Bundesrat und BAG unter Druck - Asthma-Spray gegen Corona – Politik fordert sofortiges Handeln vom Bundesrat
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Bundesrat und BAG unter DruckAsthma-Spray gegen Corona – Politik fordert sofortiges Handeln vom Bundesrat

Mit neuen Corona-Medikamenten wie etwa Asthma-Spray könnte man tausende Todesfälle vermeiden, sagt ein Infektiologe. Der Bundesrat wird für seine passive Haltung scharf kritisiert.

von
Leo Hurni
Carla Pfister
Fee Anabelle Riebeling
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Das neue Wundermittel gegen Corona könnte der Asthma-Spray mit dem Wirkstoff Budesonid sein.

Das neue Wundermittel gegen Corona könnte der Asthma-Spray mit dem Wirkstoff Budesonid sein.

Getty Images/iStockphoto
Der Infektiologe Andreas Cerny kritisiert «die totale Absenz» der Forschungsförderung in der Schweiz.

Der Infektiologe Andreas Cerny kritisiert «die totale Absenz» der Forschungsförderung in der Schweiz.

Epatocentro Ticino
«Der Bundesrat ist auf andere Probleme konzentriert und unter Druck wegen Schliessungen und Öffnungen. Beim BAG hat man viele Personalwechsel und die Taskforce hat aus mir unverständlichen Gründen einen Maulkorb versetzt bekommen», so Infektiologe Cerny.

«Der Bundesrat ist auf andere Probleme konzentriert und unter Druck wegen Schliessungen und Öffnungen. Beim BAG hat man viele Personalwechsel und die Taskforce hat aus mir unverständlichen Gründen einen Maulkorb versetzt bekommen», so Infektiologe Cerny.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Gemäss einer britischen Studie könnte der Asthmaspray Budesonid schwere Covid-Verläufe verhindern.

  • In der Schweiz ist der Spray für Covid-19-Behandlungen nicht im Einsatz.

  • Ärzte und Politiker fordern Bundesrat und BAG auf, sofort zu handeln und entsprechende Studien auf den Weg zu bringen.

Das neue Wundermittel gegen Corona soll nicht etwa eine Impfung oder ein Medikamentencocktail sein. Als neuer «Game-Changer» gehandelt wird der Asthma-Spray mit dem Wirkstoff Budesonid (siehe unten). So zeigte eine Studie aus Grossbritannien, dass mit zwei täglichen Anwendungen schwere Covid-Verläufe um 90 Prozent gesenkt werde könnten. Finanziert wurde die Studie vom britisch-schwedischen Unternehmen AstraZeneca, das selbst einen solchen Asthmaspray vertreibt.

In der Schweiz wird der Spray nicht offiziell zur Behandlung von schweren Covid-Verläufen empfohlen. Beim Bundesamt für Gesundheit sieht man sich dafür nicht verantwortlich. Auf entsprechende Fragen schreibt ein Sprecher: «Dafür sind die jeweiligen Fachgesellschaften zuständig.»

«Könnten tausende Leben retten»

Dafür gibt es Kritik des Infektiologen Andreas Cerny. Er kritisiert vor allem «die totale Absenz» der Forschungsförderung in der Schweiz. «Bund und Parlament sprechen Milliarden für Tests oder Impfungen, doch fast nichts für die eigene Forschung. Dabei haben wir einige der besten Universitäten bei uns.»

«Mit alternativen Behandlungsmethoden könnte man tausende von Leben retten. Während der AIDS-Epidemie hatten der Bund und das Parlament rasch gehandelt und Forschungsförderung betrieben, welche die Schweizer Forschung in der ganzen Welt bekannt machte», sagt Cerny. Die Frage, ob etwa Behandlungen wie Asthma-Sprays schwere Krankheitsverläufe verhindern können, könne man auch in der Schweiz in geeigneten Studien untersuchen.

Das Problem sei offensichtlich: «Der Bundesrat ist auf andere Probleme konzentriert und unter Druck wegen Schliessungen und Öffnungen. Beim BAG hat man viele Personalwechsel und die Taskforce hat aus mir unverständlichen Gründen einen Maulkorb versetzt bekommen. Schade, dass man hier eine Chance verpasst, den Schweizer Forschungsplatz mit seinen Fachkompetenzen einzubinden und zu stärken.»

