Covid-Massnahmen – Astra-Mitarbeiter twittert gegen «Impfschafe», Politiker und Medien
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Covid-Massnahmen«Impfschafe», «Hysterisches Kreischen» – hoher Beamter lässt Wut-Tweets ab

Ein Projektleiter beim Bundesamt für Strassen kritisiert immer wieder die Covid-Massnahmen – und verstösst damit gegen interne Richtlinien. Einige Tweets würde er so nicht mehr publizieren, sagt er jetzt.

von
Claudia Blumer
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Medien kommen schlecht weg: «Coronawahnreichs-Propagandaministerium» (SRF), «Unwahrheitsradio» (RSO).

Medien kommen schlecht weg: «Coronawahnreichs-Propagandaministerium» (SRF), «Unwahrheitsradio» (RSO).

Twitter
Taskforce-Chefin Tanja Stadler wird aufgefordert, «zurück nach Deutschland zu gehen» – von Timo S. retweetet.

Taskforce-Chefin Tanja Stadler wird aufgefordert, «zurück nach Deutschland zu gehen» – von Timo S. retweetet.

Twitter
Der tägliche «Spaziergang» müsse zu den Medien führen: «Spaziergänger» nennen sich Covid-Demonstrierende in Deutschland. Ein Aufruf, vor den Medienhäusern zu demonstrieren.

Der tägliche «Spaziergang» müsse zu den Medien führen: «Spaziergänger» nennen sich Covid-Demonstrierende in Deutschland. Ein Aufruf, vor den Medienhäusern zu demonstrieren.

Darum gehts

  • Ein Mitarbeiter des Bundesamts für Strassen (Astra) kritisiert auf Twitter die Covid-Massnahmen des Bundes.

  • Er kritisiert Politiker, Journalisten und «Impfschafe» und kommentiert die Entwicklung der Pandemie mit Häme.

  • Damit verstosse er gegen die Regeln, sagt seine Arbeitgeberin auf Anfrage. Man habe den Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass er damit das Astra in Verruf bringen kann.

Er setzt stündlich mindestens einen Tweet ab, und derzeit fast nur zu einem Thema: zur Covid-Politik des Bundes, die in seinen Augen verfehlt ist. Er wettert gegen «Impfschafe», «Maskenfetischisten», «ängstliche Politiker» und «sich in Panik und hysterischem Gekreische überbietende Medien».

Timo S. macht kein Geheimnis aus seinen Ansichten: Er fühlt sich als Ungeimpfter gemobbt und kommentiert die Pandemie-Entwicklung mit Häme und Schadenfreude. Etwa den «durchbrechenden Impf- und Maskenerfolg» im Ticino, «unsere Omikron-Stube», schreibt er, begleitet von Lach-Smileys. Den Medienauftritt des Luzerner Gesundheitsdirektors kommentiert er mit «Blablabla», und schreibt in einem weiteren Tweet: «Fake kommt immer von höchster Stelle.» Taskforce-Chefin Tanja Stadler wird aufgefordert, «zurück nach Deutschland» zu gehen. Timo S. verbreitet es weiter.

Auch die Medien kommen schlecht weg: das «Unwahrheitsradio RSO», das «Coronawahnreichs-Propagandaministerium» SRF. Der «tägliche Spaziergang» müsse zu den Medien führen, schreibt Timo S. – ein Aufruf an Massnahmenkritiker, vor Medienhäusern aufzumarschieren.

Auch andere machen das. Doch bemerkenswert bei Timo S. ist, dass er in leitender Stellung beim Bund arbeitet - bei jener Institution, die er so vehement kritisiert. Der 44-jährige ETH-Bauingenieur ist Projektleiter beim Bundesamt für Strassen (Astra). Derzeit verantwortet er beispielsweise den Bau eines Sicherheitsstollens auf der Autobahn zwischen Chur und San Bernardino, ein 25-Millionen-Projekt, das über vier Jahre Bauzeit in Anspruch nimmt.

«Kann das Astra in Verruf bringen»

Wie weit Bundesangestellte auf Social-Media-Kanälen gehen dürfen, hat das eidgenössische Personalamt im Leitfaden «Umgang mit Social Media» festgehalten. Darin heisst es unter anderem: «Veröffentlichen Sie keine Aussagen, Kommentare oder Dokumente, welche der Bundesverwaltung schaden könnten.»

Die Tweets von Timo S. widersprechen dieser Regel, wie Astra-Kommunikationschef Benno Schmid auf Anfrage von 20 Minuten sagt. «Wir haben den Mitarbeiter darauf aufmerksam gemacht, dass er mit seinen Äusserungen seinen Arbeitgeber Bund und das Astra in Verruf bringen und dies allenfalls Konsequenzen für ihn haben kann», sagt Schmid.

Die Twitter-Aktivitäten von Timo S. seien dem Astra nicht bekannt gewesen, er tue dies als Privatperson. Gleichwohl sollte er sich laut Schmid bewusst sein, dass seine Äusserungen «in einem Spannungsfeld zwischen Meinungsäusserungsfreiheit und Treuepflicht gegenüber dem Arbeitgeber stehen».

Protest gegen «Ausgrenzung»

Timo S. betont auf Anfrage, dass es sich um seine private Meinungsäusserung handle. Er sei der Ansicht, dass eine freie, politische, «mitunter auch kritische und satirisch provozierende» Meinungsäusserung unabhängig von der geschäftlichen Stellung in der Schweiz möglich und akzeptiert sein sollte.

S. erklärt, warum er sich auf diese Weise öffentlich geäussert habe: «Als nicht geimpfte Person werde ich von dieser Gesellschaft ausgegrenzt und bekomme das täglich zu spüren. Jeden Tag kommt eine Lawine von Medienartikeln, in denen mir mein Entscheid zum Vorwurf gemacht wird.» Seine Twitter-Kommentare seien ein Protest dagegen. Dabei habe er wohl teilweise auch überreagiert in den Emotionen. «Gewisse Äusserungen würde ich mit etwas Distanz nicht mehr machen.» Er habe jedoch Beruf und Privates immer strikt getrennt, sein berufliches Wirken sei zu keiner Zeit tangiert gewesen.

Polarisierende Persönlichkeit

Timo S. ist offensichtlich eine Persönlichkeit, die polarisiert – nicht nur auf Twitter, sondern auch in seiner Wohngegend in der Ostschweiz. Dort kandidierte er 2019 für den Ständerat, erhielt jedoch nur wenige Stimmen. Dies als Parteiloser - kurz zuvor hatte er den Grünliberalen den Rücken gekehrt, nachdem sie ihn schwer enttäuscht haben, wie er dem Radio SRF sagte. Es war nicht der erste Versuch: S. hatte zuvor schon für das Regional- und auch für das Kantonsparlament kandidiert - ebenfalls erfolglos.

Der passionierte Bergsteiger interessiert sich vor allem für die Natur. Bäche und Flüsse seien der Grund, warum er sich politisch engagieren wolle, sagte er im Wahlkampf 2019. Gefragt, in welcher Partei er politisieren würde, wenn er nicht parteilos wäre, antwortete er: bei den Grünliberalen oder bei der SP.

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