad angehört, handelt es sich bei den «Fusstruppen» zum grössten Teil um Sunniten. Deren Moral sei schlecht, behauptet Riad Asaad. Das konfessionelle Ungleichgewicht werde zum Umschwung führen.

Dies nährt die Befürchtung, dass es im ethnischen und religiösen Vielvölkerstaat Syrien zu blutigen Abrechnungen zwischen den Volksgruppen kommen könnte. Nicht zuletzt aus diesem Grund schreckt der Westen vor einer militärischen Intervention zurück. Riad Asaad versucht, solche Ängste zu zerstreuen. «Die Alawiten sind Bürger wie alle anderen auch», sagte er zu Spiegel Online. Andere Oppositionelle hoffen nach wie vor auf eine Verständigung mit dem Regime.

«Das Regime ist in Panik»

Dafür gibt es wenig Anzeichen. Baschar Assad und seine Entourage klammern sich an die Macht und können dabei auf die Mittelschicht in den Städten Damaskus und Aleppo zählen, die aus Angst vor dem Chaos hinter dem Regime steht. Beobachter halten eine Eskalation für unvermeidlich, zumal die Desertionen anhalten. Am Montag wurden gemäss «New York Times» vier Soldaten in der Provinz Idlib bei einem Fluchtversuch getötet. Rebellenkommandant Riad Asaad gibt sich siegessicher: «Das Regime ist in Panik. Es weiss, dass es von innen zerstört wird.»

Websites gehackt

Mit Panzern sind syrische Truppen am Dienstag in den frühen Morgenstunden in die Protesthochburg Rastan im Zentrum des Landes eingerückt. Dabei hätten die Soldaten aus Maschinengewehren gefeuert, teilten die lokalen Koordinationskomitees mit, die die Proteste gegen Präsident Baschar Assad dokumentieren. Rastan ist eines der Zentren der Proteste gegen das Regime von Assad. Berichten zufolge kam es dort immer wieder zu Zusammenstößen zwischen abtrünnigen Soldaten und den syrischen Sicherheitskräften.

Unterdessen griffen zwei Aktivistengruppen aus Protest gegen das syrische Regime nach eigenen Angaben die Websites mehrerer syrischer Ministerien und großer Städte an. Den eigentlichen Inhalt der Internetseiten hätten sie durch Karikaturen von Assad ersetzt, teilten die Hackergruppen RevoluSec und Anonymous am Montag mit. (dapd)

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