In Österreich schon im Einsatz

Im Ausland ist der Spray bereits im Einsatz. Etwa in Österreich, bei Covid-Fällen mit schweren Verläufen. Mit dem Mittel behandelt das Unispital keine stationären Patienten. «Es wurde in einer kleineren Studie in England bei ambulanten Patienten getestet, die nicht zu eigentlichen Risikogruppen gehörten. Es machte den Anschein, als könnte es die Progression der Krankheit verhindern. Leider wurde die Studie frühzeitig abgebrochen, da die Patientenzahlen abgenommen hätten, weshalb es weitere Studien braucht», sagt Infektiologe Huldrych Günthard vom Unispital Zürich.

Auf politischer Ebene wird vom Bundesrat gefordert, die Wirkung der Asthma-Sprays und weiterer Medikamente schnellstmöglich abzuklären. Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel, Präsidentin der Gesundheitskommission des Nationalrats, kündigte an, die mangelnde wissenschaftliche Abklärung des Bundesrates in der nächsten Sitzung anzusprechen.

«Ausrede des BAG gilt nicht mehr»

«BAG und Bundesrat fehlt es offenbar an Wissen oder Können», sagt Humbel. Anders könne sie sich nicht erklären, weshalb man ein solch einfaches Mittel nicht nutze. «Seit Herbst bietet das Covid-Gesetz die Grundlage, um bei neuen Erkenntnissen wie dieser Studie Medikamente schnell zum Einsatz zu bringen. Eine allfällige Ausrede des BAG, die Verfahren seien kompliziert, gilt deshalb nicht mehr.» Gesunder Menschenverstand reiche, um zu merken, dass ein langjährig erprobter Asthmaspray nicht plötzlich schwere Nebenwirkungen hervorrufen könne.

Auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle fordert vom Bundesrat diesbezüglich Schritte. «Es braucht jetzt Pragmatismus. Wenn man bei langjährig erprobten Arzneien sieht, dass sie vielleicht eine positive Wirkung haben, muss man das sofort abklären.» Bäumle könne sich sogar vorstellen, das Medikament bei einer Ansteckung nach Rücksprache mit einem Arzt selber auszuprobieren. «Wenn ich die Nebenwirkungen kenne und der Spray mir vielleicht hilft, warum nicht?»

Drei verheissungsvolle Kandidaten

Budesonid

Budesonid ist mit dem körpereigenen Stresshormon Cortisol verwandt und wirkt anti-allergisch, anti-entzündlich und hemmt das Immunsystem. Es wird unter anderem bei Asthma, Bronchitis, Heuschnupfen und entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt. Als Wirkstoff gegen Covid-19 ist es seit der Veröffentlichung der Studie aus Grossbritannien in aller Munde. Zahlreiche Fachleute haben die Ergebnisse als «ermutigend» oder sogar als «Game-Changer» bezeichnet. Die Arbeit sei «gut gemacht».

Doch es gibt auch Kritikpunkte: Etwa die Tatsache, dass sowohl Probanden als auch Ärzte wussten, ob Budesonid inhaliert wurde oder ein wirkstoffloser Spray. «Ein erheblicher Placeboeffekt ist hier also möglich», erklärt Marek Lommatzsch, Oberarzt der Abteilung für Pneumologie des Zentrums für Innere Medizin der Universitätsmedizin Rostock gegenüber Aerzteblatt.de. Manuel Battegay, Chefarzt Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene weist zudem darauf hin, dass «die Studienteilnehmer meist jung waren und wenige Komorbiditäten hatten.» Auch die geringe Teilnehmerzahl wird moniert. Laut Christoph Wenisch von der Wiener Klinik Favoriten seien «derart kleine Studien sonst eher nur ‹hypothesengenerierend›.» Die Ergebnisse müssen also noch in einer grösseren Analyse überprüft und bestätigt werden.

Rechtlich möglich wäre ein frühzeitiger Einsatz. Laut Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi könne ein solcher gegen Covid-19 ausserhalb der Indikation Off-Label erfolgen. Die Verantwortung dafür tragen dann Ärztinnen und Ärzte, die gesetzlich verpflichtet sind, über den Off-Label-Use aufzuklären sowie Risiken und Nebenwirkungen anzusprechen. Prophylaktisch sollte man ihn laut dem Münchner Lungenarzt Sebastian Hellmann aber nicht nehmen: «Das bringt nichts! Wahrscheinlich sogar das Gegenteil! Sie machen sich für Corona anfälliger. Wenn man dieses Medikament nimmt, macht man sich als Gesunder, der nichts an den Bronchien hat, im Zweifel für jegliche Art von Infekten angreifbar.»

