Schweden statt Schweiz: Asylsuchende reisen weiter Richtung Norden
Aktualisiert

Schweden statt SchweizAsylsuchende reisen weiter Richtung Norden

Die Zahl der Asylgesuche geht deutlich zurück: Flüchtlinge sehen die Schweiz laut dem BFM oft nur noch als Transitland – ihr Ziel ist Skandinavien.

von
lüs/cbe
Bleiben in den Asylzentren - hier ein Bild aus Basel - zukünftig die Betten leer? Die Zahl der Asylgesuche hat im dritten Quartal 2013 erneut abgenommen.

Bleiben in den Asylzentren - hier ein Bild aus Basel - zukünftig die Betten leer? Die Zahl der Asylgesuche hat im dritten Quartal 2013 erneut abgenommen.

Obwohl die täglichen Meldungen von Flüchtlingsmassen, die an den Grenzen Europas stranden, anderes erwarten lassen, geht die Zahl der Menschen, die in der Schweiz Asyl beantragen, deutlich zurück: Noch 4861 Gesuche wurden zwischen Juli und September eingereicht. Dies sind acht Prozent weniger als noch im zweiten Quartal des Jahres und gar 38 Prozent weniger als in der gleichen Vorjahresperiode, wie das Bundesamt für Migration (BFM) heute Dienstag bekannt gab.

Es gebe Anzeichen, dass die Schweiz für viele Flüchtlinge gegenwärtig nur noch ein Transitland sei, sagt BFM-Sprecher Michael Glauser: «Sie durchqueren die Schweiz, ohne ein Asylgesuch zu stellen – ihr eigentliches Ziel sind die skandinavischen Länder.» Beliebtestes Ziel ist Schweden: Das Land hatte Anfang September angekündigt, allen, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien flüchten, unbefristet Asyl zu gewähren.

48-Stunden-Regel wirkt abschreckend

Zudem wirke sich die 48-Stunden-Regel aus, so Glauser. Seit August 2012 werden Gesuche aus Serbien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina und seit März 2013 auch aus dem Kosovo und Georgien innerhalb von zwei Tagen behandelt. Die Chancen von Personen aus diesen Staaten auf einen positiven Entscheid liegen beinahe bei null. «Dies hat sich schnell herumgesprochen und führt dazu, dass viele Personen aus diesen Ländern gar nicht mehr in die Schweiz kommen», so Glauser.

Während die Zahl der Asylgesuche in der Schweiz zurückgeht, nimmt sie in den angrenzenden europäischen Staaten zu. Glauser sagt: «Wir rechnen damit, dass die Zahl der Gesuche auch hierzulande wieder ansteigen könnte.» Dass täglich 200 bis 300 Flüchtlinge in Lampedusa ankommen würden, werde früher oder später auch auf die Schweiz Auswirkungen haben.

Zahl der Gesuche aus Eritrea und Nigeria geht zurück

Die wichtigsten Herkunftsländer der Asylsuchenden waren im dritten Quartal Eritrea (764 Gesuche), Syrien (355) und Nigeria (296). Im Vergleich zur Vorjahresperiode sind die Gesuchszahlen aus Eritrea und Nigeria rückläufig.

Stella Jegher, Sprecherin von Amnesty Schweiz, erstaunt die Abnahme der Asylgesuche nicht. In der Vergangenheit habe die Schweiz verschiedene Massnahmen ergriffen, um als Asylland weniger attraktiv zu sein. Es sei zynisch, Bürgerkriegsflüchtlingen zu unterstellen, sie suchten ein möglichst attraktives Fluchtland: «Diese Leute flüchten schlicht und einfach vor realen Gefahren.»

«Abkehr von humanitärer Tradition»

Man könne es nicht als gelungene politische Leistung bewerten, wenn in einer Zeit, in der weltweit eine rekordhohe Anzahl Menschen auf der Flucht sei, die Zahl der Asylgesuche sinke. Dies bedeute letztlich, dass die Schweiz entgegen ihrer humanitären Tradition auch gegenüber den wirklich Schutzbedürftigen keine Offenheit zeige, so Jegher.

Ähnlich argumentiert der Grüne Balthasar Glättli: «Die Zahlen zeigen, dass die Diskussion in der Öffentlichkeit und in den Medien, wonach wir von einer Flüchtlingswelle überrollt werden, nicht immer viel mit den realen Zahlen zu tun hat.» Sollte die Schweiz tatsächlich nur noch Transitland für Syrer sein, die im grosszügigeren Schweden ein Gesuch einreichen, zeigt dies für ihn eine Problematik der Schweizerischen Asylpolitik.

«Schweiz macht schwache Figur»

Bei den syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen habe die Schweiz in den letzten Jahren eine sehr schwache Figur gemacht: Obwohl diese Leute ein offensichtliches Schutzbedürfnis hätten und vorläufig aufgenommen werden müssten, warteten sie zum Teil schon seit Jahren auf eine erstinstanzliche Behandlung ihres Gesuchs. «Wenn wir unser Asylgesetz ernst nehmen wollen, müssen wir solche Gesuche schneller behandeln.»

Für SVP-Nationalrat Heinz Brand ist die rückläufige Anzahl der Asylgesuche nur eine «Momentaufnahme». Mit knapp 43'000 hängigen Asylgesuchen liege die Zahl weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Dass rund die Hälfte der Asylgesuche von Afrikanern stamme, zeige auch, dass die Schweiz weiterhin als attraktives Zielland für Wirtschaftsflüchtlinge wahrgenommen werde.

Er glaube nicht, dass die Schweiz längerfristig nur noch zu einem Transitland für Asylsuchende werde, die nach Schweden wollten, denn dafür sei sie zu attraktiv. «Schweden wird über kurz oder lang von dieser Aufnahmepraxis überfordert sein und davon abkommen», glaubt Brand. Die Schweiz sollte sich vielmehr stärker in den Nachbarstaaten Syriens für die Bürgerkriegsflüchtlinge engagieren, wohin die meisten Syrer flüchteten. Viele wollen gar nicht in ein weit entferntes Land flüchten. «Wenn die Schweiz vor Ort Hilfe leistet, wird auch eine spätere Rückführung einfacher.»

Deine Meinung