Aviptadil

Auch Aviptadil weckt Hoffnungen. Laut Relief Therapeutics, der Schweizer Firma, die den Wirkstoff unter dem Namen RLF 100 herstellt, sorgt Aviptadil dafür, dass besonders schwer erkrankte Covid-19-Patienten mit Lungenversagen rascher genesen. Die Aussage stützt sich auf mehrere Fallberichte. Eine Studie aus Brasilien zeigte zudem, dass Aviptadil die Vermehrung von Sars-CoV-2 in menschlichen Lungenzellen hemmt.

Der Stoff, der in den USA und der EU den Orphan-Drug-Status hat und damit als Substanz zur Behandlung seltener Krankheiten gilt, kann sowohl intravenös als auch inhalativ verabreicht werden. Was bei Covid-19 besser wirkt, ist noch offen. Die Ergebnisse einer Studie aus den USA über den Effekt einer intravenösen Gabe erwartet Therapeutic Relief in Kürze. Die Untersuchungen zur inhalativen Verabreichungen laufen gerade an – auch in der Schweiz: Verantwortlich für die Studie ist Jörg D. Leuppi, Professor für Innere Medizin an der Universität Basel und Leiter der Medizinischen Universitätsklinik des Kantonsspitals Baselland in Liestal. «Wir glauben, dass RLF-100 das Potenzial hat, Covid-19-Patienten davor zu bewahren, eine schwere Lungenerkrankung zu entwickeln, die auf der Intensivstation endet und eine mechanische Beatmung erfordert», so Leuppi in einer Mitteilung. Er befürwortet die inhalative Gabe: «Dadurch wirkt es direkt dort, wo wir es haben möchten: in der Lunge.» Intravenös verabreichtes Aviptadil wirkt dagegen im ganzen Körper: «Entsprechend muss man auch mit Nebenwirkungen wie Durchfall und Blutdruckabfall rechnen.» Die Resultate erwartet der Mediziner im Verlauf des Sommers 2021.

Obwohl er grosse Stücke auf Aviptadil hält, findet er es richtig, dass man mit einem breiten Einsatz des Präparats nichts überstürzt: «Wir müssen zuerst beweisen, dass Aviptadil einen klar positiven Effekt bei Covid 19 hat.» Darauf verweist man auch bei Swissmedic: «Mit dem Wirkstoff Aviptadil sind noch keine Arzneimittel zugelassen, sie befinden sich aktuell in der klinischen Entwicklung», sagt Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi.

Opaganib

Auch Opaganib, der oral verabreicht wird, befindet sich derzeit noch in der Entwicklung. Der Wirkstoff, der als anti-entzündlich und anti-viral beschrieben wird, zielt auf eine menschliche Zellkomponente ab, die an der Virusreplikation beteiligt ist, und ist damit voraussichtlich auch gegen neu auftretende Virusvarianten mit Mutationen im Spike-Protein wirksam, heisst es in einer Mitteilung des Herstellers RedHill Biopharma aus Israel.

Opaganib, das zunächst für die Behandlung von Krebs angedacht war, kam im Rahmen eines Härtefallprogramms in Israel zum Einsatz, wo es sechs Covid-19-Patienten mit mässigem bis schwerem Verlauf verabreicht wurde, die hospitalisiert waren und akute Atemwegsbeschwerden hatten, wie Pharmazeutische-Zeitung.de schreibt. Demnach habe die Behandlung mit Opaganib bei allen Patienten eine subjektiv und objektiv deutlich messbare Verbesserung des klinischen Zustands innerhalb weniger Tage nach Behandlungsbeginn geführt. So benötigten sie unter anderem weniger zusätzlichen Sauerstoff und hatten bessere Gesundheitswerte.

Ähnlich positive Erfahrungen hat auch die Luzerner Hausärztin Andrea Ludwig gemacht, die mehrere Covid-19-Patientinnen damit als Ergänzung zur herkömmlichen Therapie behandelte. Dies ebenfalls im Rahmen einer Härtefallbehandlung, wonach in der Schweiz nicht-zugelassene Arzneimittel eingesetzt werden dürfen, wenn es sich um besonders schwere Krankheitsfälle handelt, bei denen zugelassene Medikamente nicht zufriedenstellend wirken. Laut RedHill Biopharma befindet sich eine globale Phase-II/III-Studie für schwere Covid-19-Fälle mit 464 Patienten in den letzten Zügen.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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